Choreograf Jean-Christophe Maillot, Direktor des monegassischen Balletts, hat sich des Klassikers „La Bayadère“ angenommen. Und das 1877 in St. Peterburg uraufgeführte Erfolgsstück – geschaffen vom legendären Duo aus Choreograf Marius Petipa und Komponist Léon Minkus – in eine Version gegossen, in der er seine eigene Handschrift mit Passagen des Originals verknüpft. Das auch musikalisch: Minkus’ Musik erklingt in modernen Aufnahmen des englischen Dirigenten John Lanchberry von 1994 für das American Ballet Theatre und in Kevin Galliès Evergreen Symphony Orchestra von 2018. Ergänzt wird das Klangbild von Bertrand Maillot.

Das Ensemble bespielt und betanzt geschichtete Eisbergschichten. Foto: Alice Blangero
Hinter den Kulissen
Denn Jean-Christophe Maillot nimmt in seinem „Ma Bayadère“ das Publikum mit hinter die Kulissen eines Theaters. Sein Kniff? Das „Mise en abyme“: Er erzählt das Drama über die indische Tempeltänzerin Nikiya und den Krieger Solor als Geschichte in der Geschichte, in der ein Stück entsteht. Und die Tanzenden spielen die Anspannung, die oft in solch einem Prozess vorherrscht, bestens. Alle scheinen von ihren Rollen regelrecht in Besitz genommen zu werden. Startänzer Solo, der sich zu der neuen charmanten und höchst begabten jungen Tänzerin Niki hingezogen fühlt, aber mit der Primaballerina Gamza ein ausdrucksstarkes Traumpaar bildet. Niki, die letztere beruflich wie privat als Rivalin sieht und aus Traurigkeit ihre Variation nicht tanzen kann.
Der eifersüchtige Ballettmeister Brahma (fein enerviert: Michele Esposito), der Niki gerne für sich hätte. Schließlich Choreograf Rajah (stark autoritär: Jaat Benoot), den das ganze Liebeschaos nervt und der stets zur Arbeit antreibt, ja Niki durch Gamza ersetzt. Schließlich steht die Aufführung vor der Tür! Bekanntlich endet das Drama tödlich, die Premiere geht schief, der verzweifelte Solo träumt sich ins Schattenreich: Da lebt Niki noch, alle tanzen in Eintracht – Niki und Gamza küssen sich gar auf die Lippen.

Das Ensemble beobachtet wie die zwei Tänzer:innen sich küssen. Foto: Alice Blangero
Denn Maillot kann auch im Drama Komödie. So zeigt er, als im Stück das Stück uraufgeführt wird, was hinter den Kulissen parallel passiert: Während die Truppe versucht, gute Miene zu machen und im Tempelhäuschen der Szenerie durchzuspielen, kochen links und rechts davon in den Bühnengassen die Emotionen hoch, bis nichts mehr geht.
Verschachtelte Eisberge
Und das berühmte Schattenreich, traditionell als „Ballet blanc“ inszeniert? Ist bei ihm eine schraffierte Eisbergwelt, die an – noch unkolorierte – Pappkartons von Stop-Motion-Filmen erinnert. Von dort herab steigt das Ensemble, als ob es auf einer Rolltreppe führe, um sich unten in fröhlichen Reigen zu wiegen oder im Bodennebel, bäuchlings die Köpfe auf Händen gestützt, dem harmonischen Treiben von Brahma, Rajah, Solo, Niki und Gamza zu goutieren – letztere etwa in einem Pas de Trois.
Die komplexen Hebungen vollführen Ige Cornelis (Solo), Juliette Klein (Niki) und Romina Contreras (Gamza) poetisch mit Grazie. Überhaupt, das Ensemble liefert ab, tanzt sich so gekonnt wie leidenschaftlich durch die verschiedenen Ebenen der Geschichten. Kurz: Mit „Ma Bayadère“ hat Maillot eine eigene, ja persönliche Lesart des Klassikers geschaffen. Spiegelt sie doch auch – wie oft bei ihm – autobiografische Aspekte, etwa seinen schweren Unfall, der seine Tanzkarriere abrupt beendete. Das mag nichts für Puristen sein. Aber es transportiert das Werk samt klassischem Vokabular konsequent und raffiniert in die Gegenwart, dem Publikum den ungeschönten Alltag einer Kompanie vor Augen führend.
