Bühne und Zuschauerraum der Luisenburg-Festspiele.

Musical zwischen Wald und Felsen

Birgit Simmler, ausgebildet am Broadway, ist seit 2018 künstlerische Leiterin der Luisenburg-Festspiele Wunsiedel. Ihr Ziel ist es, die fränkische Sommerbühne zu einem zentralen Platz für Musical-Uraufführungen zu machen.

Eine schräge Erfahrung im Pandemie-März 2021: eine vierstündige Zugreise an einem Sonntagnachmittag mit Maske in einem extrem spärlich besuchten ICE. Im komplett leeren Waggon im Regionalzug von Nürnberg nach Marktredwitz folgt ein langes Gespräch mit einem aus der Türkei stammenden Kontrolleur mit oberfränkischem Akzent, der gerade schmerzvoll an „seiner“ CSU verzweifelt. Schroffe Felsen und murmelnde Bäche dominieren die Landschaft. Auf dem Bahnsteig eine einsame Maske. Der frisch getestete Pressesprecher Christof Kaldonek bringt mich auf die Luisenburg. Ich bin der einzige Gast im Festspielhotel. Es liegt Schnee, die Wege ums Theater und hin zum „Felsenlabyrinth“, einer geologischen Formation und lokalen Sehenswürdigkeit, sind seifig. Abends zieht Nebel herein.

Ältestes Festival in Deutschland

Seit 130 Jahren gibt es Open-Air-Festspiele auf der Luisenburg bei Wunsiedel vor gewaltiger, steiler Waldkulisse. Es ist das älteste Festival in Deutschland und wohl auch das mit den meisten Zuschauern. Über 150000 waren es im besten Jahr. Eine sechsstellige Zahl, 85 Prozent Platzausnutzung bei knapp 2000 Sitzplätzen ist notwendig, um das Festival wirtschaftlich am Leben zu erhalten. 13 Jahre lang hat Michael Lerchenberg das erfolgreich getan. Sogar zusätzliche Verwaltungsräume wurden in seiner Ägide in den Fels gehauen. Im Zentrum von Lerchenbergs Spielplan standen niederbayerische Volksstücke, zugleich Publikumsrenner und, wegen des „falschen“ Dialekts, ein Stich in die oberfränkische Seele.

2018 ist Birgit Simmler als seine Nachfolgerin angetreten, am Broadway ausgebildet, zuletzt Kulturbeauftragte im hessischen Biedenkopf mit selbst designtem Festival inklusive Musical-Uraufführungen. Gleich im ersten Jahr in Wunsiedel zeigte sie „My Fair Lady“. Genre-Mainstream, na klar. Aber mit oberfränkischem Dialekt – und einer schwarzen Hauptdarstellerin. Zodwa Selele ist im Nachbarort Kirchenlamitz aufgewachsen und übersetzte Elizas Dialog- und Liedtexte mit ihrer alten Realschullehrerin ins Oberfränkische.

Regional und selbst entwickelt

Musical will Birgit Simmler viel machen auf der Luisenburg, aber eigentlich keinen Mainstream, eher das Gegenteil: Stücke selbst entwickeln, im Dialog mit nationalen und internationalen Teams, am liebsten jedes Jahr eine Uraufführung in ihrer bis 2027 laufenden Intendanz. Für die erste, das Familienmusical „Dschungelbuch“ mit Musik von Paul Graham Brown, schrieb Simmler selbst das Libretto. Und orientierte sich nicht am berühmten Disney-Film, sondern an Rudyard Kiplings Erzählung. Im Zentrum stand der Gegensatz zwischen einem demokratischen, toleranten Weltentwurf (die Wölfe) und der ausgrenzenden, fremdenfeindlichen Tyrannis (Shir Khan, der Tiger). Es wurde ein großer Erfolg. 2019 folgte ein Versuchsballon für Erwachsene. Mit „Zucker“, einem Stück über Schmuggel im Fichtelgebirge zu Napoleons Zeiten, wieder mit Text von Simmler und Musik von Paul Graham Brown, wollte sie herausfinden, wie aufgeschlossen das Publikum regionalen Musicalstoffen gegenüber ist. Zu nur drei angesetzten Aufführungen kamen immerhin über 4000 Zuschauer.

Szene aus der Uraufführungsproduktion von „Zucker“. Ein Mann und eine Frau stehen in einem Wald und umarmen sich. Im Hintergrund schaut ein Mann mit Zylinder hinter einem Baumstamm hervor.

Szene aus der Uraufführungsproduktion von „Zucker“ (2019). Foto: Luisenburg-Festspiele

Seit 2019 veranstaltet Simmler zudem jedes Jahr gemeinsam mit der Deutschen Musical Akademie ein Symposium auf der Luisenburg, um sich zu vernetzen, neue Entwicklungen zu erspüren, Pläne zu konkretisieren, Ideen zu ventilieren und Partner zu finden. Können Festspiele im Fichtelgebirge zum Mekka des neuen deutschen Musicals werden? Es folgen Essenzen eines ausführlichen und intensiven Gesprächs:

Birgit Simmler über…

…die Faszination Musical

„Was mich am Musical fasziniert, ist die Logistik, die da dranhängt. Großes Ballett. Großes Ensemble. Großes Orchester. Die Story, die erzählt werden muss. Die riesigen Bühnenbilder, die hin- und hergefahren werden. Die vielen Aspekte, dass du dich fragst: Von wie viel Seiten fließt da eigentlich Hirnschmalz in so eine Produktion? Und doch braucht es immer eine Aussage. Mit ‚showy showy glitzi glitzi‘ kann ich nichts anfangen.“

…ihre Intendanz der Luisenburg-Festspiele in Wunsiedel

„Es macht Sinn, dass ich hier bin. Dieses Theater ist ein Publikumstheater. Und mich interessiert die Frage: Wie machen wir Theater für ein ganz breites Publikum? Ich will auch hier, gerade hier in der fränkischen Provinz, etwas zeigen, das schick ist. Dabei bin ich einerseits von Enthusiasmus, andererseits von Angst getrieben. Denn wenn ich ein Stück groß ansetze, müssen schon immer Minimum 25000 Besucher reingehen.“

…Stadttheater und Privattheater

„Ich bin im Deutschen Bühnenverein und im Vorstand der Deutschen Musical Akademie, habe gute Kontakte zu mehreren Privat- und Tourneetheatern. Mein Eindruck ist, dass da zwei Szenen komplett ahnungslos nebeneinanderher schwimmen. Es gibt wenig Berührungspunkte, wenig Wissen übereinander.“

Porträt von Birgit Simmler, künstlerische Leiterin der Luisenburg-Festspiele.

Birgit Simmler, künstlerische Leiterin der Luisenburg-Festspiele. Foto: Luisenburg-Festspiele

…Musical in Deutschland

„Warum haben wir so wenig eigenes Musical hier? Weil die guten Leute unter den Nazis alle weg sind, nach London und New York. Und als sie nach dem Krieg wiederkamen, gab es Oper, Schauspiel und Tanz. Schön getrennt. Wie macht man da Musical? Inzwischen gibt es hier endlich ein Dutzend Schreibteams, die auf hohem Niveau Musicals entwickeln.“

…das Vorurteil, dass Musicals immer kommerziell ausgerichtet sind

„Die Vermarktung wird immer mitgedacht. Ich muss schon sehen, dass ich das verkauft kriege. Das ist ja auch Teil des Spaßes. Natürlich sind die Produktionskosten im Musical höher als im Schauspiel – aber die Publikumsresonanz ist es auch. So setze ich hier in Wunsiedel bei einem erfolgreichen Musical weniger zu als bei einer erfolgreichen Schauspielproduktion.“

…ihr Theaterverständnis

„Für mich funktioniert Theater projektgetrieben. Ich will mit einem gut gemachten Stück ein möglichst großes Publikum erreichen. Und ich gehe immer von der Haltung und den Erwartungen des Publikums aus. Ich bin sicher, dass die Menschen nicht ins Theater kommen, weil sie irgendeine Abhandlung wollen über was auch immer. Für mich ist Theater die Bespiegelung gesellschaftlicher Vorgänge auf der unmittelbar emotionalen Ebene. Und also auch immer eine Dauerübung in Toleranz für alle Beteiligten.“

…und Kunst

„Ich will über Kunst gar nicht reden. Es geht um Handwerk, darum, sich mit allen Mitteln auf allen Ebenen mit Stoff und Stück professionell auseinanderzusetzen. Kunst ist nichts, was man wollen kann. Kunst entsteht.“

Aufführungsfoto von My Fair Lady bei den Luisenburg-Festspielen.

„My Fair Lady“ mit Zodwa Selele (l.) in der Titelrolle (2018). Foto: Luisenburg-Festspiele

Feedback

Ausführlich wird Birgit Simmler besonders, wenn sie von Entwicklungs- und Produktionsprozessen im Musical spricht. Immer wieder fällt da der Ausdruck Feedback-Kultur, der für sie beschreibt, worauf es ankommt: Zusammenarbeiten, offen sein für Anregungen und Kritik. In Deutschland sei das nach wie vor keine Selbstverständlichkeit: „Wenn Sie mit Autoren arbeiten und denen sagen, dies, das oder jenes sollen sie noch mal überdenken – wenn das ein Autor oder eine Autorin aus dem angloamerikanischen Sprachraum ist, nimmt er das als normales Feedback.

In Europa wird das oft als Beleidigung, sogar als narzisstische Kränkung oder als professionelle Herabsetzung wahrgenommen“, erklärt sie. Das macht das nichtindustrielle Produzieren von Musicals nicht eben einfacher, schreckt Birgit Simmler aber offenbar nicht ab. So hat sie etwa dem norwegischen Team Wiik/Kverndokk bei dessen für Juli in Wunsiedel geplantem „Der Name der Rose“-Musical die Rezitative abgehandelt – und sich gleich mit ihnen auf ein Anschlussprojekt geeinigt. Auch für das ebenfalls für diese Saison geplante Italo-Pop-Musical „Pinocchio“ von Saverio Marconi, an dessen Entstehung immerhin drei Komponisten und vier Autoren beteiligt waren, hat sie umfangreiche Kürzungen ausgehandelt. Wenn immer möglich, versucht sie das in direkter Kommunikation mit den Autoren und Komponisten. So kommt man auch wieder ins Gespräch – Feedback-Kultur eben.

Naturbühne

Über Corona haben wir nicht gesprochen. Die Luisenburg-Festspiele haben ihren Beginn um sechs Wochen auf Anfang Juli verschoben. Und hoffen. Etwas anderes bleibt ja nicht. Nach drei Stunden intensiven Gesprächs setze ich mich Montagnachmittag wieder in leere Züge, diesmal ohne Schaffnerkontakt. Interessieren würde mich schon, wie so ein großes Musical auf der Naturbühne aussieht, ob es wirklich viele Musical-Uraufführungen geben wird in Wunsiedel in den nächsten Jahren. Und was das für das Image des Genres bedeuten könnte.

Birgit Simmler, geboren 1972 in Münster, ist seit 2018 Künstlerische Theaterleiterin der Luisenburg-Festspiele in Wunsiedel in Oberfranken. Studium der Anglistik und Germanistik in Berlin und USA. Hospitanz bei Broadway-Produzent Emanuel Azenberg. Produktionsleiterin unter anderem bei den Vereinigten Bühnen Wien, KlangBogen Wien, Tollwood GmbH München und Companions Opera Amsterdam. Parallel Tätigkeit als freie Regisseurin. 2009 bis 2017 Kulturbeauftragte der Stadt Biedenkopf/Hessen, Gründung eines eigenen Festivals, Produktion mehrerer Musical-Uraufführungen.

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr. 6/2021.