Foto: „Titanic“ am Theater Chemnitz mit v.l.: Jannik Harneit (Harold Bride, Funker), Bernhard Hansky (Kapitän E. J. Smith), Lukas Witzel (Thomas Andrews, Ingenieur), Frank Josef Winkels (Bruce J. lsmay). © Nasser Hashemi
Text:Volker Tzschucke, am 20. September 2026
Das Musical „Titanic“ von Peter Stone und Maury Yeston beeindruckt am Theater Chemnitz mit spektakulären Bildern in der Inszenierung von Till Nau. Besonders die Ensembleszenen stechen emotional und gesanglich hervor.
Tausende Menschenleben sind eine Statistik – ein Menschenleben ist ein Drama. Die Weisheit, die dem selbsternannten „Ingenieur der menschlichen Seele“ Josef Stalin zugeschrieben wird, wusste James Cameron für seinen 1997 erschienenen „Titanic“-Film mit maximalem Fokus auf eine unwahrscheinliche und unwahrscheinlich dramatische Liebesgeschichte zu nutzen. Das Musical-Duo aus Textdichter Peter Stone und Komponist Maury Yeston versuchte mit gleichem Ausgangsmaterial im gleichen Jahr eher das Gegenteil.
Für sie hat die Titanic mit 270 Metern Länge genau die richtige Größe als Projektionsfläche. Sie nutzen das historische Ereignis von ihrem Untergang für eine musikalische Erzählung in epischer Breite. Das Leben und das Sterben auf der Titanic als ein Spiegelbild der Gesellschaft: Knapp 40 näher bezeichnete Rollen, beinahe alle auf realen Figuren basierend, umfasst das Textbuch des preisgekrönten Musicals. Das Stück springt munter zwischen den verschiedenen Schiffsklassen und Gesellschaftsschichten hin und her. Es schwenkt zu Heizern tief unten im Rumpf und zum Kapitän oben auf der Brücke, wo der Kampf zwischen Sicherheit und Rekordlust, zwischen technischer Machbarkeit und Spektakel zwischen Eigentümer, Konstrukteur und Kapitän hin und her wogt.
Filmoptik
Diese Breite ist Stärke und Schwäche des Stücks zugleich: Einerseits ermöglicht sie eine überbordende musikalische Vielfalt und beinahe jedem Ensemblemitglied die Gelegenheit zu glänzen. Andererseits verhindert sie, dass man sich mit den Hauptfiguren identifiziert. Hauptfiguren, welche Hauptfiguren? Jeder Millionär ist eine Hauptfigur und jede Kate, und davon gibt es reichlich. All die Figuren wollen eingeführt, ihre Motivation will berichtet werden: Für die Reichsten der Reichen, die Guggenheims, Astors und Straus‘ dieser Welt zählt vor allem, das Event nicht zu verpassen. Irgendwo muss das Geld ja hin, warum nicht in die Erzählung investieren, dabei gewesen zu sein bei der Jungfernfahrt dieses Traumschiffes. Für die ärmeren Passagiere jedoch verbindet sich mit dieser Reise Hoffnung. Sie ist eine Flucht aus Europa mit seinen überkommenen Konventionen, mit wachsender Armut und Perspektivlosigkeit. Und sie ist der Aufbruch in die neue Welt, nach Amerika, Land der Hoffnung, Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Ensembleszene in „Titanic“ von Peter Stone und Maury Yeston am Theater Chemnitz. Foto: Nasser Hashemi
Bei all dieser Hinleitung zum Drama braucht der Riesendampfer ein wenig, um Fahrt aufzunehmen. Der für die Chemnitzer Inszenierung verantwortliche Regisseur Till Nau nutzt die gemächliche Anfahrt für die Einführung seiner Regieidee. Es ist sehr eindeutig eine Filmoptik, derer er sich bedient: breites Schiff auf breiter Leinwand.
Spektakuläre Bilder und schnelle Szenenwechsel
Während der Ouvertüre werden auf dem Vorhang Videosequenzen von Unterwasseraufnahmen eingeblendet, kinogroß erscheint der Titel. In der Folge gelingen spektakuläre Bilder, bei denen Bühnenaufbauten und Videobilder aufs Vorzüglichste miteinander verschmelzen. Wie mit einer Kameradrohne fliegt man über das Schiff hinein in die Brücke. Von dort hat man einen weiten Blick auf blaues Meer und blauen Himmel.
Drehbühne und Hubpodeste tragen das ihre bei zu fliegenden Szenenwechseln: Eben noch die gelangweilte Geschäftigkeit beim Captains Dinner auf dem Oberdeck, kurz danach die schwitzende Düsternis des Maschinenbauchs. Und erst recht das Untergangsszenario mit all seinen mal herzzerreißenden, mal brutalen Episoden wird eindrücklich in Szene gesetzt. Mehr als ein Hut darf da in die Luft fliegen angesichts der bildnerischen Ideen von Regisseur Nau und Bühnenbildnerin Momme Hinrichs sowie der handwerklichen Leistungen der Theater-Werkstätten.
Die Oper wird zum Dom
Da wollen die Darsteller nicht hintanstehen und den allermeisten gelingt es, auch aus kurzen Auftritten ganz viel herauszuholen. Gesanglich verstecken muss sich hier sowieso niemand. Hinzu kommen mit schnellem, sicherem Strich gemalte Charakterstudien. David Sitka als Chefsteward Henry Etches zum Beispiel: In guten wie in schlechten Zeiten bewahrt er Haltung, zeigt, dass Dienen für ihn nicht Last, sondern Lebensaufgabe ist. Oder Jannik Harneit als Funker Harold Bride: Er vermengt Berufsstolz mit Mitgefühl, Professionalität in der Katastrophe mit Fassungslosigkeit angesichts des Streits um die Schuldfrage, der vor seinen Augen ausgetragen wird. Oder die Kates Anna Langner, Alina Simon und Lisa-Marie Rettenbacher – jede für sich eine Ohrenweide, gemeinsam ein Ereignis.
Wie überhaupt zu sagen ist: Die stärksten Momente gebiert die Inszenierung in ihren Massenszenen. Wenn sich die Chöre entfalten, werden aus Musicalnummern Choräle. Und die Chemnitzer Oper verwandelt sich in einen Dom, in dem der über tausend Toten des Unglücks gedacht wird. Sakral-pathetisch hallen die Schlussklänge lange nach im Ohr der Premierengäste. Da braucht es stehende Ovationen zur Befreiung.