Aufführungsfoto von „√Mytopia“ von Sophie Oldenstein am Theater Altenburg Gera. Drei Frauen und ein Mann sitzen an einem großen Tisch, auf dem die Umrisse von Gera zu sehen sind, auf dem Tisch stehen weiß leuchtende Kuben.

Reset

Sophie Oldenstein: √Mytopia: Auferstanden aus Ruinen

Theater:Theater Altenburg Gera, Premiere:18.09.2026 (UA)Regie:Manuel Kressin

„√Mytopia: Auferstanden aus Ruinen“ von Sophie Oldenstein ist ein interaktiver Theaterabend, der in einer Zukunft nach Kriegen und Katastrophen spielt. Mit der Uraufführung am Theater Altenburg Gera setzt Regisseur Manuel Kressin damit den Schlussstein eines dreijährigen Zukunftsprojektes – mit konzeptionellen Schwächen.

Die Lage der Welt und ihrer Bewohner:innen ist mies: Putins Krieg, Klimakrise, Bosse von OpenAI und Anthropic, die vor der potenziellen Verselbständigung der KI warnen. Und die Einschläge kommen näher: Der Flughafen Halle/Leipzig, der am 4. August offenbar nur durch Glück und Zufall einer Katastrophe entgangen ist. Knapp 61 Kilometer Luftlinie entfernt liegt Gera.

Transmediale Theaterserie

Hier entwirft das Theater seit drei Spielzeiten zusammen mit der Geraer Stadtgesellschaft ein Zukunftsszenario, das aus einer Dystopie eine Utopie machen will. Angelehnt an Jewgeni Samjatins 1920 erschienenen, postapokalyptischen Roman „Wir“, (zuletzt in Dortmund als Oper uraufgeführt), entwickelte Chefdramaturgin und Autorin Dr. Sophie Oldenstein die dreiteilige transmediale Theaterserie „My“, die im Jahr 2121 spielt und über deren Fortgang die Zuschauer:innen aktiv mitentscheiden konnten. In einer Mischung aus Gaming, theatralem und seriellem Erzählen entsteht dort, wo zuvor Gera war, der fiktive Stadtstaat Mytopia.

Die „My“-Reihe bespielte immer wieder auch Stadt-Räume mit Escape-Rooms und anderen partizipatorischen Formaten. Über eine eigens dafür entwickelte App konnten die Geraer spielerische Aufgaben zum Wohle Mytopias lösen und sich einbringen, wie ihre Stadt der Zukunft aussehen solle. Das Projekt fand in Gera so großen Zuspruch, dass die Geschichte um Mytopia, die eigentlich mit der dritten Episode und deren Premiere Ende 2024 auserzählt sein sollte, um einen vierten und letzten Teil ergänzt wurde.

Zum Schluss: das Prequel

„√Mytopia: Auferstanden aus Ruinen“, das jetzt am Theater Altenburg Gera uraufgeführt wurde, ist nun das Prequel, also die Vorgeschichte, zu den drei Episoden der transmedialen Theaterserie. Und hier liegt auch die Krux des Abends. Denn ein Prequel bringt das herausfordernde Unterfangen mit sich, dass man weiß, worauf es am Ende hinausläuft und sich aus dramaturgischer Sicht Spannung und Konflikte erst nach und nach aufbauen.

Aufführungsfoto von „√Mytopia: Auferstanden aus Ruinen“ am Theater Altenburg Gera. Drei Frauen und ein Mann sitzen an einem Tisch nebeneinander.

„√Mytopia: Auferstanden aus Ruinen“ mit v.l.n.r. Lys Schubert, Leah Eleonora Geber, Ulrike Fischer und Josa Leonard Butschkau. Foto: Ronny Ristok

Aber von vorn: Die Vorgeschichte, die zur Gründung Mytopias führt, ist eine Geschichte des 21. Jahrhunderts, die düsterer nicht sein könnte: Diplomatie hat versagt, verheerende Naturkatastrophen, der Dritte Weltkrieg, Alle gegen Alle. Am Ende ist ein Großteil der Weltbevölkerung ausgelöscht, die Menschen sind durch die Hölle gegangen: „Das Zeitalter des großen Sterbens“. Aus diesen Trümmern der ehemaligen Welt wird, wo zuvor Gera stand, Mytopia gegründet, darin begriffen, den Überlebenden eine neue Heimat zu bieten. Alles soll hier besser sein als vorher – nachdem der Reset-Knopf gedrückt wurde. Eine Chance auf einem weißen Blatt Papier, wie Phoenix aus der Asche.

Neustart mit Kuben

Wir befinden uns also mit den vier Anführer:innen von Mytopia im Jahr 2071 in der konstituierenden Sitzung des in Entstehung befindlichen und einzig verbliebenen Stadtstaates. Mittels leuchtender Kuben kann jede:r einzelne Zuschauer:in abstimmen, ob trotz Ressourcenknappheit Haustiere mitversorgt werden sollen, ob nur die bleiben dürfen, die fürs Gemeinwohl nützlich sind. Ob Medikamente, Lebensmittel und Wasser gleichmäßig auf die drei verbliebenen Stadtteile verteilt werden und was die oberste Maxime sein soll: Freiheit oder Sicherheit. Es wirkt wie ein erratisches Themenhopping, das vieles kurz anreißt, aber nicht den Schritt in die tiefere Auseinandersetzung wagt. So bleibt die Inszenierung Manuel Kressins unentschieden, ob sie als Setzung die düstere Endzeit heraufbeschwört oder heitere Sci-Fi-Serie sein will.

Die theatrale Rahmung wird von Interviews mit Geraer Kindern und Erwachsenen, die von ihren Wünschen für eine Stadt der Zukunft berichten, durchbrochen. Sowie durch filmische Rückblenden, die schlaglichtartig einen wunden Punkt der vier Figuren aufdecken. Durch diesen Verschnitt von Zeit- und Realitäts- mit fiktionalen Ebenen verschwimmen die Grenzen, in welcher Zeit-Raum-Dimension man eigentlich seine Entscheidungen hier trifft. Verwirrend wird es, wenn einem dann wieder einfällt, dass alle Zuschauer:innen Kommunikationskarten bekommen haben, auf denen sehr knappe Beschreibungen einer Person, dessen Haltung oder Lebenssituation stehen. Und man sich fragt, ob diese Karten irgendwann noch eine Rolle im Verlauf des Abends spielen.

Ein Abstimmungskubus, der weiß leuchtet und auf dem zu lesen ist Wie fühlen Sie sich heute? aus der Aufführung von „√Mytopia: Auferstanden aus Ruinen“ am Theater Altenburg Gera.

Einer von 150 Abstimmungskuben in der Aufführung von „√Mytopia: Auferstanden aus Ruinen“. Foto: Ronny Ristok

Ambitioniert, aber ohne Fokus

Die Inszenierung will in achtzig Minuten viel verhandeln und integrieren: ethische, moralische Themen, Publikumspartizipation, anschlussfähig für Mytopia-Neulinge und alte Mytopia-Hasen sein. Das ist ambitioniert. Konzeptionell fehlt es aber an einer klaren Ausrichtung und Fokussierung. Darunter leiden letztlich die Figuren, wenn sie nicht nur Spielemacher:innen sein und wie Politiker:innen für ihre Sache werben sollen. Dabei wird die Textvorlage für die vier Schauspieler:innen zu einer harten Nuss, die am natürlichsten im Ton Ulrike Fischer und Jona Leonard Butschkau anzuknacken wissen.

Letztlich führt das alles zur Krux des Abends: Die Entscheidungen, die wir an diesem Abend treffen, haben keine Konsequenzen. Denn am Ende wird alles durch den Bau einer Glaskuppel, die Mytopia schützen soll und über die der Ingenieur eigenmächtig entschieden hat, obsolet. Prequels haben es echt nicht leicht.