vier Personen in der gleichen Bewegung auf einem Dach

Neue Häuser auf alten Kellern

Sebastian Nübling und Team: Metropolis Wiesbaden

Theater:Hessisches Staatstheater Wiesbaden, Premiere:12.09.2026Regie:Sebastian Nübling

Am Hessischen Staatstheater Wiesbaden realisieren Regisseur Sebastian Nübling und Team ein Live-Theater- und Film-Event, dass das Publikum in die Straßen der Stadt führt – eine urbane Traum-Dystopie, die hinter sichtbare Mauern reicht.

Wer prägt ein Stadtbild? Wer ist sichtbar, wer nicht? Vor hundert Jahren (1925/1926) wurde Fritz Langs dystopischer und expressionistischer Stummfilm „Metropolis“ produziert, der die moderne Klassengesellschaft und menschliche Entfremdung der Zukunft – im Heute – thematisiert. Langs Vision: Die Unterschicht arbeitet tief unter der Erde an monströsen Maschinen streng im Takt der Zeit, während die Oberschicht luxuriös in Gärten und Wolkenkratzern von ihrem Reichtum profitiert. Die Technisierung dient nicht zur Befreiung der Arbeiter:innen, sondern zu ihrer Ausbeutung.

Frei nach diesem Stummfilmklassiker haben Regisseur Sebastian Nübling und Team mit Teilen von Gottfied Huppertz‘ originaler, durchkomponierter Filmmusik ein Live-Theater-Film-Event geschaffen: „Metropolis Wiesbaden“. Fünf Darsteller:innen, Timur Frey, Tabea Buser, Sandrine Zenner, Adi Hrustemović und Lennart Preining, beginnen ihren Auftritt auf der Bühne, verlassen diese aber bald durch das hintere Verladetor und ziehen innerhalb von zweieinhalb Stunden durch Wiesbaden. Die Tour wird von einem Kamerateam live auf die Leinwand im Theatersaal übertragen.

One-Take in den Theatersaal

Die Produktion unterliegt einem beindruckenden und bis ins Detail geplanten Ablauf, der spontane Geschehnisse und Reaktionen in der Stadt mit einbeziehen muss: „Alles, was Sie heute sehen, ist live“, begrüßt Kapellmeister Alejandro Jassán das Publikum im großen Saal. Er und das auf hohem musikalischen Niveau spielende Staatsorchester liefern aus dem Graben Teile des originalen Film-Soundtracks, von Sounddesignerin Jackie Poloni hört man zusätzliche Einspielungen, die Huppertz‘ Musik zur urbanen Sound-Collage erweitern.

Lennart Preining, Sandrine Zenner, Tabea Buser, Adi Hrustemović, Timur Frey. Foto: Max Borchardt

Passant:innen drehen sich um, wenn die fünf in stoischem, getriebenen Gleichschritt mit starrem Gesichtsausdruck durch die Straßen laufen oder wie lebende Stadt-Pantomime in der Bewegung verharren. Sie sind keine individuellen Charaktere, fügen sich als „der Durchschnittsmensch“ ins Stadtbild: „Eine Frau verdient im Durchschnitt…. […], ein Mann erreicht die Durchschnittsgröße von […]“, so wird eine binär eingeteilte Gesellschaft in übertragenen Einzelmonologen definiert. Die Gruppe zieht durch die Fußgängerzone, vorbei an der Marktkirche, dem Werkhaus oder dem Hessischen Landtag, durchstreift die Betonkulisse eines Parkhauses und fährt sogar ein Stück mit dem Linienbus.

Zwischen Stadtromantik und Größenwahnsinn

Robin Nidecker und Jelïn Nichele erfüllen hinter der Kamera einen großartien Job. So wie das fürs Publikum im Theatersaal ebenfalls unsichtbare, erweiterte Team inklusive Security, die um das Kamerateam herum Fragen von Passant:innen beantwortet und alle vor und hinter der Linse sicher durch den laufenden Verkehr leitet. Im One-Take zeigt die Kamera das zu dieser Zeit vor allem von jüngeren Menschen dominierte Stadtbild, Spaziergänger:innen, am Rande auch Obdachlosigkeit. Sie folgt den Darsteller:innen, die den abendlichen Alltag irritieren, und verdreht mit einfachen wie wirkungsvoller Filmtechniken die Stadtperspektive: Seitlich gefilmt zieht sich das Ensemble an Säulen nach oben, rettet sich vor der Illusion eines gähnenden Abgrunds.

Lennart Preining, Sandrine Zenner, Tabea Buser, Adi Hrustemović, Timur Frey. Foto: Max Borchardt

Ursula Leuenbergers Kostüme gehen den Weg rückwärts vom Arbeits-Overall über Joker-ähnliche Totenkopf-Clowns-Kostüme, bis das Ensemble grün bewachsen und naturgetarnt im Park verschwindet oder entgegengesetzt zur modernen Stadtarchitektur den größten Kontrast bildet. So wie Huppertz‘ Musik zwischen einem Gefühl von Stadtromantik und Größenwahnsinn changiert, steigert sich hier eine persönliche Verbundenheit mit der eigenen Stadt, etwa beim Anblick der Skyline vom Parkhaus aus, hin zum reizüberfüllten Stadtchaos. Welche Möglichkeiten, welche Grenzen bedeutet der Städtebau? Immer weiter, schneller, höher, wie der zum Himmel reichende Turm von Babel.

Urbaner Traum und Entfremdung

Der urbane Traum mit gleichzeitiger Entfremdung und Sehnsucht zur Natur – solche Fantasien greifen Stephan Gustorff, Katja Leclerc und Hannah Stollmayer auch in ihren für die Produktion entworfenen Texten auf: Welche Ziegel halten unsere Mauern zusammen? Welche Hände haben sie gebaut? Es sind „neue Häuser auf alten Kellern“. Es ist schön, ein Teil dieses Getriebes zu sein, dafür gebraucht zu werden, oder nicht? Nübling und Team ziehen das Publikum immer drängender in diesen Sog der dystopischen Fantasie, die hinter sichtbare Mauern greift. Dabei gelingen ihm einprägsame Bilder über ein vielseitiges Bild der Fußgängerzone über die Parkanlage bis hin zum Bahnhof hinein in eine surreale Matrix, die Langs Vision in den Theatersaal holt.