Halt gibt nur das Wort
Foto: „Woyzeck“ am Theater Basel in der Inszenierung von Ulrich Rasche. © Sandra Then Text:Detlev Baur, am 1. August 2018
Der Regisseur und Bühnenbildner Ulrich Rasche hat in den letzten Jahren bühnentechnisch anspruchsvolles Schauspiel auf rollendem Untergrund entwickelt. Mit diesem immer neu variierten Ansatz schafft er herausragendes existenzielles Theater, das viel über unsere bewegte und prekäre Gegenwart erzählt. Wir trafen ihn in Frankfurt auf der Probebühne zu einem Gespräch über seine neue Inszenierung.
Eine Probebühne im Osten Frankfurts. Eine riesige schräge Metallscheibe ist in dem weiten Raum aufgebaut, sie misst etwa 15 Meter im Durchmesser. Auch die nächste Produktion des Regisseurs und Bühnenbildners Ulrich Rasche wird durch solch eine Bühnenmaschine geprägt werden. Ein paar Stunden später beginnen hier am frühen Abend die Proben für „Die Perser“ von Aischylos. Bei unserem Treffen verbinden wir ein Gespräch mit den Fotoaufnahmen für Artikel und Titelbild.
Im Gedankenaustausch ist Rasche zunächst zurückhaltend und doch ganz bei der Sache. Er ist ein außergewöhnlich besonnener und reflektierter Theatermacher, weniger Mime als Denker oder Bühnenarchitekt. Auch beim Fotografieren wirkt er zunächst eher vorsichtig. In den letzten Jahren war nur ein einziges Bild von ihm auf Homepages von Theatern oder seiner Agentur zu sehen. Doch nun, wo er sich auf diesen Termin eingelassen hat, ist er voll konzentriert und ohne Eitelkeit bei der Sache, bis hin zum Einstieg in eine alte auf der Seite liegende Telefonzelle auf dem Gelände der Probebühne am Ende unseres Treffens.
Bewegungsreiches, chorisches Theater
Die Premiere von Rasches neuester Dauerdrehbühneninszenierung findet am 18. August bei den Salzburger Festspielen statt und wird in der neuen Spielzeit auch beim Kooperationspartner, dem Schauspiel Frankfurt, zu sehen sein. „Die Perser“ sind ein extrem statisches Stück, fast ohne äußere Handlung – und stellen damit eine ideale Textgrundlage für Rasches bewegungsreiches chorisches Theater dar. Denn tatsächlich lässt sich die Arbeit des 49-jährigen Regisseurs besonders gut durch Widersprüche beschreiben – oder vielmehr durch die Dynamisierung von zunächst zwiespältig scheinenden Zuständen.

Ulrich Rasche unter der Drehbühne auf der Probebühne des Schauspiels Frankfurt. Foto: Tobias Kruse
Auf der sich ständig drehenden Scheibe in „Woyzeck“ vom Theater Basel etwa sind die Akteure dauerhaft zu unaufhörlicher Fußbewegung gezwungen und kommen dabei fast gar nicht vom Fleck. „Büchner ist für mich eine prägende Figur“, bekennt Ulrich Rasche. „Wenn die Menschen bei mir marschieren, sind sie auch Objekte einer Maschine, die ihnen eine Bewegung aufzwingt. Büchners Fatalismus-Brief ist für mich eine wichtige Lektüre gewesen. Und dabei ist interessant, dass er weitergeschrieben hat, obwohl er bezweifelt, dass die Verhältnisse veränderbar sind.“ Wie ein flaches Rad der Fortuna kreisen die Drehbühnen.
Bewegung und Stillstand gehen in Rasches Inszenierungen einen physisch-dialektischen Bund ein. Dadurch verbinden sich Literatur und Körperlichkeit auf ganz spezielle Weise: Halt gibt nur das Wort. In diesen Choreografien gerät ausgerechnet die Sprache ungewöhnlich stark in den Fokus. Ohne die Möglichkeit, es illustrativ zu gebrauchen, wird das Sprechen der Darsteller – einzeln, zu zweit oder im Chor – sofort zum existenziellen Statement von Getriebenen auf instabilem Untergrund.
Keine Ablenkung vom Körper
Außer den Laufbändern oder Drehscheiben, die sich gelegentlich auch neigen können, bieten Rasches selbst entworfene Bühnen keine Ablenkungen vom bewegten Körper. Zur Konzentration dient auch die Livebegleitung durch neben den Bühnenmaschinen platzierte Musiker mit Percussion, Streichern, auch Bläsern oder Gesang. Letztlich ist jede Rasche-Aufführung auch ein Musiktheaterwerk; so komponierte für „Sieben gegen Theben/Antigone“ am Schauspiel Frankfurt Ari Benjamin Meyers Musik, die eine rhythmische und emotionale Spiellandschaft etabliert. Durch Loops können die Musiker das Sprechgeschehen opernähnlich exakt begleiten. Das technisch umgebene Sprechen der Darsteller erhält durch die Musik voller Wiederholungen und Steigerungen einen hohen Grad an Pathos: Wir sehen eben kein Maschinentheater, sondern, intensiviert durch den Sound, den – hoffnungslosen – Kampf des Individuums oder der Gruppe im ewigen Hamsterrad der Geschichte.
Die Stückauswahl ist ein wichtiger erster Schritt der Arbeit Ulrich Rasches. In den letzten Jahren waren es neben den antiken Tragikern Büchner, Kleist und Schiller, für deren Texte Rasche und seine Mitarbeiter mit ähnlichen Mitteln eine jeweils eigene Umsetzung fanden. In der nächsten Spielzeit wird er am Münchner Residenztheater Hugo von Hofmannsthals „Elektra“ in Verbindung mit Sarah Kanes „4.48 Psychose“ inszenieren und am Deutschen Theater Büchners „Leonce und Lena“ – alles Texte, die gut zu seinem klugen und kompromisslosen Theater passen dürften.
Kreativer Widerspruch
Mit „Das große Heft“ am Staatsschauspiel Dresden zeigten Rasche und sein Team, dass seine Technik auch für Romantexte auf der Bühne ideal funktionieren kann. Ágota Kristófs Text über zwei verwahrloste Zwillinge in der Endphase des Zweiten Weltkriegs, über Identität und Gefühlskälte, über Selbstbeschreibung und Einsamkeit fand hier eine ideale Umsetzung. Der Roman wird nicht dekonstruiert, wohl aber konzentriert. Rasches in jeder Beziehung episches Theater folgt der Textvorlage chronologisch, illustriert dabei aber den Text nicht, löst ihn auch nicht im Rollenspiel auf, sondern schafft die Versinnbildlichung zum literarischen Wort.

Ulrich Rasches Bühnen mit Schauspielern in Dauerbewegung: „Das große Heft“ nach Ágota Kristóf am Staatsschauspiel Dresden. Foto: Sebastian Hoppe
Die wohl wichtigste Anregerin für Rasche – und auch hier lauert ein zunächst überraschender kreativer Widerspruch – ist Pina Bausch, die Befreierin des Tanztheaters von formalen Ballettvorgaben durch individuelle, bewegte Menschen. Als Jugendlicher pilgerte Rasche regelmäßig aus Bochum nach Wuppertal: „Ich habe bestimmt 200 Aufführungen gesehen. Wenn Tänzer, die so stark durch ihre Individualität geprägt waren, hintereinander in einer Reihe oder im Kreis eine Choreographie nachgemacht haben – das hat mich besonders fasziniert. Da konnte ich sehen, gerade wenn alle das Gleiche machen, dass die Individualität in der Abweichung zum Vorschein kommt.“
Drei parallele Proben
Ulrich Rasche studierte Kunstgeschichte und Vergleichende Literaturwissenschaft; über das Tanztheater kam er zum Sprechtheater. Und nun sind konsequenterweise auch Operninszenierungen geplant. In Stuttgart und Basel wird Rasche je eine Oper Benjamin Brittens inszenieren. Rasche sieht einen deutlichen Unterschied bei der Arbeit mit komponierten Musiktheaterwerken: „Das Sprechtheater ist der kreativere Prozess, es sei denn, man arbeitet mit Komponisten zusammen.“
Wir stehen später beim zwischenzeitlichen Fotoshooting auf der Drehbühne für „Die Perser“. Die Bühnentechniker setzen die Drehscheibe für uns in Bewegung, der Regisseur schreitet über seine Bühne: „Ich bin eigentlich nicht speziell an Technik interessiert. Die Technik kam einfach dazu. Der maschinelle Aspekt hat sich entwickelt.“ Unter der Scheibe auf der Probebühne steckt ein Antrieb der Salzburger Festspiele. „Das logistische Unternehmen ist enorm. Wir arbeiten derzeit auf drei Probebühnen parallel.“ Mit dem Chor, mit den Musikern und den Einzeldarstellern und -darstellerinnen, teilweise teilt sich der Chor auf. „Ohne Stadttheater im Rücken würde das alles nicht funktionieren“, meint Rasche.
Die Werkstätten bei der Herstellung der Bühnen, die Zertifizierung der komplizierten Technik, die Sicherung der Schauspieler – all das würde in der freien Szene zu einem Vielfachen der Kosten führen, singt der besonnene Theatermacher das Lob des Stadttheaters, einerseits. Andererseits ist Rasche wenig optimistisch für die Zukunft seiner Arbeit und der anderer kreativer Theatermacher: „Die Bereitschaft an den Theatern, alles möglich zu machen, ist enorm. Aber die Struktur selbst erlaubt es der Intendanz nicht, darüber hinauszugehen: Die Bühnenproben und die Abläufe sind zu reglementiert. Die Spielplanstrukturen sind in Perioden von sechs bis acht Wochen eingeteilt. Und wenn sie eine Woche mehr brauchen, fehlen die Schauspieler, weil sie noch oder schon wieder in einer anderen Produktion sind. Ich habe einen Chor von 16 Leuten, die sind aber eigentlich nie alle bei den Proben da. Und dabei arbeite ich an den größten Häusern.“
Technisch aufwendig
Das technisch aufwendige Theater des Regisseurs ist deswegen so außergewöhnlich und wertvoll, weil es das Wort und die darin aufgehobenen Emotionen intensiviert. Dabei wird die Wirkungskraft seines Theaters vermutlich durch die gegenwärtige gesellschaftliche Verunsicherung noch verstärkt. Das sehr künstliche Theater Ulrich Rasches ist ein dringliches, inhaltlich engagiertes und somit auch sehr aktuelles Theater. Es beruht auf dem simplen Prozess des in zwanghafter Bewegung gehaltenen Darstellers und führt dabei in Verbindung mit starken Texten zu enorm vielschichtigen, Geist und Gefühle anregenden Tönen und Bildern von bedrängten Menschen.
Inhalte und Werte sind im Gespräch immer wiederkehrende, zentrale Begriffe Rasches: „Ich will Werte diskutieren, die es uns ermöglichen, Gemeinschaft zu bilden. Die Gemeinschaft um einen Wert herum gilt es zu verteidigen gegen Tendenzen, wie sie von der AfD und Ähnlichen unter das Volk geworfen werden. Daher hat das Theater einen eminent politischen Auftrag. Weil es diese Gemeinschaft ist und weil es Gemeinschaft herstellen kann. Wo der Kippmoment zwischen Einzelnem und rauschhaftem Kollektiv liegt, das ist eine wichtige Untersuchung, die das Theater leisten kann.“
Bedeutung der Masse
Auch im komplexen Verhältnis vom Einzelnen zur Gesellschaft liegt ein produktiver Widerspruch von Ulrich Rasches Theater. Im Berlin der Jahrtausendwende hat er etwa bei Einar Schleef den Chor als theatrales Mittel kennengelernt: „Und ich stelle jetzt fest, welche Bedeutung die Masse haben kann, welche Gefahr darin liegen kann, wenn die Inhalte nicht geführt sind. Die Diskrepanz zwischen individueller Freiheit und Gesellschaft, in der wir sind, die werden wir nie auflösen können.“ Egal, ob bei Britten, Büchner oder Kristóf – Rasche interessieren in seinem Theater mit historischen Texten aktuelle politische Fragen: „Warum erleben wir solch eine Spaltung in der Gesellschaft? Und warum gibt es den Rückgriff auf Verhaltensmuster, die wir eigentlich alle kannten und die nicht bewältigt wurden? Wenn wir denken, wir hätten Wurzeln der deutschen Geschichte analysiert oder bewältigt oder wir könnten sie verwalten, dann ist uns das nicht gelungen.“

„Die Räuber“ am Münchner Residenztheater. Foto: Andreas Pohlmann
Besorgniserregend sind für Rasche die ethischen Koordinaten des Theaters wie der Gesellschaft: „Das ist ja eine Krankheit unserer Gesellschaft, dass jeder sich als Egoist nach vorne kämpft. Das Theater müsste doch vorangehen und Modelle aufzeigen, wo Verbindung hergestellt werden kann. Wenn ich aber permanent erzählt bekomme, das Wichtigste seien das Ich und die Individualität auf der Bühne – wo ist denn da der Anschluss an die Problematik unserer sich radikal entsolidarisierenden Gesellschaft?“
Formale Strenge
Diese Gedanken sind auch ein Reflex auf die von mir ins Gespräch gebrachten (indirekten) Angriffe des Schauspielers Fabian Hinrichs wenige Wochen zuvor beim Berliner Theatertreffen. Hinrichs hatte in seiner Laudatio auf den Schauspieler Benny Claessens den souveränen Schauspieler im Gegenwartstheater vermisst und stattdessen „preußischen Gehorsam“ und Regiegefängnisse entdeckt – und damit vor allem auf Rasches formal strenges Theater gezielt, mit Schauspielern als Dauerläufern. Rasche agiert häufig mit jungen Nachwuchsakteuren (im Chor), er setzt aber auch Stars wie Valery Tscheplanowa oder Katja Bürkle in Szene.
Mit beiden inszeniert er nun „Die Perser“, die älteste erhaltene Tragödie, das relevante Zeitstück der Gewinner (Griechen) über die Verlierer (Perser), die humane Analyse des politischen Unglücks: „Wir sind gerade in einer Situation, wo wir darauf angewiesen sind, andere Stimmen zuzulassen, die uns erzählen, wie wir uns verändern könnten.“ Den Chor der Ältesten, die auf Nachrichten vom fernen Krieg warten und dann mit den schlechten Nachrichten von Boten und dem Kriegsverlierer Xerxes konfrontiert werden, besetzt Rasche mit Frauen, auch die aktuelle Polarisierung zwischen dem weiblichen und dem männlichen Geschlecht lässt sich – mit dem richtigen Dreh – in diesem alten Stück spiegeln.
Keine Beschönigung der Welt
Unverkennbar hat Ulrich Rasche mit seinen Drehbühnen oder Laufbändern (etwa in „Die Räuber“ am Münchner Residenztheater) einen Stil gefunden. Und den möchte er noch weiterentwickeln. Beim Besuch in der Frankfurter Probebühne, bei Gesprächen in der Küche und zwischen Fotosessions auf und unter der Bühne sowie um das Gebäude herum legt der Regisseur dar, dass er seinen Stil, wie er ihn nach zehn oder zwölf Jahren gefunden habe, nicht so einfach austauschen werde: „Die größten Künstler, die ich kenne, haben ihr Leben lang an der einen Form gearbeitet und sie weiterentwickelt.“ Und die Sorge, in der eigenen Methode stecken zu bleiben, sich nicht mehr weiterzuentwickeln? „Solange ich herausfinden kann, was die Bewegung mir erzählt und welche Stücke damit in Widerstreit kommen, kann ich noch so weitermachen. Ich wäre restlos überfordert, neue, konsumierbare Formen herzustellen.“
Ulrich Rasche ist ein zutiefst ernsthafter Theatermacher: „Wenn ich im Privaten vielleicht gar nicht so streng bin und humorvoll, sehe ich dafür bei mir auf der Bühne keinen Platz. Theater ist mir so wichtig und bedeutsam, dass ich keine Kompromisse auf die Bühne bringen will.“ Auch komische Exkurse oder augenzwinkernden Kontakt mit dem Publikum finden sich in seinen Inszenierungen nicht: „Eine Beschönigung der Welt kann ich nicht liefern.“ Das Wort gibt aber doch Halt in Rasches faszinierendem Theater über den geistlosen Dauerlauf der Zeiten.
Ulrich Rasche ist Regisseur und Bühnenbildner. Geboren 1969 in Bochum. Studium der Kunstgeschichte und Vergleichenden Literaturwissenschaft. Erste Inszenierungen in Berlin, u. a. 2004 das Chorprojekt „Singing! Immateriell Arbeiten“ im Palast der Republik. Inszenierungen am Schauspiel Stuttgart, Theater Bonn und Schauspiel Frankfurt. Einladungen zum Theatertreffen mit „Die Räuber“ (Residenztheater München, 2017) und „Woyzeck“ (Theater Basel, 2018). Premiere von „Die Perser“ am 18. August 2018 bei den Salzburger Festspielen.
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.8/2018.