Aufführungsfoto von

Ein seltener Gast

Richard Wagner: Rienzi

Theater:Bayreuther Festspiele, Premiere:26.07.2026Regie:Alexandra Szemerédy, Magdolna ParditkaMusikalische Leitung:Nathalie Stutzmann

Zum Jubiläum: Mit „Rienzi“ von Richard Wagner eröffnen die 150. Bayreuther Festspiele. Sein Frühwerk in der Inszenierung von Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka ist musikalisch gelungen, gesanglich in Hochform, doch die Schwächen das Stücks vermag es nicht zu überdecken.

Nach einer ausführlichen Einleitung der Jubiläumsfestspiele mit Open Air-, Gedenk- und Nachdenk-Reden nun endlich das Experiment mit dem Frühwerk des Meisters, das nicht zu dem 10er-Kanon zwischen „Fliegendem Holländer“ und „Parsifal“ gehört und hier noch nie zu hören war: „Rienzi“ Also ein vor allem musikalisches Experiment. Festspielchefin Katharina Wagner hat das Werk selbst schon mal inszeniert, auch in Bayreuth gab es „Rienzi“ schon mal, allerdings nicht im Festspielhaus. Auch sonst kommt er eher selten auf eine Bühne.

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Testlauf

Nun also als Jubiläums-Schmankerl ausnahmsweise in den Heiligen Hallen und natürlich mit eigener Pausenfanfare für den Balkon. Was im Haus folgte, war so etwas wie ein Testlauf. Die Frage, ob dieses Stück zum Haus passt, läuft eigentlich darauf hinaus, ob schon genügend „richtiger“ Wagner in diesem frühen, noch nicht durchkomponierten Fünfakter aus dem Jahre 1842 steckt, um aus der besonderen Akustik dieses Hauses Kapital zu schlagen. Mit der Fassung, die man aus dem überlieferten Material (eine gültige Fassung letzter Hand existiert nicht) erarbeitet hat, ist das rein musikalisch tatsächlich gelungen.

Wohl auch, weil die schon für ihre Tannhäuser-Dirigate im verdeckten Graben gefeierte Nathalie Stutzmann sensibel und sängerfreundlich damit umgeht. Weil Thomas Eitler-de Lint mit dem Festspielchor auf dem richtigen Erneuerungskurs ist und sie alle das Stück als Choroper ernstgenommen haben. Und, weil sich die Protagonisten voll ins Zeug legen. Nicht so, dass man jedes Wort verstehen (oder wie sonst das Publikum in diesem Haus eh einigermaßen kennen) würde, aber so, dass die Emotionen rüberkommen.

Vokales Kraftzentrum

Dass Andreas Schager in der Titelpartie des zum Volkstribunen aufsteigenden und dann tief fallenden Helden, Wagners selbstkritisch kokettierendes Rienzi-Etikett vom „Schreihals“ eine Spur zu wörtlich nimmt, lässt sich bei diesem Ausnahmekrafttenor wohl nicht mehr ändern. Als er sich in dem berühmten Gebet zu Beginn des 4. Aktes „Allmächt’ger Vater, blick’ herab…“ um die verinnerlichte Zurückhaltung bemüht, ist das eine der wenigen Passagen, in denen man sogar um Schagers Stimme bangt. Aber sei es drum. Als von der Macht besoffener Haudrauf ist er ein vokales Kraftzentrum.

Aufführungsfoto von „Rienzi“ von Richard Wagner bei den 150. Bayreuther Festspielen. Eine Massenszene mit Plakaten und einem Wahlkampfstand. Alles in dunklen Grautönen gehalten. Dahinter ein Häuserblock mit grauen Wänden und Öffnungen.

„Rienzi“ von Richard Wagner bei den 150. Bayreuther Festspielen mit Michael Nagy (Orsini), Michael Kupfer -Radecky (Cecco del Vecchio), Andreas Schager (Rienzi), Gabriela Scherer (Irene), Matthias Stier (Baroncelli), Andreas Bauer Kanabas (Colonna), Jennifer Holloway (Adriano ), Festspielchor und Sonderchor. Foto: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Festspielwürdig halten nicht nur Gabriela Scherer als Rienzis Schwester Irene und vor allem Jennifer Holloway in der Hosenrolle als deren Liebhaber Adriano mit. Auch alle weiteren Rollen (vor allem Andreas Bauer Kanabas als Colonna, Michael Nagy als Orsini und Vitalij Kowaljow als Kardinal Raimondo) sind erstklassig besetzt. Die Schwächen des auf Einzelnummern, Chortableaus und Pathos bauenden, manchmal auf Kommendes vorausweisenden Stückes kann das freilich nicht überdecken.

Zwischen Gruseln und Schmunzeln

Eine Regie vermag hier deutlich leichter am Lehrstück über die Verführbarkeit der Massen und die Auswirkungen von Macht anknüpfen. Das gelingt Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, die gemeinsam für Regie und Ausstattung stehen. Vier nüchtern betongraue, von lästigen Stadttauben umschwirrte Platten-Wohntürme, ein holzgezimmertes Arenahalbrund und ein Bühnenportal liefern Schauplätze für Menschen, die vor allem über Handys kommunizieren. Rienzi setzt sich bei Wahlen mit 41 % gegen die Konkurrenz durch, verspricht seinen Wählern das Blaue vom Himmel, wird aber schon bald Ziel eines Attentates und schließlich zu einem Mann, der seine Konkurrenten eigenhändig vor laufenden Kameras erschießt. Dass seine 41 % zufällig den blauen Umfragewerten in Sachsen-Anhalt entsprechen ist nicht der einzige Gruseleffekt, den die Regie bietet.

Aufführungsfoto von „Rienzi“ von Richard Wagner bei den 150. Bayreuther Festspielen. Menschenmassen links und rechts einer großen steilen Treppe, die zu einer großen Leinwand empor führt.

„Rienzi“ von Richard Wagner eröffnen die 150. Bayreuther Festspiele mit Andreas Schager (Rienzi), Gabriela Scherer (Irene), Jennifer Holloway (Adriano). Foto: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Aber es gibt zur ausgedehnten Ballett- bzw. Pantomimenmusik auch was zum Schmunzeln: den ganzen Bayreuther Wagner in einem Kindertheaterstück. Da gehen dann auch mal Stolzing und Tannhäuser aufeinander los und die Wartburg fährt als DDR-PKW über die Bühne. Dass das Verhältnis von Rienzi und Irene mit dem Wissen um Siegmund und Sieglinde hier auch inzestuös angedeutet wird, bleibt etwas in der Schwebe. Dass Rienzi am Ende nicht in den Untergang, sondern auf einer riesigen Freitreppe effektvoll in einen imaginären Himmel entschwindet, mag die verklärende Wirkung andeuten, die das Werk auf den einen Wagnerfan gehabt hat, der mit seinem Aufstieg und Fall allzu viele Menschen mitgerissen hat.

„Rienzi“ im Festspielhaus? Ja. Eine Viertelstunde Jubel steht dafür. „Rienzi“ (auch künftig) ins Festspielhaus? Das eher nicht. Manchmal hatte Wagner mit seiner Selbsteinschätzung auch recht.