Peter Hoare steht in einem blau aufgeleuchteten Haus und fliegt durch den Weltraum. Um das Haus rum ist alles dunkel.

Der einzig Normale unter lauter Verrückten

Leoš Janáček: Die Ausflüge des Herrn Brouček

Theater:Bregenzer Festspiele, Premiere:23.07.2026Regie:Yuval SharonMusikalische Leitung:Robert JindraKomponist(in):Leoš Janáček

Yuval Sharon inszeniert bei den Bregenzer Festspielen Die Ausflüge des Herrn Brouček“ von Leoš Janáček. Bei der Premiere verleihen die Wiener Symphoniker, der Philharmonische Chor Prag und nicht zuletzt das Ensemble der Musik regelrecht Flügel.

Es gibt einen Flug zum Mond und ästhetische Diskussionen im All. Auch eine Zeitreise in das Prag von 1420 inmitten der Hussitenkriege mit patriotischen Gesängen, Kriegsgetümmel und Fahnenflucht hat Leoš Janáčeks selten gespielte, satirische Oper „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ zu bieten. Nun haben die Bregenzer Festspiele das 1920 in Prag uraufgeführte Werk ins Festspielhaus gebracht – und erzielen damit einen triumphalen Erfolg. Im Gegensatz zur zurückhaltend aufgenommenen „La Traviata“-Premiere auf der Seebühne wird diese Produktion lautstark bejubelt.

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Der über zweieinhalbstündige Abend verzaubert von Beginn an. Zu den gedämpften Streicherklängen aus dem Orchestergraben entsteht in wenigen digitalen Strichen (Video: Hannah Wasileski) eine aus Dreiecken und Quadraten gezeichnete Stadt vor einem Sternenhimmel inklusive Mond. Plötzlich sind deckungsgleich zu den digitalen Fassaden echte Bühnenräume zu sehen (Bühne und Kostüme: Jon Bausor). In einem der spitz zulaufenden Häuser sitzt die Hauptfigur Matěj Brouček in einem Sessel und schaut Fernsehen. Graue Hose, gemusterte Weste, Seitenscheitel: Der Spießbürger hat es sich in seinem winzigen Eigenheim gemütlich gemacht.

Mit jedem Auftritt einer Figur geht eine andere Tür auf und wieder zu. Witz und Präzision kennzeichnen die Regie von Yuval Sharon, aber auch Fantasie und Leichtigkeit, die dem komplexen Stoff gut tun. Die Wiener Symphoniker spielen die feingliedrige, rhythmisch vielschichtige, immer wieder lyrische Melodiephrasen entwickelnde Musik Janáčeks auf Festspielniveau. Auch hier ist der Humor Janáčeks zu hören, wenn die Holzbläser das Lachen imitieren oder das Blech mal dreinfährt, um sich sofort zurückzunehmen, als wäre nichts gewesen.

Auf zum Mond

Peter Hoare ist mit seinem beweglichen Tenor und seinem brillanten Spiel die perfekte Verkörperung dieses titelgebenden Spießbürgers, der am liebsten seine Ruhe hat, allem Fremden skeptisch gegenübersteht und mit einem Bier und ein paar Würstchen zufrieden ist. Da tangiert es ihn wenig, dass seine Nachbarn Mazal (auch in weiteren Rollen exzellent mit hellem, strahlendem Tenor: Mihails Čuļpajevs) und Málinka (brillant in insgesamt drei Partien: die Sopranistin Tatev Baroyan) lautstark streiten. Dann wird das Haus zur Rakete und hebt ab. Großartig, wie Peter Hoare alias Brouček verwundert ins All schwebt, im sich drehenden Haus herumgekraxelt und sein Gefährt kopfüber in den Mondboden stürzt.

Die Bühne ist schwarz. Wie bei einer Zeichung ist im Hintergrund eine Linie eingezeichnet, die Bäume symbolisieren soll. Davor steht ein einfaches Haus, blau gegen den schwarzen Hintergrund ausgeleuchtet. Darin sitzt die Hauptfigur.

v.l.n.r.: Tatev Baroyan (Málinka) und Peter Hoare (Matěj Brouček). Foto: Bregenzer Festspiele / Anja Koehler

Die ihm fremde Mondgesellschaft hat Regisseur Yuval Sharon, der in zwei Jahren Richard Wagners Oper „Der fliegende Holländer“ auf der Seebühne inszenieren wird, mit seinem kongenialen Ausstatter Jon Bausor in lampenschirmähnliche Quader gesteckt. Das kubistische Ballett ist absurdes Theater, das durch beide Mond-Akte durchgezogen wird. Da wird getrippelt und getänzelt, da wird verführt und auch mal kopuliert, wenn Brouček sich von Etherea (Tatev Baroyan) im pinkfarbenen Kubus gemeinsam wackelnd bedecken lässt. Aber irgendwie sehnt er sich nach anderen fleischlichen Gelüsten, nämlich Schweinebraten mit Kraut. Und landet wieder auf der Erde.

Choraler Patriotismus

Auch der zweite Ausflug des Herrn Brouček nach der Pause wird spektakulär inszeniert, wenn sich der Bühnenboden hebt und der Raum darunter zum Schauplatz der Hussitenkriege wird. Die extra behandelten Kostüme haben Patina angesetzt. In diesem historischen Setting muss sich Brouček als Spion verantworten, wird dann aber doch als hussitischer Kämpfer gegen den katholischen König Sigismund rekrutiert. Der ganze Patriotismus, der vom hervorragenden Prager Philharmonischen Chor (Leitung: Lukáš Vasilek) in mächtigen Chorälen angestimmt wird, ist dem Antihelden aber suspekt.

Da helfen auch keine aufmunternden Worte seines Gastgebers Domšik (mit mächtigem Bassbariton in drei Rollen: Károly Szemerédy). Die Wiener Symphoniker können auch mit diesen flächigeren Klängen und längeren Melodiephrasen viel anfangen, ohne dabei an Klarheit zu verlieren. Dirigent Robert Jindra hält auch bei den Massenszenen die Fäden zusammen. Und sorgt mit seiner Interpretation für eine größtmögliche Transparenz.

Am Ende wird Brouček fahnenflüchtig und zur Strafe in ein Bierfass gesteckt. Dieser Spießbürger mag träge, desinteressiert, unpolitisch und unsexy sein. Aber ein religiöser Eiferer oder Nationalist ist er nicht, sondern eher der einzig Normale unter lauter Verrückten. Gut, dass der Wirt Würfl (mit profundem Bass: Jan Štáva) schon wieder ein Bier für ihn gezapft hat, als er nach seiner letzten Reise zurück in die Gegenwart dem Fass entsteigt und mit seinen Abenteuern prahlt. Er habe die Kreuzritter verprügelt und Prag befreit. Jetzt fehlt nur noch eine Wurst zu seinem Glück.