Foto: „Jakob der Lügner“ nach Jurek Becker, in der Bühnenfassung von Andy Murray und Christine Becker am Stadttheater Gießen. © Christian Schuller
Text:Vera John, am 13. September 2026
Die Bühnenfassung des Romans „Jakob der Lügner“ von Andy Murray und Christine Becker erzählt davon, wie eine Lüge hilft, das Grauen zu ertragen. Regisseur Thomas Krupa zeigt in der Uraufführung am Stadttheater Gießen aber auch was passiert, wenn die Hoffnung endet.
1944, ein Ghetto in Polen: Doch wo ist das Grauen? Die Darsteller tragen saubere, frisch gewaschene Hemden und T-Shirts. Die Bühne ist hell, in warmes Licht getaucht. Mischa (Max Koltai) und Rosa (Anna Huberta Präg) machen Pläne für die Zukunft, während sie sich lieben. Sie trägt hübsche rote Dessous (Kostüme Sabina Moncys).
Regisseur Thomas Krupa zeigt im ersten Teil seiner Inszenierung nicht die typischen Bilder des Leids. Keinen Schmutz, keine Lumpen, keine ausgemergelten Körper. Stattdessen sehen wir, was die Menschen im Ghetto fühlen: Hoffnung. Und die basiert auf einer Lüge.
Einzig die Hoffnung
Die Bühnenfassung von Christine Becker und Andy Murray folgt in der Handlung eng dem gefeierten Roman von Jurek Becker. Jakob erfindet die Lüge, um seinen Freund Mischa vom Kartoffelklauen abzuhalten. Damit die Deutschen ihn nicht erschießen. Jakob sagt ihm, er habe ein Radio. Er wisse, dass die Russen nicht mehr weit seien und das Ghetto bald befreiten. Tatsächlich hat Jakob aber nur eine kurze Nachricht gehört, als er bei den Deutschen auf dem Revier war. Aber das würde ihm Mischa nicht glauben, weil sonst keiner vom Revier zurückkehrt.
Aus der Notlüge werden weitere Lügen. Denn die Menschen wollen von Jakob neue gute Nachrichten hören. Wie nah sind die Russen? Wann kommt die Befreiung? Jakob merkt, wie seine Lügen Lebensmut geben. Niemand begeht mehr Selbstmord im Ghetto. Aber sie lösen auch Angst aus: Was, wenn die Deutschen sein Radio finden und dann alle in die Vernichtungslager abtransportieren? Levent Kelleli spielt Jakob anfangs freundlich lächelnd, optimistisch. Mit der Zeit wird er immer zweifelnder, wird zerrissen zwischen Lüge und Wahrheit.
Verfinsterung
Das Bühnenbild dazu ist minimalistisch. Ein schwarzer Raum. Rudimentäre Metallkäfige werden von den Darstellenden darauf verschoben. Sie werden je nach Szene umfunktioniert. Mal wuchten die Ghetto-Bewohnenden sie als Symbol für ihre schwere Arbeit über die Bühne. Dann werden die Metallstangen zu Zimmern, wo sie sich lieben, unterhalten, verstecken.

Uraufführung von „Jakob der Lügner“ in der Bühnenfassung von Andy Murray und Christine Becker am Stadttheater Gießen. Foto: Christian Schuller
Im Verlauf lässt die Wirkung der Lüge nach. Immer mehr zweifeln. Und so rücken das Grauen und die Realität langsam auf die Bühne. Das Licht wird dunkler. Rauch wird eingeblasen. Ein Skelett wird zwischen die Darstellenden gesetzt. Die Soundkulisse (Patrick Schimanski) wird düsterer: Hammerschläge sind zu hören, das Keuchen von Lokomotiven, das Bellen von Hunden. Der erste wird erschossen. Die Selbstmorde beginnen wieder.
Für einen Moment
Nur die achtjährige Lina glaubt bis zuletzt an die Lüge und bewahrt sich damit die Hoffnung. Sie glaubt an das Märchen, das Jakob ihr erzählt hat, in dem die Prinzessin am Ende gerettet wird. Dascha Ivanova spielt Lina wunderbar neugierig und unbedarft. Sie kennt keine Leben vor dem Ghetto: Essen so viel man will? Du schwindelst!
Was also bringt die Lüge? Die Realität kann sie nicht ändern. Aber sie kann sie erträglich machen, zumindest für einen Moment. Wir entscheiden, ob wir sie wie Lina bis zum Ende glauben wollen oder uns die grausame Wahrheit einholt. Verdienter langanhaltender Applaus für die Darstellenden und das Team in Gießen.