Foto: Das "Wett-Parlament" aus „Mittwoch aus Licht“ an der Deutschen Oper Berlin mit Jeremy Bines als Präsident in der Mitte. © Julian Roeder
Text:Andreas Falentin, am 20. September 2026
Susanne Kennedy inszeniert Stockhausens „Mittwoch aus Licht“ an der Deutschen Oper Berlin entspannt in außergewöhnlichen Bildern und Videos von Markus Selg. Sie kann sich dabei auf herausragende Chor- und Musiker:innenleistungen stützen – überzeugt in der letzten Szene allerdings nicht.
„Licht, die sieben Tage der Woche“ ist ein siebenteiliger Opernzyklus von Karlheinz Stockhausen, der 29 Stunden umfasst – und über 20 Jahre hinweg komponiert wurde. Nicht nur wegen der Länge wurde der gesamte Zyklus in seiner Gesamtheit nie uraufgeführt. Die Dramaturgie bleibt episodisch. Es gibt zwar drei Hauptfiguren – Michael, Eva, Luzifer –, musikalisch treten sie in Stockhausens nicht leicht zu hörender „Superformel“ immer wieder auf, szenisch aber nur sehr sporadisch. Und die Spannungsverhältnisse, die von ihnen geformt werden – Gut und Böse, Mann und Frau –, sind zu grob, um den Stücken Struktur zu geben.
Susanne Kennedy inszeniert in Berlin die szenische deutsche Erstaufführung von „Mittwoch aus Licht“ sehr zurückhaltend. „Ich will im Theater nicht versuchen, mit dem Leben zu konkurrieren“, schreibt sie in ihrem neuen Buch „I am (a strange loop)“. So meidet sie jede Ironie, jede Anspielung auf das aktuelle Leben. Fünf Tänzer geben dem Geschehen einen rituellen Rahmen. Sie machen feierliche Bewegungen, schütten Wasser, formen Ton und suchen aktiv auf der Bühne nach Ritualen oder rituellen Räumen. Sie tragen, wie alle Beteiligten , elegante Schwarz-Weiß-Kostüme, die nach Renaissance oder Barock aussehen, dazu aber auch bunte Hemden und Kleider von heute (Kostüme: Andra Dumitrascu).
Auf die leere Bühne hat Markus Selg einen gigantischen, archaischen und figurlosen Altar gestellt. Er wirkt wie großzügig aus der Bühnenrückwand gestanzt. Hinter ihm und durch ihn hindurch flimmern Videos von Landschaften und Naturstimmungen, von Bauwerken und Kriegen, oft aus unwirklichen Perspektiven aufgenommen. Ein wiederkehrendes Element ist rinnender Sand.
Eine echte Utopie
Die erste Szene, „Welt-Parlament“, ist an sich eine Utopie. Hier diskutieren Menschen, sie debattieren nicht, sie suchen nach Übereinstimmungen. Und es geht um die Liebe, wobei Stockhausens rheinischer Humor durchschimmert. Einmal wird der „Präsident“, Chordirektor Jeremy Bines, zu seinem Auto gerufen, weil es abgeschleppt zu werden droht; einmal singt ein Chor-Solist: „Liebe ist Vergebung“, der Präsident kontert: „Nicht immer“, und der Männerchor singt vielstimmig: „Ach so.“
Szenisch läuft das „Welt-Parlament“ flüssig ab, mit geschmeidig inszenierten Auf- und Abgängen. Die Tänzer bilden ein Zentrum der Szene; die Beteiligten hören sorgfältig zu und singen präzise. Am Ende ist das Publikum verblüfft von der guten Stimmung, von der besonders melodisch sehr ungewöhnlichen Chormusik und der Leistung des Chors der Deutschen Oper Berlin. Es bleibt lange still, dann tropft der Applaus, allerdings klatscht nur eine Minderheit.
Emanzipierte Musiker:innen
In der zweiten Szene, „Orchester-Finalisten“, sehen wir elf Musiker. Es gibt kein Orchester im Graben in „Mittwoch aus Licht“, nur elektronische Klänge und Musik auf der Bühne. Der Dirigent Maxime Pascal ist nicht auf der Bühne präsent, er kann das Geschehen also nicht musikalisch lenken, trotzdem gestaltet er es, vor allem durch Vorbereitung aller Betiligten. Eine solche musikalische Leistung kann nicht anarchisch entstehen.
Die Musiker vom Ensemble Le Balcon verteilen sich auf der Bühne, spielen nacheinander, hören sich zu und haben wenige Takte gemeinsam. Stockhausen inszeniert hier eine Emanzipation der Musiker:innen. Sie haben Kostüme an, sie spielen, musizieren und teilweise singen sie auch, sie steigen aus dem (hier nicht vorhandenen) Graben und sind selbst das Theater. Die Regie sieht der Musik beim Entstehen zu. Die Empathie, die im ersten Teil durch die utopische Richtung auf die Bühne kam, steigert sich hier durch den Umgang der Musiker:innen miteinander, durch die sanften Klangfarben, auch durch die Videos.
Die Oboe löst eine Projektion aus: eine Straße, die von identischen gotischen Kathedralen gesäumt ist. Die Violine macht einen Vogelflug sichtbar, später werden aus einigen Vögeln Kinder. Bratsche und Trompete zählen beim Musizieren, der Kontrabass schimpft, der Zusammenklang von allen ist, tatsächlich, magisch. Wieder wird es still im Publikum am Ende, wenige klatschen und verstummen schnell.
Es folgt das „Helikopter-Streichquartett“, vielleicht der berühmteste Teil des „Licht“-Zyklus. Die vier Mitglieder eines Streichquartetts steigen in vier Hubschrauber. In der Luft hören wir sie, unterfüttert von Rotorgeräuschen. Immer wieder zählen sie, damit das Publikum weiß, dass sie zusammen sind. Dieses „Zusammen“ ist hier wieder der Motor der Empathie. Die Bühne ist leer. Im Video werden die vier Musiker in den Helikoptern gezeigt und die Hubschrauber in der Luft. Die Musik hat überhaupt nicht die Qualität der ersten Teile, sie ist sehr einfach, doch das Publikum jubelt wie bei einer Sportveranstaltung. Wir haben eine echte Leistung des Zusammenwirkens gesehen. Das bewegt das Publikum, sogar in einer Aufzeichnung.
Das Helikopter-Quartett auf der Bühne (Foto: Julian Roeder).
Keine Empathie mehr
Nach der zweiten Pause: „Michaelion“. Hier sehen wir die andere Seite von Stockhausen, seine wirre Dramaturgie, die inhaltliche Richtungslosigkeit, die schwache kosmische Mythologie – was nicht für die Musik gilt! Das Welt-Parlament sucht einen neuen Präsidenten, ein Kamel ist der Wunschkandidat. Aus ihm steigt ein „Operator“ mit einem Kurzwellengerät und entschlüsselt Nachrichten. Das Libretto besteht aus Aufzählungen und Wortspielen. Aber hier gibt es kein „Zusammen“, auch kein „allein“, keine Menschen, nur Figuren auf einer Bühne. Und sehr viel irdisches „warum?“
Der Chor von Le Balcon singt fantastisch, teilweise produzieren über vierzig Stimmen auf der Bühne Kammermusik. Robin Adams wird durch seine unglaublich starke Bühnenpräsenz als Operator zum Mittelpunkt. Aber Empathie spielt keine Rolle mehr, das Publikum weiß nicht mehr, worum es geht oder wohin es führt. Selbst die Videos schwächeln, zeigen irgendwelche Gänge, vielleicht in einem Körper.
Hier hätte man die ordnende Regisseurin gebraucht. Hier reichte es nicht, ein Ritual zu rahmen, hier geht es darum, eines zu formen und zu bestimmen. So ist der Applaus hier „normal“, heftig, schnell, schnell vorbei. Der „Abschied“ im Foyer verläppert. Viele wollen nach viereinhalb Stunden mit diesem Schluss nach Hause, sie sind nicht mehr erfüllt, sie sehen müde aus. Schade!