Aufführungsfoto von Dance On Ensemble mit „A Suite of Dances“ von Noa Eshkol. Fünf Tänzer:innen stehen versetzt und strecken ihre Arme weit auseinander.

Hier neigen, dort beugen

Dance On Ensemble: Noa Eshkol/Noé Soulier: A Suite of Dances/A Day in the Studio

Theater:Muffatwerk München, Premiere:11.08.2026 (DE)

Auf dem Festival „Tanzwerkstatt Europa“ in München zeigt das Dance On Ensemble den Doppelabend „A Suite of Dances“ von Noa Eshkol und „A Day in the Studio“ von Noé Soulier mit tollen Tänzer:innen, aber wenig mitreißende Kreationen.

Die Konzentration auf das Wesentliche. Noa Eshkol wollte keine Musik, keine besondere Beleuchtung, schon gar kein Bühnenbild für ihre Tänze. Die Bewegungen sollten nicht Ausdruck sein oder Bedeutung vermitteln. Bewegung sein! Genau, nicht praktisch. Hierhin, dorthin, herum, herab, hinüber. Der Kopf, die Schultern, Arme, Oberkörper, Hüften, die Füße. Lauter Diagonalen. Sie komponierte, so nannte sie es, diese Choreografien mithilfe ihres eigenen Notationssystems, sozusagen am Schreibtisch, ab den 1960er-Jahren. Die Resultate sehen, verkörpert, nicht papieren aus, aber auch nicht sonderlich saftig. Sie haben etwas von Übungen mit vielen und ungewohnten Winkeln in den Körpern. Nie extrem.

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Deutschlandpremiere

Das renommierte Dance On Ensemble aus Berlin, mit Tänzer:innen über vierzig, führte sechs solcher kurzen Tänze auf, neu zusammengefasst zu „A Suite of Dances“. Dazu beauftragte der künstlerische Leiter Ty Boomershine einen heutigen Choreografen, sich auf Eshkols Werke zu beziehen. Der Franzose Noé Soulier nannte seine Suite „A Day in the Studio”.

So ein Studio und so ein Tag, jeder einzelne Tag in einem Studio, in dem Tänzer:innen trainieren, ist wesentlich für den Beruf. Vielleicht deshalb der Titel. Der Doppelabend wurde Anfang Juli im Amsterdam uraufgeführt, das Festival Tanzwerkstatt Europa in München sicherte sich die Deutschlandpremiere.

Echos und Spiegelungen

Soulier, Jahrgang 1987, seit 2020 Leiter des Centre national de danse in Angers, fingert Elemente aus den Eshkol-Tänzern, knetet das Winkelige und Beherrschte, Geordnete ein wenig durch, erlaubt Geschmeidigkeit, Körpernähe und -kontakt, setzt weniger Aufgerichtetheit ein, mehr Bodennähe, mehr Dynamiken, etwa Akzente wie Schläge von Schultern aus und höhere Beinwürfe.

Er habe dies gemeinsam mit den Tänzer:innen aus Improvisationen erarbeitet, erklärt die Dramaturgin. Er gab Aufgaben, „tasks“, sie erfanden, er sammelte, filterte, ordnete. Belässt ihnen nun stellenweise Freiheiten bei Timing und Raumausrichtung. Wie Eshkol wechselt er die Anzahl der insgesamt fünf Tänzer:innen ab. Alles ab zwei, nie allein. Auch er arbeitet mit Unisono und echo-artigem Nachfolgen, dazu noch Spiegelungen und Variieren der Ebenen: Die eine streckt den Arm im Stehen, die andre kniet und streckt.

Bei Soulier wirkt leider manches wie ein Schulbuch Choreografie: Was alles geht. Auch Heben und Tragen und kleine Hüpfer. Anfangs scheinen sich die Tänzer:innen in ihr Tun erst hineinzuschieben, später sind sie darin heimisch. In solchen Momenten bekommt die Sache schönen eigenen Schwung, etwa wenn die streng schauenden Alba Barral Fernández und Lia Witjes Poole in einer Szene mit kämpferischem Tempo den Körperteilausschlägen eine Art tierisch kurvige Lust beigeben.

Aufführungsfoto von „A Day in the Studio“ von Noé Soulier.

„A Day in the Studio“ von Noé Soulier. Foto: Delphine Perrin

Wie Volkstänze

Bei Souliers Kreation wirft auch das Licht stärkere Akzente, mal Spot, mal Großfläche. Als Sound spielt er einen etwas prätenziösen Text von Hanne Lippard ein, der mit Worten und Wortklängen spielt, „a day in the studio“, „day, anyway, anything goes“, Bedeutung fingiert, auswringt, fallen lässt. Auch „Narcissus“, Titel einiger Eshkol-Tänze, die hier aber nicht vorkommen, wird gefleddert. Die folgenden Celloklänge sägen an den Nerven. Noa Eshkol stellte nur ein Metronom auf, tick-tick, pro Stück ein Tempo. Hier tickt es aus den Lautsprechern, mit winzigem Nachhall, später wird es tack-tack und tock-tock-tock.

Eshkols Kurztänze wurden bislang noch nie von einem Ensemble außerhalb Israels getanzt; das von ihr noch gegründete Kammerensemble, das mit der entsprechenden Foundation zusammenarbeitet, ist Hüter ihrer Tanzkunst. Zwei der Mitglieder studierten die sechs Stücke mit Dance On ein. Sie sind nie schnell, sondern haben, in der Interpretation von Dance On, etwas Überlegtes, manchmal Vorsichtiges oder halblaut Bestätigendes: Hier sind wir. Genau jetzt.

Dass die erhobenen Hände, mal flach, mal als Fäuste, die breit gestellten, gebeugten Beine, das Drehen um die Körperachse, das kraftvoll wendige Becken und das Tappen der nackten Fußsohlen ohne Gewichtsverlagerung stellenweise an Volkstänze erinnert, in verkomplizierter Version, ist wohl kein Zufall. Wesentlich.

Rotationszentren

Noa Eshkol wurde 1924 in einem Kibbuz geboren, sie starb 2007. 1951 gründete Noa Eshkol ihr Ensemble. Sie unterrichtete auch, jahrzehntelang. Einer ihrer Schüler war der Student Abraham Wachmann, der Architekt wurde. Mit ihm zusammen entwickelte sie ab 1954 die Eshkol-Wachmann-Movement-Notation, EWMN. Sie orientiert sich an Gelenken und Achsen der Körperteile als Kugel- oder Rotationszentren, anwendbar als Analysetool für Tier- und Menschenbewegungen, auch in Kliniken und für Kybernetik und Robotik.

Eshkol scheute die Öffentlichkeit, sie erforschte und dokumentierte mit einem ihrer Tänzer arabische Volkstänze, sowie zu „israelisch“ zusammengefasste diverse Volkstänze, die im Land präsent waren. 1973 musste jener Tänzer als Soldat in den Jom-Kippur-Krieg ziehen; da hörte sie vorübergehend auf zu choreografieren und begann aus gefundenen Stoffstücken Teppiche zu nähen, in Gemeinschaft, am Boden sitzend. Textilkompositionen. Inzwischen ist sie dafür bekannter als für ihre Tänze. Aber diese gaben Generationen von Tänzer:innen Orientierung, und ihr Notationssystem wird weiterhin gelehrt. Bewegung genau zu sehen, zu tun und zu verstehen, ist viel wert. Lehrt Respekt.