Foto: „Thyestes“ von Hugo Claus nach Seneca in der Regie von Joanna Lewicka mit Astrid Meyerfeldt. © Gábor Hollós
Text:Michael Laages, am 26. September 2026
Die neue Schauspielleiterin in Schwerin, Joanna Lewicka, startet mit Abgründigem: „Thyestes“ von Hugo Claus nach Seneca am Mecklenburgischen Staatstheater setzt einen neuen Ton mit grausam starkem Material.
Das Grauen – so berichtet der antike Mythos – begann an der Tafel der Götter: Tantalus, einer der Söhne des Zeus, servierte der heiligen Familie Pelops, den eigenen Sohn, als kannibalisches Festmahl. Angeblich, um die Allwissenheit der Götter zu prüfen. Die Strafe für die Untat war fundamental – der frevlerische Küchenchef hatte fortan unerträgliche Qualen zu leiden, etwa ewigen, unstillbaren Durst. Und die Geschichte von Wahnsinn und Menschenopfer setzte sich fort – im „Fluch der Tantaliden“ wie in der Geschichte der Atriden, der Familie um den Patriarchen Atreus, der seinerseits von Tantalus abstammt und mit Bruder Thyestes einen weiteren Spross der Familie beseitigt hatte, um gemeinsam in Mykene zu herrschen. Der Fluch wirkt weiter: Thyestes betrügt Atreus mit dessen Frau – worauf der Betrogene dem Betrüger die Kinder raubt, tötet und den eigenen Vater (wie einst Papa Tantalus den Göttern) als sehr spezielles Gericht vorsetzt.
Vom römischen Philosophen, Autor und Politiker Seneca zum Bühnenstück verdichtet, bearbeitete der belgische Schriftsteller Hugo Claus vor gut sechs Jahrzehnten seinerseits Seneca – und entwarf die Vision eines apokalyptischen Menschheitstheaters.
Statements
Dass die neue Schweriner Schauspieldirektorin Joanna Lewicka ausgerechnet diesen Stoff an den Anfang der eigenen Zeit in der mecklenburgischen Landeshauptstadt stellt, ist ein Statement. Wer mag, wird die Inszenierung verstehen als verzweifelten Kommentar über den Zustand der Welt, wie sie (inzwischen wieder) ist: kalt und menschenfeindlich. Da ist nirgends ein Moment, der Hoffnung stiften könnte. Auch darum fokussiert die Inszenierung im ersten Bild das Inferno, von dem jetzt die Rede sein wird – zweigeteilt ist im Video das zerrissene Gesicht eines alten Mannes zu sehen, unter einem Augenlid quellen blutige Tränen hervor … Tantalus weint.
Frank Büttner spielt dieses menschlich-unmenschliche Götter-Tier: mächtiger Körper, mächtige Stimme, roh wie in so vielen Theater-Fantasien von Frank Castorf. Wie überhaupt dieser Auftakt eine Art Echokammer vergangener Volksbühnen-Zeiten ist – im zentralen Brüderpaar vor allem. Thyestes, die Titelfigur, Betrüger und Opfer der kannibalischen Rache des eigenen Bruders, spielt Norbert Stöß, der noch in Vorwendezeiten und in Gera zum Kern der kleinen, widerständigen Theaterzelle um Castorf, Leander Haußmann und Uwe Dag Berlin gehörte. Das mörderische Gegenüber spielt Astrid Meyerfeldt, zu Beginn der 90er Jahre Teil des innersten Castorf-Kerns am Rosa-Luxemburg-Platz. Vor zwei Jahren kam sie ins Schweriner Ensemble. Wer mag, wird auch diese Konstellation als Statement begreifen.

„Thyestes“ von Hugo Claus nach Seneca am Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin. Foto: Gábor Hollós
Versöhnungsschmaus in der Trümmerküche
Den die eigene Ur-Schuld beweinenden Tantalus begleiten Geister. Kostümbildnerin Marta Góźdź (El Bruzda) hat sie in extrem enge Body-Suits gepackt – quasi nackt wie die Mehlwürmer. Eins der Wesen, das neue Ensemblemitglied Svetlana Belesova, windet sich zu Beginn wie im Nachtclub um die Pole-Stange und beschwört das schaurige Schicksal, das Tantalus über die Welt gebracht hat. Derweil schauen wir in eine Art Trümmerküche – Norbert Bellens bühnenbreiter Raum hat gezackte Ränder wie nach einem Bombenangriff: Dieser zerstörte Raum wird zum Spielraum, ja zur Zweikampfarena für die Vernichtungsenergie zwischen den Brüdern. Perfide umgarnt Atreus den heimkehrenden Thyestes, um ihn in die Falle zu locken. Zum Versöhnungsschmaus kredenzt er ihm mit blutrotem Wein die Überbleibsel der eigenen Söhne. Die Köpfe lagern derweil im Kühlschrank.
Revoltierende Gedärme
Auch die Brüder lösen sich zunehmend auf, werden immer „nackter“ – bis sie ineinander verschlungen auf dem Tisch im Vordergrund hocken: als wären sie selber die verzweifelt aneinander geklammerten Kinder, die so unfassbar grausam geopfert worden sind. Tatsächlich sind auch wir, das Publikum, in eine Art Falle gelockt worden – erst nämlich betrachten wir das opulente Gelage mit viel fleisch-farbenem Zeug und reichlich rotem Saft. Und danach, wenn Thyestes kräftig zugelangt hat und pappsatt den Wanst streichelt, erfahren wir in einem antike-typischen Botenbericht, was Papa Thyestes zu sich genommen hat … Max Koch liefert diesen Monolog und wird zur großen Bereicherung für das Ensemble. Kaum weiß Thyestes, was auf der Speisekarte stand, da revoltieren die Gedärme und der satte Kannibale muss sich dringend auf die Spüle hocken.
Kein Bild an diesem Abend „tut gut“, alles ist Grauen pur. Sogar die Sonne verbirgt das Gesicht vor den Schrecken der Menschheit. „Schwärzeste Nacht“ legt sich über die Welt, sagt der Text. Joanna Lewicka lässt weder der gruseligen Geschichte noch uns Zeit für Atemholen und Beruhigung. Im Gegenteil: ein Chor der Bürgerinnen und Bürger, angeführt von Ensemble-Kräften wie dem unverzichtbaren Jochen Fahr kommt aus der Höhe der Zuschauerränge herab und ist genauso konsterniert wie wir angesichts der schrecklichen Geschichte … Erst ganz am Ende von Tantaliden- und Atriden-Fluch wird die Bürgerschaft die Götter in Rente schicken – und die „Demokratie“ erfinden.
Neuer Ton
Stark also wirken Material und Inszenierung. Und es hätte womöglich gar nicht der „spartenübergreifenden“ Zugaben bedurft. Aber die Kolleginnen und Kollegen vom Tanz sind durchaus effektvoll als Geister des Tantalus platziert. Und die von Yudania Gómez Heredia beigesteuerten Kompositionen für kleines Streicher-Ensemble und Perkussion sind im besten Sinne Zwischenmusik im Schauspiel – mehr aber auch nicht.
Alles gut also am Schweriner Schauspiel-Start? Für den Moment schon. Die Verletzungen aber bleiben, die die rabiate „Renovierung“ im Ensemble gerissen hat. Und natürlich kann noch niemand ahnen, ob die Kultur-Kundschaft in der Stadt zurechtkommen wird mit dem neuen Ton – und mit grausam starkem Tobak wie diesem „Thyestes“.