Aufführungsfoto von „Stahlgipfel“. Ein Mann und eine Frau stehen sich gegenüber, beide tragen ein spitzes Partyhütchen, sie hat eine Plastiktüte in der Hand. Rechts hinten schaut ein Mann in einen hell erleuchteten Coca Cola-Automaten.

Nostalgischer Kneipenabend

Frieda Lange, Joosten Ellée, Emil Borgesst, Cora Durmann: Stahlgipfel

Theater:Ruhrtriennale / Schauspiel Essen, Premiere:25.09.2026 (UA)Regie:Frieda LangeMusikalische Leitung:Joosten Ellée

Ruhrtriennale in Koproduktion mit dem Schauspiel Essen: Die Uraufführung von „Stahlgipfel“ von Frieda Lange, Joosten Ellée, Emil Borgeest und Cora Durmann ist ist ein postdokumentarisches Musiktheater über die Abwicklung der Kohleindustrie im Pott und soziale Verwerfungen.

Dass eine Theaterarbeit bereits für ihr bloßes Konzept einen Preis gewinnt, passiert nicht alle Tage. „Stahlgipfel“ ist dieses Kunststück gelungen, das Projekt gewann den Mortier Next Generation Award, also eine mit der Ruhrtriennale verbundene Auszeichnung für junge Theaterschaffende.

Der Abend, der schließlich mit dem Essener Theater realisiert wurde, hat dabei mit dem Triennale-Motto „Longing for Tomorrow“ eher wenig zu tun, geht es hier doch vielmehr um eine unverhohlen nostalgische Rückschau auf längst vergangene Zeiten, als im Ruhrrevier Kohle gefördert und Stahl gekocht wurde.

Ironischer Ansatz

„Postdokumentarisches Musiktheater“ nennt sich dieser Abend in Essen nun, wieder ein neues Genre. Gemeint ist, dass im Vorfeld fleißig recherchiert wurde, etwa bei Menschen, die im ausgehenden 20. Jahrhundert „wegrationalisiert“ wurden. Dass dieses reichhaltige, politisch durchaus relevante Material dann jedoch kräftig gefiltert, ins Fiktive verwoben und mit einem ausgeklügelten musikalischen Konzept gewissermaßen sublimiert wurde. Der Titel „Stahlgipfel“, versteht sich, hat einen unübersehbar ironischen Akzent. Denn jene Konferenzen führten seinerzeit ja nicht zu einvernehmlichen und verträglichen Lösungen. Die Kohleindustrie wurde abgewickelt, viele Menschen wurden arbeitslos.

Aufführungsfoto von „Stahlgipfel“. Im Hintergrund vier Personen stehen in einer Reihe. Im Vordergrund: Ein Mann spielt eine Geige, eine Frau sitzt am Klavier und eine Frau spielt Cello.

„Stahlgipfel“ mit Bettina Engelhardt, Ronald Radusch González, Philipp Noack, Silvia Weiskopf, Pablo Alvarado, Live-Musiker*innen: Laura Isbert, Başak Merev, Joosten Ellée. Foto: Maximilian Borchardt

Wir erleben fünf Leute in einer Kneipe. Feierabend. Die Bierkrüge scheinen selten und kostbar geworden zu sein, es gleicht fast einem Unglück, wenn eins zerbricht. „Alkohol hat in der Arbeiterbewegung eine bedeutende Rolle gespielt“, erklärt eine Person. Der skurrile Zuschnitt des Abends erinnert an Arbeiten von Christoph Marthaler, die hier Pate gestanden haben. Dazu passt auch der musikalische Teil. Ein Klaviertrio spielt feine Stücke von Brahms oder Clara Schumann; ein schöner Verfremdungseffekt, denn in einer wirklichen Arbeiterkneipe hätte man diese Musik wohl eher nicht aufgeführt. Die suggestiven Videosequenzen, viele historische Schwarz-Weiß-Bilder aus den Revierstädten, darunter Bilder von Streiks, von Demonstrationszügen, von flutenden Massen, sind mit einer elektronisch verfremdeten Wagner-Komposition unterlegt.

Surrealer Move

Entsprechend sind die Dialoge des Abends alles andere als „dokumentarisch“. Sie haben eher einen surrealen Move. Betretene Gesichter, wenn wieder mal ein Bierglas zerbricht. Politische Appelle bietet die Aufführung nicht an; man wüsste auch nicht so genau, in welche Richtung sie gehen sollten. Warnung vor einer beklemmend erstarkenden reaktionären Rechten, leider gerade bei Arbeitern? Es mag einen schwachen Trost spenden, wenn am Schluss der zehnköpfige, rein männliche Ruhrkohle-Chor in seinen schmucken Uniformen auftritt und sehr eindringlich „Griechischer Wein“ und „Der Steiger kommt“ singt. Tempi passati. Revidieren lassen sich die sozialen Verwerfungen nicht mehr. Die Welt hat sich verändert, und momentan bleibt wenig anderes übrig, als vor falschen Schlussfolgerungen zu warnen.