Ein Mann hinter einem Gazevorhang hat eine Videokamera auf seiner Schulter.

„Plötzlich ist die Kamera das einzige Auge“

Die Videofilmer sind die übersehenen Theaterhelden der Coronakrise. Ohne sie würden viele Produktionen das Publikum gar nicht erreichen, dennoch wird im Infomaterial vieler Streams noch nicht mal ihr Name genannt. Wir haben mit Lukas Raber, der seinen Arbeitsschwerpunkt am Schlosstheater Moers hat, über seine Arbeit mit der Kamera und am Schneidetisch gesprochen, die das gefilmte Theaterkunstwerk nicht einfach reproduziert, sondern immer auch gestaltet.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Herr Raber, wenn man Sie googelt, trifft man auf den Begriff „Cinematographer“. Was ist denn das?

Lukas Raber Das ist vielleicht das etwas schickere Wort für „Kameramann“ – schicker deshalb, weil es darum geht, dem künstlerischen Aspekt meiner Arbeit so ein bisschen Ausdruck zu verleihen.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Da ist ja auch was dran. Der Begriff Kameramann kann ja so verstanden werden, dass dazu immer noch ein Regisseur gehört, der die künstlerischen Parameter des Films festlegt. Aber Sie sind in Ihrer Arbeit für das Theater ja beides in einer Person: Videokameramann und Videoregisseur, oder?

Lukas Raber Das stimmt, das sind heute andere Produktionsstrukturen als noch vor 20 Jahren. Auch die Hochschulen bilden die Videofilmer und Videofilmerinnen inzwischen so aus, dass sie eine Vielfalt von Kompetenzen mitbringen, unter anderem auch die, quasi selbst die Regie einer Videoproduktion zu übernehmen.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Wie sind Sie Cinematographer geworden?

Lukas Raber Ich habe schon in der elften Klasse beschlossen, dass ich Kameramann werden möchte, und habe gleich die Sommerferien genutzt, um mein erstes Praktikum zu machen, bei Vincent TV in Hamburg, einer Produktionsfirma, die damals unter anderem Beiträge für „Spiegel TV“ gemacht hat. Nach dem Abitur habe ich dann ein Praktikum beim Saarländischen Rundfunk gemacht, das war hochinteressant und hat mich geprägt. Da war klar, dass es in diesem Berufsfeld Regeln gibt. Für die gibt es Gründe. Deshalb darf man die Regeln nicht brechen. Und es gibt Hierarchien, die man zu respektieren hat. Damit hadere ich noch heute. Ich glaube, ein Grund, warum ich am Ende zum Theater gegangen bin, ist der, dass man die Regeln hier so wunderbar über Bord werfen kann.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Hatten Sie denn vorher schon eine Beziehung zum Theater?

Lukas Raber Mein Vater hat beim Rundfunk-Sinfonieorchester in Frankfurt gespielt, später war er Musikschulleiter im Saarland. Bei seinen Veranstaltungen war ich oft backstage mit dabei, das hat mir immer gut gefallen. Und im Studium kam der Kontakt zum Theater. Da konnte ein Kollege im Ringlokschuppen in Mülheim einen Job nicht wahrnehmen, als Alexander Kerlin und Fabian Lettow dort einen Workshop gemacht haben. Da bin ich eingesprungen. Danach ging es ganz schnell. Fabian Lettow hat mich ans Schlosstheater Moers gebracht, wo ich den Intendanten Ulrich Greb kennenlernte. Das war der Beginn einer langen künstlerischen Zusammenarbeit, die bis heute anhält. Ich habe dort seit 2008 jede Spielzeit mitgemacht und von allen Stücken, bei denen das irgendwie sinnvoll war, Mitschnitte und Trailer produziert.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Was ist für Sie so spannend am Theater?

Lukas Raber Dass man sich auf immer wieder neue Situationen einstellen muss. Ich habe gelegentlich auch andere Drehs mitgemacht, Kinoproduktionen, „Tatort“, Krimiserien – das ist meist ein fester Ablauf, der auch auf eine gewisse Ökonomie abzielt. Das sind einfach andere Regeln. Beim Theater werde ich immer wieder in neue Projekte geworfen, die eine enorme Unterschiedlichkeit haben. Da gibt es einen größeren Spielraum auch für Unerwartetes oder Spontaneität der Schauspielerinnen und Schauspieler, wo alles sehr genau geplant und durchgetaktet sein muss.

Videographer Lukas Raber mit seiner Kamera in einem Bühnenbild stehend.

Lukas Raber mit seiner Kamera in Mari-Liis Tigassons Bühnenbild für Susanne Zauns Schauspiel „Männer allein im Wald“. Foto: Annette Hauschild/Ostkreuz

DIE DEUTSCHE BÜHNE Was mir an Ihren Videos auffällt: Sie arbeiten viel mit Musik, manchmal hat das fast eine Clip-Ästhetik, weil Ihre Schnitttechnik der Musik total folgt, ohne sich zu verselbstständigen.

Lukas Raber Das wäre unabsichtlich – aber ja, kann gut sein, dass das meine Handschrift ist. Schnitt ist Rhythmus. Und was ich hier beim Theater auch gelernt habe, ist, dass man nicht schneiden soll, nur weil man’s halt kann. Die Technik eröffnet inzwischen wahnsinnig viele Möglichkeiten, es ist immer verführend, die auch zu nutzen. Aber meine Erfahrung ist, dass es oft dann am intensivsten ist, wenn man bei einer Einstellung bleibt und das aushält, statt unmotiviert zu sagen: Jetzt müsste man aber mal schneiden!

DIE DEUTSCHE BÜHNE Im Theater gibt es die Kunstform Video ja auf unterschiedlichen Ebenen: zum einen als Gestaltungsmittel auf der Bühne, zum anderen als Medium der filmischen Reproduktion einer Inszenierung, das dann auch zur digitalen Weiterverbreitung genutzt werden kann. Sind Sie auf beiden Ebenen tätig?

Lukas Raber Hauptsächlich bin ich auf der Reproduktionsebene tätig. Sonst hätte ich Teil des produzierenden Ensembles werden müssen, was auch ein, zwei Mal angefragt wurde. Aber ich habe mich dagegen entschieden. Es ist der Blick von außen auf eine bereits fertige Inszenierung, der mich als Videofilmer fasziniert.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Damit sind Sie für die Theater ein wichtiger Partner in dieser Coronakrise. Wo die Zuschauer nicht mehr ins Theater kommen können, da muss das Theater zu den Zuschauern kommen. Und wo das im Medium des Streams geschieht, da wird Ihre Kamera zum Auge des Zuschauers. Sie müssten eigentlich gerade einen ordentlichen Boom erleben.

Lukas Raber Ja, im Moment ist das auch so. Aber es hat sich langsam entwickelt. Das Schlosstheater Moers hat ja schon früh mit dem Streamen begonnen, die Mitschnitte waren schon vor der Pandemie da. Aber schon ganz zu Anfang, bei der Inszenierung der „Pest“ von Albert Camus, hat Uli Greb bereits beschlossen, dass wir nicht den vorhandenen Mitschnitt streamen, sondern dass wir das Stück noch mal ganz neu, sozusagen für die Kamera, inszenieren. Zu erleben, wie aus diesem Ansatz etwas Neues entstand, das fand ich unheimlich spannend. Das war am Ende ein gegenüber der Bühneninszenierung eigenständiges Werk.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Aber wo fängt das eigenständig Filmische eigentlich an? Ist nicht auch der Mitschnitt einer Inszenierung, den Sie ja doch filmisch gestalten, schon etwas gegenüber dem direkten Theatererlebnis Eigenständiges?

Lukas Raber Das kann passieren, ja. Aber das würde ich nicht unbedingt anstreben. Jedenfalls stimme ich mich gern eng mit dem Regieteam ab, damit meine Arbeit sich nicht verselbstständigt. Es sei denn, das ist ausdrücklich gewünscht.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Sie unterscheiden also beides: auf der einen Seite das Video als Dokumentation eines Bühnenkunstwerks und auf der anderen Seite als Kunstwerk eigenen Rechts, das mit dem szenischen Material des Theaters etwas Neues schafft.

Lukas Raber Na ja – eine Inszenierung nur zu dokumentieren ist eigentlich kaum möglich. Dann müsste man eine Kamera vor die Bühne stellen und dürfte sie während der ganzen Aufführung nicht mehr anfassen. Das wäre dann so was wie eine Überwachungskamera. In dem Moment, wo ich Ausschnitte suche, schneide, unterschiedliche Perspektiven einnehme – in dem Moment gestalte ich auch schon. So gesehen haben Sie recht: Schon damit fängt es an, ein eigenständiges Werk zu werden. Aber selbst dann finde ich es wahnsinnig spannend, mich in die Inszenierung einzufühlen: Wie bewegen sich die Schauspieler, was passiert in ihren Blicken? Dann geht die Kamera wirklich mit den Schauspielerinnen und Schauspielern.

Manchmal sieht man Streams, wo die Kamera sich dauernd eigenständig hin und her bewegt: Das will ich gar nicht haben! Nein – die Kamera sollte in dem Moment einfrieren, wo es die Schauspielerin auch tut. Das ist das Besondere von Theaterfilmen, dass man diesen vorgegebenen Rhythmus mitgeht.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Das heißt: Sie haben in der Inszenierung eine künstlerische Vorgabe, auf die Sie dann noch mal mit den künstlerischen Mitteln des Films gestaltend reagieren?

Lukas Raber Richtig. Man muss ja auch entscheiden, was man zeigt: den, der spricht? Oder ist es vielleicht viel wichtiger, den zu zeigen, der auf den Sprecher reagiert? Das sind Entscheidungen, die ich auch bei einem der Bühneninszenierung dienenden Film treffen muss. Aber es gibt eben erhebliche konzeptionelle Unterschiede zwischen einem Video, das sich dem Bühnenkunstwerk verpflichtet fühlt, und einem, bei dem das szenische Material eigens für das Kunstwerk der Kamera erarbeitet wird. Das Letztere hat sich wirklich verändert, da hat es einen Push gegeben. Das ist auch total spannend, weil nun für mich als Videokünstler die Prioritäten anders gesetzt sind. Auch insofern, als es nun das Interesse des ganzen Teams war, die Kamera möglichst gut einzubeziehen. Früher musste ich darum kämpfen, jetzt hat das Priorität.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Können Sie an einem Beispiel erläutern, was das konkret bedeutet?

Lukas Raber Ja, klar. Früher gab es die Dauerdiskussion: Wie oft und wie lange zeige ich die Totale? Eine Bühnenproduktion ist für Zuschauer inszeniert, die immer alles sehen können. Also möchten die Regisseure das am liebsten auf den Film übertragen. Film funktioniert aber so nicht. Durch die Krise haben wir nun die Situation, dass der Zuschauer, der immer alles sehen kann, gar nicht mehr da ist. Dadurch hat Corona auch die Spielregeln des Videomitschnitts verändert. Plötzlich ist die Kamera das einzige Auge. Also wird für die Kamera inszeniert. Und die Künstler und Künstlerinnen wollen jetzt mit der Kamera interagieren, sie wollen sie nahe heranlassen, wollen sie auch für sich nutzen. Sie müssen nicht mehr die letzte Reihe im Theater erreichen, sie können viel subtiler, dezenter agieren.

Und plötzlich haben Sie als Videofilmer ganz neue Möglichkeiten. Daraus entsteht dann ein hybrides Modell: Es bleibt immer noch Theater, es bleibt szenisch, hat eine schauspielerische Kontinuität, es löst sich nicht völlig auf im Filmischen. Aber die Kamera wird plötzlich zur Partnerin, zur Adressatin, sie geht vielleicht sogar mit auf die Bühne, lenkt die Perspektive. Alle Schauspielerinnen und Schauspieler sind mikrofoniert, das Licht wird für die Kamera gemacht… So ein hybrides Modell zu entwickeln – das macht mir große Freude!

Cinematographer Lukas Raber mit seiner Kamera, die er frontal ins Bild richtet.

Cinematographer Lukas Raber fängt das Bühnengeschehen ein. Foto: Annette Hauschild/Ostkreuz

DIE DEUTSCHE BÜHNE Es gab ja in dieser Coronakrise immer wieder „Premieren ohne Publikum“, die quasi für das leere Auditorium live gespielt und auch live gestreamt wurden. Da war eher die Absicht, das Live-Erlebnis der Premiere im Stream zu simulieren, oder?

Lukas Raber Das ist schon schwierig, man muss das mit dem Regisseur abstimmen: Sollen die Darsteller für den dunklen Raum spielen, als säße da ein Publikum? Dann verböte sich natürlich jeder direkte Blick in die Kamera, dann müssten die Darsteller die Kamera eigentlich völlig vergessen. Und als Kameramann müsste ich mich verhalten wie der beobachtende Zuschauer in der Dunkelheit. Oder bezieht man die Kamera doch ein, skriptet das Ganze womöglich durch: Wer spielt wann welche Kamera an, wann kommt die Totale, wann die Nahaufnahmen… Aber dabei entfernt sich das Video dann doch wieder von der Liveinszenierung und ist quasi schon auf dem Weg zum eigenen Kunstwerk.

Denn wenn da im Dunkeln wirklich ein Zuschauer oder eine Zuschauerin säße, würde der etwas ganz anderes erleben als das, was das Video am Ende zeigt. Ein Livestream einer Premiere, das ist immer eine heikle Sache. Im Sinne des filmischen Ergebnisses ist es meistens besser, sich für den Schnitt erst noch mal richtig Zeit zu nehmen. Aber damit tritt dann auch das „digitale“ oder filmische Kunstwerk wieder mehr in den Vordergrund.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Wenn über digitales Theater diskutiert wird, dann kommt ja sowieso irgendwann unweigerlich das Argument, dass „das Digitale“ das Live-Erlebnis nie werde ersetzen können. Was sagen Sie dazu?

Lukas Raber Das stimmt, das kann es nicht. Aber das muss es auch nicht unbedingt. Es hat andere Vorteile. Es kann die Reichweite einer Produktion erweitern, es kann das Angebot bereichern, es kann zu Menschen kommen, die gar kein Theater in erreichbarer Nähe haben… Und „das Digitale“ kann zu einer eigenen Kunstform werden, die wiederum die Bühne nie reproduzieren könnte.

Insofern führt der Vergleich mit dem Live-Erlebnis in die Irre. Das Live-Erlebnis ist digital nicht reproduzierbar, das liegt in der Natur der Sache. Eine digitale Theaterproduktion kann mit den Mitteln des Films aber andere Erlebnisse erzeugen, die sehr faszinierend sind. Und vielleicht sollte man sich darauf konzentrieren. Man hat ja auch digitale Mittel, um Gemeinsamkeitserlebnisse zu erzeugen. Da das Ensemble im Moment des Streamens nicht auf der Bühne stehen muss, könnte es dem Publikum als Gesprächspartner im Chat zur Verfügung stehen. Das kann eine Nähe zu Künstlern schaffen, die das analoge Theater so kaum erreichen kann.

DIE DEUTSCHE BÜHNE Also hat das digitale Theater eine Zukunft nach Corona, oder?

Lukas Raber Unbedingt! Wenn es was Positives gibt an dieser Coronasituation, dann ist es, dass man gezwungen wurde, Video neu zu denken. Davon kann man ganz viel hinübernehmen in eine Zukunft, in der Präsenztheater wieder möglich ist. Der Kern des Theaters wird das Live-Erlebnis bleiben. Aber jetzt hat sich gezeigt, dass man eine Inszenierung sozusagen digital in die verschiedensten Richtungen weiterdenken kann. Das ist ja auch bei den Trailern zu einer Produktion der Fall: Natürlich verweisen sie auf die Bühneninszenierung. Aber man macht aus dem, was da passiert, ein eigenes kleines digitales Kunstwerk. Das könnte man sehr gut zu einer großen eigenen Kunstform ausweiten, die das Theater dauerhaft begleitet.

Lukas Raber, geboren am 5.6.1986 in Neunkichen (Saar), filmt seit 2008 Theaterproduktionen am Schlosstheater Moers und an anderen Häusern überwiegend im Ruhrgebiet. 2007–14: Diplom Film/Fernsehen Kamera, Fachhochschule Dortmund. Filmprojekte (Auswahl). 2009: Kameratrainee „Sechserpack“ (Sony Pictures). 2008: Videooperator Kinoproduktion „Chérie – Eine Komödie der Eitelkeiten“. 2012: Zweite Kameraassistenz „Kommissar Stolberg“ (ZDF). 2012: Videooperator Kinoproduktion „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“. Engagements (Auswahl): Theater: Schlosstheater Moers, Theater Dortmund, Ringlokschuppen Ruhr, FFT Düsseldorf, Urbane Künste Ruhr, diverse Kinder- und Jugendtheaterprojekte. Festivals und Konzerte: Moers Festival, Rock am Ring, Klassik am See, Vainstream.

Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr. 8/2021.