Der Traum von Freiheit und Flachdächern

Carolin Millner: Utopie Bauhaus!

Theater:Deutsches Nationaltheater Weimar, Premiere:24.09.2026 (UA)Regie:Carolin Millner

Am DNT Weimar schaut die Theatermacherin Carolin Millner auf die Anfangszeiten des Bauhauses in der Klassikstadt. In „Utopie Bauhaus!“ collagiert sie zahlreiche Originaltexte und zeichnet das Porträt einer Jugend, die an der Hochschule die Welt neugestalten will.

War das Bauhaus jemals wirklich unpolitisch? Aus heutiger Sicht scheint das unmöglich. Immerhin sind wir inzwischen der Auffassung, dass alles, was im Öffentlichen stattfindet – wie beispielsweise Architektur –, immer auch politisch ist. Doch auch vor mehr als 100 Jahren scheint Walter Gropius eine Schutzbehauptung aufgestellt zu haben, um den Rechten und ihren Anfeindungen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Denn auch im Bauhaus selbst schüttelten viele den Kopf über diese Aussage. Immerhin ging es am Bauhaus in Weimar nicht nur darum, irgendwie Häuser zu bauen. Vielmehr versuchte die neue Kunsthochschule, das Handwerk mit der Kunst zu vereinen, ein neues Verständnis für Formen und Farben zu vermitteln. Häuser und Möbel für Menschen zu schaffen, die eigentlich zu arm sind. Kurz: Das Bauhaus hatte eine Vision von einer anderen, besseren Zukunft und sie wollten die Utopie Realität werden lassen.

Bauhaus will Handwerk und ist mehr

Dass es sich beim Bauhaus nicht um eine Kunst- und Designschule wie jede andere handelte, wird in der Inszenierung „Utopie Bauhaus!“ auf den ersten Blick deutlich: Ausstatterin Maylin Habig hat eine aufsteigende Treppe auf die Bühne der Redoute, der Außenspielstätte des DNT Weimars, gebaut. Mit einer kreisrunden Plattform an der Bühnenkante und unregelmäßigen Aussparungen und Falltüren weiter oben. Rechts und links wird sie von durchscheinenden Wänden mit Wolkenbildern begrenzt, die wunderbare Lichtspiele ermöglichen. Fünf Gestalten treten auf, deren Roben die gleiche rote Marmorierung aufweisen wie die Bühnentreppe. Sie sprechen im Chor und das Manifest der Bauhaus-Meister (damals waren es nur Männer) klingt zwar schon nach Kunstverständnis, wirkt aber eben auch ein bisschen wie eine Religion.

Die Ausstattung in Weimar übernahm Maylin Habig. Foto: Candy Welz

Das setzt sich in der ersten Unterrichtsstunde fort. Nur einer der fünf Spielenden behält seine Robe an und gibt überraschende Anweisungen: Hände reiben. Hände auseinander, aber die Spannung zwischen ihnen bewahren. Die Energie in den Körper leiten. Die jungen Studierenden sind davon amüsiert, aber auch fasziniert.

Träume in Weimar

Die Theatermacherin Carolin Millner hat sich für ihr Stück nicht mit den Gründungsideen des Bauhauses beschäftigt, sondern vor allem mit den Gründungsjahren. Wichtiger als die Meister wie Gropius, Klee oder der schräge Itten war ihr die erste Generation der Studierenden am Bauhaus in Weimar wie Gunta Stölzl oder Josef Albers. Sie wollte selbst wissen und zeigen, was diese Menschen ans Bauhaus gebracht hat und wie sie sich dort eingebracht haben.

Millner hat dafür in vielen Archiven recherchiert und Originaltexte aus Pamphleten oder Tagebüchern zu einem Stück verbunden. In ihrem Stück geht es dann eben auch um alle Themen, die mit dem Bauhaus zusammenhängen: die Traumata vom Ersten Weltkrieg und der Wunsch nach einem radikalen Neuanfang. Es wird diskutiert, ob der Neuanfang auch so radikal sein soll. Ob Frauen gleich viel wert sein sollen wie Männer oder ob sie nur gut genug für die Weberei sind. Leider sind es am Ende so viele Themen, dass es oberflächlich bleibt. Wer schon einmal in einer Bauhaus-Ausstellung war, hat vieles davon sicherlich bereits gehört.

Die Stärke des Abends liegt wohl eher im Gefühl: Wie sich Josef Albers und Anneliese Fleischmann näherkommen, berührt. Dabei wird es jedoch nie kitschig, weil Themen wie Frauenrechte, der allgegenwärtige Antisemitismus und die Frage, ob das Bauhaus auf einem guten Kurs ist, immer mitschwingen. Nicht im Hintergrund, sondern als Teil einer (fast inspirierenden) Beziehung auf Augenhöhe. Oder zu sehen, wie Marcel Breuer sich über die Entwürfe von Stühlen freut und von einer besseren Zukunft durch Sitzmöbel träumt, ist wunderbar. Ebenso, wenn sich Albers vor einem künftigen Studenten in Rage redet aus lauter Liebe für das Flachdach. Dass die Bauhaus-Stücke nie zu sehen sind, sondern immer nur pantomimisch angedeutet werden, sorgt dafür, dass das Stück nicht unter der Last der Bedeutung erdrückt wird.

Früher Deutschnationale, heute AfD

Möglich ist das auch durch das Ensemble, welches auf wunderbare Weise mit seinem Protagonisten verschmolzen ist: Robert Prinzler als Josef Albers hat von Anfang an eine professoral charmante Art. Annelie Korn gibt die Anni Albers als aufgeweckte und energetische Frau mit Träumen. Raika Nicolai zeigt Gunta Stölzl als Frau, die zugreift, wenn es sich gut und richtig anfühlt. Tim Freudensprung legt seine Ilse Fehling angenehm albern an, den Xanti Schawinsky herrlich lässig. Und Jakob Lundblad schließlich verleiht seinem Marcel Breuer den Anschein von Naivität, die auf einer festen Moralvorstellung gründet.

Immer wieder kritisieren die Rechten im Stück die Bauhaus-Ideen. Foto: Candy Welz

Dann ertönt ein Hämmern und die Fünf schlüpfen in die Rollen der Deutschnationalen, der Kritiker, der Nazis. Dann stehen sie am Bühnenrand und ziehen über das Bauhaus her. Das ist die große Schwäche: Es mangelt der Inszenierung von Carolin Millner an spielerischen Ideen und so wird „Utopie Bauhaus!“ im wahrsten Sinne zum Sprechtheater, in dem die Texte eher arrangiert und aufgesagt werden.

Der Anlass für das Stück war nicht nur das 100-jährige Jubiläum des Dessauer Bauhauses – für Weimar ja auch kein Grund zu feiern –, sondern die neuen Angriffe von rechts. Wie um zu beweisen, dass die AfD der geistige Nachfahre der NSDAP ist, verunglimpft die Partei das Bauhaus als einen „Irrweg“ und will jegliche Förderung streichen. Denn die Vision der Bäuhäusler:innen ist für die Politik der Rechten immer noch eine Gefahr. Das zeigt auch „Utopie Bauhaus!“ in Weimar, aber ob das Stück eine wirkliche Auswirkung auf den aktuellen Diskurs hat, darf bezweifelt werden.