Normal ist hier ein Schimpfwort

Andrew Lippa: The Addams Family

Theater:Theater Münster, Premiere:19.09.2026Vorlage:nach dem gleichnamigen Cartoon von Charles AddamsAutor(in) der Vorlage:Marshall Brickman und Rick EliceRegie:Effi MéndezMusikalische Leitung:Thorsten Schmid-KapfenburgKomponist(in):Andrew Lippa

Wednesday Addams hat sich verliebt. Ausgerechnet in einen jungen Mann, der so schrecklich normal ist, dass er seiner Familie peinlich wird. Das US-Musical von Andrew Lippa, Marshall Brickman und Rick Elice läuft seit 2014 auch auf deutschen Bühnen, nun hatte es am Theater Münster in der Regie von Effi Méndez Premiere. Ein kurzweiliger Abend, der seine schwarzhumorige Grundidee mit sichtbarer Lust an der Übertreibung auf die Bühne bringt, auch wenn nicht jede Szene gleich souverän gelingt.

Die Ausgangslage ist eine ganz normale Familiensituation, nur eben bei den Addams. Wednesday will ihren Freund Lucas Beineke bei einem gemeinsamen Abendessen vorstellen, beide Elternpaare sollen sich kennenlernen und prompt gerät alles aus den Fugen. Effi Méndez, die zuvor bereits mit ihrer „La Bohème“ am Theater Münster gefeiert wurde, setzt dabei einen eigenen Akzent.

Die konservativen Beinekes stammen hier nicht wie im US-amerikanischen Original aus Ohio sondern aus dem Sauerland, mit spürbarer Lust als provinziell und bieder gezeichnet. Das lässt sich zweifach lesen: als Fortsetzung der Rivalität zwischen Münsterland und Sauerland oder als politischer Seitenhieb auf Friedrich Merz. Das würde zum Original passen, das gern mit tagesaktuellen Anspielungen arbeitet.

Friederike Bauer in der Rolle der Tochter Wednesday Addams am Theater Münster. Foto: Bettina Stöß

Ein Fest der Figuren

Sebastian Smoulders und Tina Podstawa geben als Gomez und Morticia Addams das exzentrische Elternpaar mit sichtlicher Spielfreude, Podstawa in dunklem Lila-Samt mit Kragen und langem, offenem Haar ganz die morbide Grande Dame. Friederike Bauer verleiht der erwachsen gewordenen Wednesday eine unterkühlte Entschlossenheit, die sehr gut zur Figur passt. Nuno Dehmel bekommt als ihr Freund Lucas Beineke leider nicht die beste Gelegenheit zu glänzen. Seine Texte sind mit Jugendsprache und popkulturellen Anspielungen gespickt. Bei einem kleinen Teil des Publikums sorgt das für Lacher, insgesamt aber wirkt die Sprache bemüht und schon während der Vorstellung veraltet. Gerade weil die Situationskomik dieses Stück trägt, ist es schade, dass hier die Chance auf treffsicherere Pointen nicht umgesetzt wurde.

Christian-Kai Sander und Vera Lorenz spielen als Mal und Alice Beineke die verklemmten Gegenspieler mit angenehmer Zurückhaltung, wobei Kostümbildner Philipp Winkler insbesondere Alice mit einem grellgelben Petticoat-Kleid optisch bewusst als Fremdkörper im dunklen Addams-Kosmos inszeniert.

Tina Podstawa als Morticia Addams und Vera Lorenz als Alice Beineke. Foto: Bettina Stöß

Zum Ereignis des Abends wird Jens Krause, der als Onkel Fester stimmlich wie darstellerisch die schrullige Wärme der Figur bemerkenswert präzise trifft und gemeinsam mit Vera Lorenz schnell zum heimlichen Star der Inszenierung avanciert. Besonders gut gelingt der Schlussmoment, wenn Fester von der Bühne hinauf zu seiner großen Liebe, dem Mond, gezogen wird. Der technische Aufwand zahlt sich sichtbar aus. Auch der Opernchor des Theater Münster, der die Ahnen der Familie verkörpert, gehört zu den Höhepunkten.

Die Kostüme von Winkler und das Bühnenbild von Tina Carstens schaffen eine stimmungsvolle Ästhetik, etwa wenn die verblichenen Vorfahren in blassen, zerschlissenen Gewändern eine Wendeltreppe herabsteigen und sich zu einem eindrucksvollen Chorbild formieren. Im Finale löst sich diese Strenge dann auf, wenn einzelne Ahnen in schrillen Kostümen, darunter ein Elvis-Imitat in weißem Glitzeranzug, für einen bunten Kontrapunkt sorgen. Dieses Bild ist sowohl optisch als auch klanglich eines der stärksten des Abends.

Jens Krause als Onkel Fester Addams und der Opernchor unter der musikalischen Leitung von Thorsten Schmid-Kapfenburg als die Ahnen der Addams Family. Foto: Bettina Stöß

Nicht alles sitzt

Etwas zurück bleibt das Orchester. In den von Rock, Pop und Tango geprägten Passagen wirkt das Zusammenspiel streckenweise zögerlich, teils zu leise und nicht immer treffsicher im Timing. Anders bei den getrageneren, orchestral angelegten Nummern und den kraftvollen Balladen. Dort zeigen Thorsten Schmid-Kapfenburg und das Sinfonieorchester Münster, was in ihnen steckt; besonders in der zweiten Hälfte.

Szenisch fügt sich nicht alles gleich stimmig ein. Die Paartanz-Szenen, in denen die Eltern beider Familien gemeinsam mit Wednesday und Lucas tanzen, wirken weniger organisch als der Rest der Inszenierung. Auch der Auftritt von Cousin Itt, dem haarigen Verwandten der Addams, der sich in dieser erst mit dem Broadway-Lauf ergänzten Szene verliebt, bleibt eher gehetzt als liebevoll inszeniert. Doch können diese wenigen Momente nichts am Gesamteindruck eines aufwendig produzierten und überaus sehenswerten Musical-Abends mildern. Das Publikum dankte es mit langanhaltenden Standing Ovations.