Spannungsvoll ausgeglichen
Foto: Meike Droste als Sonja in Jürgen Goschs Inszenierung von „Onkel Wanja“. © Drama Agentur für Theaterfotografie Iko Freese / DRAMA Text:Detlev Baur, am 1. März 2010
Die Schauspielerin Meike Droste ist gerade 30 geworden und hat schon manche Theatersternstunde mitgestaltet. Ein Porträt.
Mit ihrer Anorak-Jacke sieht die junge Frau eher aus, als sei sie in dieser Bühnenwelt nur zu Besuch. Wenn sie um Haltung bemüht ihre Erlebnisse im Gefängnis beschreibt, zeigt sich allerdings sehr schnell, dass da im Zentrum des Bühnengeschehens ein menschliches Katastrophenkraftwerk brütet und zuweilen dann auch explodiert: Meike Drostes Donna McAuliffe malträtiert ihre Mutter in einer unspaßigen Kissenschlacht.
Die Darstellerin – sie ist gerade 30 Jahre alt geworden – ist eine der herausragenden jungen Charakterschauspielerinnen der deutschen Theaterszene. Sie wirkt dabei außergewöhnlich ernsthaft und ausdrucksstark und ähnelt darin ihren Kolleginnen Constanze Becker und Sandra Hüller. Männliche Berufskollegen desselben Alters scheinen dem nur wenig vergleichbar Kraftvolles entgegensetzen zu können. Besonders beeindruckte Meike Droste in den letzten Jahren durch ihre vielschichtig-packenden und dabei auch ganz leise komischen Rollen in Jürgen Goschs Tschechow-Inszenierungen: „Onkel Wanja“ und „Die Möwe“. Für die Rolle der Mascha in dieser Inszenierung erhielt sie Ende letzten Jahres den Deutschen Theaterpreis DER FAUST.
Rausch und Bühnenpräsenz
Als Sonja in „Onkel Wanja“ glänzte sie durch das Spielen einer starken Persönlichkeit; in ihrem Schlussmonolog beschreibt sie nicht nur mittels Worten eine starke innere Gefasstheit, sondern vermittelt diese auch durch ihre ruhige Präsenz. Zuvor sind es in dieser Inszenierung zahlreiche unterschiedliche Aspekte, die Droste an der jungen Frau zeigt, ohne sie dabei als bloßes Sammelsurium von Figurenteilen anzulegen. Vielmehr entsteht das lebhafte Bild eines komplexen Menschen. Wenn sie vom angebeteten Doktor schwärmt, fließen zwar viele Tränen, doch erscheint diese Sonja zugleich gar nicht als weinerlich, eher tapfer. Langeweile und genussvolles Leiden, intensive hoffnungslose Liebe und Pragmatismus, girliehafte Unausgeglichenheit und Erwachsensein halten eine spannungsvolle und heiter-komische, aber nie lustige Waage.
Meike Droste ist zu einer ungeheuren Bühnenpräsenz fähig. In der Figur der Mascha kulminiert das in einer intensiven Umarmung mit dem Doktor (dieses Stücks) und später in einem von Alkohol und Lebensmüdigkeit befeuerten Möwen-Tanz mit dem ebenfalls desorientierten Dichter Trigorin des Alexander Khuon. In solchen gleichsam rauschhaften schauspielerischen Höhepunkten gelingt es Meike Droste, mit ihren Mitspielern das Innerste, sprich: die inneren Spannungen der Figuren, sichtbar und hörbar zu machen.
Suche nach dem Kern der Rolle
Unweigerlich kommt unser Gespräch auch bald auf Jürgen Gosch; Droste berichtet so ernsthaft wie amüsant von den Proben und erzählt dabei zahlreiche Anekdoten von „Herrn Gosch“, wie sie den im letzten Jahr verstorbenen Regiemeister ehrfurchtsvoll nennt. „Ne Leute, probiert mal rum“, war einer seiner häufigsten Sätze auf Proben, die bis in die Vorstellungen hinein nie zu Ende waren. So berichtet sie, wie sie für die Möwen-Tanz-Szene auf einer Probe anderthalb Stunden pausenlos mit Alexander Khuon getanzt habe; bei der nächsten Probe hätten sie die Szene dann ganz unbewegt gespielt; vor der Premiere schließlich habe sie selbst von sich aus das Gefühl gehabt, einen ganz ruhigen Tanz ausprobieren zu wollen.
Was sie auf der FAUST-Preisverleihung schon eindrucksvoll klar äußerte, wiederholt sie nun auch: dass sie sich über den Preis deshalb so freut, weil er zeige, dass ihre Arbeit mit Gosch nicht nur für sie persönlich sehr besonders war, sondern auch von Zuschauern so wahrgenommen wurde. Ein großes Theaterglück, das zunächst einmal fehlt.
Nun spielte Meike Droste die düstere Figur der Donna in der deutschen Erstaufführung von Dennis Kellys „Taking Care of Baby“. In der etwas uneinheitlichen Regie von Sascha Hawemann versucht Droste sichtlich, ihrer Rolle gerecht zu werden, ohne dabei ihre Abgründe zu überspielen. Während mancher Mitspieler seine Figur eher zur Karikatur verzerrt, bemüht sich Meike Droste, den Kern der Rolle zu finden. Wenige Wochen zuvor ließ sie sich in Jette Steckels „Othello“-Inszenierung als Desdemona, ebenfalls an den Kammerspielen des Deutschen Theaters, von Susanne Wolffs Othello töten. Obgleich Drostes zu ermordende Offiziersgattin keineswegs als unausweichliche feminine Opferfigur erscheint, sich vielmehr auch selbstbewusst, stolz oder zickig verhält, passt auch diese Figur in die Reihe ernsthafter Rollen.
Theater und Fernsehen
Immer zeigt Meike Droste, besonders bemerkenswert in den beiden Tschechow-Inszenierungen, aber auch in den jüngeren Arbeiten mit anderen Regisseuren, zugleich die Stärke der Figuren wie ihre Schwächen. Dadurch sind die Menschen der Meike Droste immer sehenswert, nie lau. Was ihrem Bühnenspiel zuweilen vielleicht abgeht, ist eine flexibel scheinende spielerische Leichtigkeit. Tatsächlich hat sie bisher eher in Klassikern gespielt, oft mit älteren Regisseuren. In Inszenierungen von Nicolas Stemann oder René Pollesch ist sie bislang kaum vorstellbar, eine Thalheimer-Inszenierung mit ihren hochkonzentrierten und dabei stilisierten Figuren dagegen könnte wohl eine naheliegende, spannende Herausforderung für Meike Droste darstellen.
Ihre beeindruckende Karriere war nicht von Kindesbeinen an geplant: „Es ist eher immer so passiert.“, meint die in der Nähe von Augsburg aufgewachsene Droste. Gleich von der Schauspielschule, der Münchner Otto-Falckenberg-Schule weg, engagierte Claus Peymann Meike Droste 2002 ans Berliner Ensemble. Hier spielte sie die Titelrolle in der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe“. 2004 wechselte sie für zwei Jahre ans Schauspielhaus Zürich, bevor sie 2006 ans Deutsche Theater nach Berlin kam. Dass Droste auch sehr komisch wirken kann, zeigte sie in der ARD-Fernsehserie „Mord mit Aussicht“, von der im Mai neue Folgen ausgestrahlt werden sollen.
Kein extremer Typ
Dennoch ist es bei unserem Treffen im ehrwürdigen Max-Reinhardt-Saal des Deutschen Theaters schon eine Überraschung, dass Meike Droste mir als eine ungemein lebhafte, humorvolle und offene Frau begegnet. Divenhaft wirkt die Schauspielerin auch auf der Bühne nicht, aber eine sehr ernste oder eigenwillig verschlossene Künstlerin hätte man vielleicht schon erwarten können. Zumal sie im Gespräch den Eindruck bestätigt, dass, verglichen mit Kollegen, rasche Verwandlungskunst nicht ihre größte Stärke sei.
Offenbar bezieht die junge Schauspielerin, die demnächst ihr zweites Kind zur Welt bringen wird, ihre szenischen Blicke in menschliche Abgründe nicht direkt aus eigenen biografischen Grenzerfahrungen, sondern steht vielmehr mit beiden Beinen im Leben. Und wirft dabei erstaunte Blicke nicht nur in die eigenartige Welt des Theaters – „Es ist schon oft ein absurder Beruf, wenn Du morgens um zehn auf der Probe erzählst wie dein Kind gestorben ist.“ –, sondern auch in die Wirklichkeit: etwa wenn sich im Kindergarten Eltern um die Englischkenntnisse ihrer Kleinen sorgen. „Ich bin überhaupt kein extremer Typ“, meint sie. Zwar sei sie sehr emotional und lebhaft, aber zugleich auch ein ausgeglichener Mensch. Selbst-Quälen, das kennt sie durchaus – bei der Arbeit, der sie sich lustvoll verschreibt.
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr. 3/2010.