Aufführungsfoto von „Carmen“ von Georges Bizet bei den Salzburger Festspielen. Ein Mann steht sehr dicht einer Frau gegenüber und schaut sie eindringlich an, die Frau wendet sich ab und hält sich den Jackenkragen zu.

Zerbrochenes Geschirr

Georges Bizet: Carmen

Theater:Salzburger Festspiele, Premiere:26.07.2026Regie:Gabriela Carrizo (Peeping Tom)Musikalische Leitung:Teodor Currentzis

„Carmen“ von Georges Bizet bei den Salzburger Festspielen in der Regie von Gabriela Carrizo und ihrer Compagnie Peeping Tom gerät zu einem Tanztheater mit ungebremster Kreativität, auf Kosten der Figurenschärfe.

Diese „Carmen“ ist eine entweder trotzig streitlustige oder vom Interpretationszeitgeist unbeleckte Hinterlassenschaft des vor kurzem demissionierten Salzburger Festspielintendanten Markus Hinterhäuser. Und damit ein kulinarisches Fanal unter Berücksichtigung der aktuellen „Carmen“-Pamphlete aus dem deutschen Musiktheater-Äquator. Vieles prallt in dem seit einigen Jahren als problematisch betrachteten Repertoire-Blockbuster aufeinander: Carmen, die Angehörige eines Wandervolkes, vereine die Negativ-Stereotypen von Unangepasstheit, hemmungsloser Sexualität, Aggression, Promiskuität und satter Eigenwilligkeit, die einen Dorn auch im Auge der woken Sicherheitsgesellschaft bilden müsste.

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Das Ganze wirkt bei der argentinischen Choreografin Gabriela Carrizo, ihrer Kompanie Peeping Tom und dem Sounddesign von Raphaëlle Latini in erster Linie als routiniert virtuoses Tanztheater zwischen antipatriarchaler Fantasmagorie und der verstörenden Realität, dass in Argentinien alle 35 Stunden ein Femizid geschieht: Salzburg-spezifisch mit musikalischer Begleitung in Premiumsegment. In vorderster Front agieren beeindruckende Performende von Peeping Tom als Parallelfiguren und in zeitlicher Asynchronie zur Handlung. Carrizo produziert viel zerbrechendes Geschirr und verbrannte Erde – im sprichwörtlichen und szenischen Sinn. Mit kongenialer Düsternis beleuchtet das Tom Visser.

Effekthascherei

Carmen bleibt aufrecht bis zum Schluss, sackt sterbend so spät wie möglich zusammen. Diese einfache Intensität des Finales hätte man dem ganzen Abend gewünscht. Davor war Effekthascherei alles: Frei nach vielen erkennbaren Vorbildern – ein bisschen Carlos Saura, ein bisschen Patrice Chéreau („L’homme blessé“) mit Jean-Genet-Petersiliensträußchen und als Sättigungsbeilage Pina Bausch, aus deren Tanztheater-Mutterschatten sich Gabriela Carrizo bis heute nicht herausbegeben will.

Einfachste Lösung für Carrizo in der Luxus-Werkstatt Salzburg. Sie und Teodor Currentzis verzichten „radikal“ auf die prägnanten Dialoge von Ludovic Halévy und Henri Mailhac, aber auch auf Ernest Guirauds Rezitative. Damit entfallen die lästigen Charakterisierungsschärfen an den Figuren und alle den Kreativflow störenden Bindemittel. Bühne frei für ungebremste Kreativität und Klischee-Sprengsel! Der graue Krater, den Christof Hetzer setzt, hat Vorteile für die Schmuggler-Szene im Hochgebirge, animalische Menschenfleischballungen und eine oft gesehene Metapher: Für ein ambitioniertes „Carmen“-Universum und die tödliche Paar-Konfrontation soll die ganze Welt eine Stierkampfarena sein.

Aufführungsfoto von „Carmen“ von Georges Bizet bei den Salzburger Festspielen. Ein Mann in weit aufgeblasener Uniform steht, die Arme ausgebreitet, vor einem kleinen Jungen auf einer unförmig spitz zulaufenden Bühnenfläche, die orangefarben beleuchtet ist.

„Carmen“ von Georges Bizet bei den Salzburger Festspielen in der Regie von Gabriela Carrizo (Peeping Tom). Foto: SF/Virginia Rota

Wider dem Dualismus

Der als Seelenmulde behauptete Erdkrater ist und bleibt düster. Kinder sind auch nach Bizets Soldatenmarsch-Parodie oft dabei. Sie erhalten pulsierendes Anschauungsmaterial von dem, was ihnen im Erwachsenenalter blühen wird: Gruppenbalz und Rudelballungen Leib an Leib. Zumeist in qualvoller Verbundenheit und mit aggressiv ekstatischer Erregung. Der Utopia Choir, Bachchor Salzburg, Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor (Einstudierung: Vitaly Polonsky, Wolfgang Götz, Regina Sgier, Michael Schneider) gewährleisten Klang- und Personenfülle.

Ihr zugutehalten muss man, dass Carrizo über den dumpfen Dualismus von Schläger-Männern contra Frauen-Opfer längst hinaus ist. Sie will an die systemischen Wurzeln dieses patriarchalen Reibungskonfliktes und recherchierte nach eigenem Bekunden intensiv: Die Massenekstase beim Toreromarsch offenbart sich als niedliches Im-Kreis-Rennen in Pink. Ein Tänzer-Opfer zeigt zu Beginn, wie sich Männer untereinander mit Gewalt domestizieren und malträtieren – in wirkungsvollem Halbdunkel.

Hilfe bei YouTube

Unterdrückt wird wirklich alles, was im Mittelpunkt stehen sollte. Currentzis lässt sein Utopia Orchestra in ganz großer Besetzung spielen. Er negiert Bizets musikdramatische Genialität, Elastizität und Transparenz bis zur Unkenntlichkeit. Meistens herrscht allerdings ein Formschliff wie bei russischen Kapellmeistern für romantische Ballettmusik. Fehlanzeige also immer, wenn es auf sensitive Interaktion oder sängerische Solidarität ankommt – zu Lasten von Michael Arivony (Le Dancaïre) und Mingjie Lei (Le Remendado) Iveta Simonyan (Frasquita) und Anita Monserrat (Mercédès). Liviu Hollender (Moralés) klingt unprofiliert.

Der wirkungsvoll zu Boden gehende Matthias Winckhler (Leutnant Zuniga) war kaum zu hören. Und leider musste Kristina Mkhitaryan (Micaëla) forcieren. Für die wesentlichen Konfliktmomente zwischen dem, bei einer Frau wie Carmen wegen sozialer Prägung, kaum widerstandsfähigen José, einem in seiner Männlichkeit sicher ruhenden Escamillo (ideal: Davide Luciano) und einer sehr sensiblen Carmen holte sich Carrizo Hilfe aus zahlreichen YouTube-Videos.

Hier bleibt Jonathan Tetelman als neugierig erwartetem Don José über die ständige Kraftanstrengung keine Restenergie für wirkliche Höhepunkte. Die mit intensiver Ruhe, präsenter Gelassenheit und gesanglicher Souveränität auftretende Asmik Grigorian machte in der Titelpartie und mit Tetelmans Unterstützung deutlich: „Carmen“ bleibt in der konstatierten Klassik-Krise ganz wichtiger Opern-Sprit und -Spirit.