Für die diesjährigen Nibelungenfestspiele wurde die englische Theatercompagnie „Les enfants terribles“ beauftragt, ihren Blick auf den Nibelungen-Mythos freilufttauglich auf die Bühne zu bringen. Oliver Lansley hat das Stück „Die Hunnenkönigin“ geschrieben und gemeinsam mit James Seager inszeniert. Und eins ist auf den ersten Blick klar: Ein Spektakel soll es werden, das diesjährige Spiel um die Nibelungen und ihre Feinde.
Alte Geschichte, neue Perspektive
Während die Burgunder ganz gechillt und selbstgerecht den Geburtstag ihres Königs Gunther feiern wollen, steht plötzlich Kriemhild im Raum, Schwester von Gunther, Witwe von Siegfried und nun die Frau von Etzel, dem König der Hunnen. Sie ist blutverschmiert und „trägt die Farben der Barbaren“. Und sie will Rache. Für ihren Mann Siegfried, den diese feiernden Männer ermordet haben. Für sich selbst, die als Friedenspfand an den Hunnenkönig verschenkt wurde. Und ein wenig auch für Brünhild, die Gunther und Siegfried in gemeinsamer Mission vergewaltigt und gebrochen haben. Sie will, dass die Feiernden sich ihre Geschichte anhören, dass sie verstehen, was sie getan haben, und dass ihre Selbstgerechtigkeit ein Ende hat.
„Geschichten ändern sich, jedes Mal, wenn sie erzählt werden“, sagt sie einmal. „Sie nehmen die Gestalt von dem an, der sie erzählt.“ Das ist beinahe so etwas wie das Motto dieser Nibelungenfestspiele, die in jedem Jahr ein neues Stück schreiben lassen, den Mythos immer wieder neu beleuchten und sich an ihm abarbeiten. Nachdem Maria Milisavljević ihr Stück vor drei Jahren der Brünhild widmete („Brynhild“), rückt Lansley in „Die Hunnenkönigin“ nun Kriemhild ins Zentrum. Er will ihre Perspektive ins Zentrum rücken und tradierte Männer- und Frauenbilder in Frage stellen. Was macht es mit einer, wenn ihr Ehemann in der eigenen Hochzeitsnacht noch schnell eine andere vergewaltigt? Wenn dann der Bruder und seine Gang diesen Ehemann umbringen? Wenn sie selbst einem fremden König übergeben wird? Und: Was sagen die Männer dazu?

„Die Hunnenkönigin“ von Oliver Lansley bei den Nibelungenfestspielen in Worms. Szene v.l. Nathan Bartman, Heiko Raulin, (Hagen) Miguel Torres Umba. Foto: David Baltzer
Mäandern in Assoziationen
Im Zentrum steht Maria Drăguș als Kriemhild. Wie auch ihre Mutter Ute, die Jeanette Hain als zumindest in Ansätzen frühe Feministin spielt, ist auch sie frustriert von ihrer Rolle in dieser testosterongetränkten Männerwelt. Die Inszenierung springt zurück in die Vergangenheit: Kriemhild wird von den Hunnen zu Etzel gebracht, der sich ihr überraschend sanft präsentiert. Etzel tritt als Hunnenkönig in einem Ungetüm von Fellumhang auf. Aram Tafreshian sieht in diesem Kostüm aus, als wäre er der Sohn vom Glöckner von Nôtre-Dame und zugleich der Vater von Ronja Räubertochter. Er spielt den Etzel als ein Lamm im Wolfspelz, einen überraschend sanften Krieger, der sogar in Ansätzen die Care-Arbeit für den gemeinsamen Sohn übernimmt und das Kind auch mal schaukeln will, wenn die frischgebackene Mutter in einer Wochenbettdepression versinkt. Wir sehen hier also zwei, die hadern mit ihren Rollen, die mehr sein wollen als Krieger und Mutter. Vielleicht: Vater und Kriegerin?
„Die Hunnenkönigin“ will irgendwie die Menschen hinter den Held:innen sichtbar machen, verirrt sich aber in zu vielen Bildern und Assoziationen. Da wird über Krieg und Frieden philosophiert („Frieden ist die Erinnerung an Krieg“) und über Geschlechterrollen. Immer wieder ertönt die Melodie einer Spieluhr, die assoziiert, dass wir alle doch nichts als Marionetten sind in einem göttlichen Spiel. Dann wieder geht es um die Verantwortung eines jeden einzelnen. Was genau hier erzählt werden soll, scheint niemandem wirklich klar zu sein.
Popkonzert und Budenzauber
Auch vertraut das Regie-Duo nicht darauf, dass die leiseren Szenen tragen. Natürlich, eine gigantische Freiluftbühne ist kein Kammerspiel. Ein bisschen Action braucht es da wohl, ein bisschen Feuer und Musik. Doch hier gibt es zu viel von allem: Menschen, die Tiere spielen und Kutschen ziehen, irgendwie kultische Tänze, Popsongs und nicht selten unbeholfene Inszenierungsideen, vor allem wenn es um die Liebe geht. Wenn Kriemhild nach der auf die Leinwand projizierten übergroßen Hand des toten Siegfrieds greift oder Etzel pathetisch verkündet „Life rises in the queen“, ist das eher peinlich als ergreifend.
In einem Modell der Burgunderburg werden mit unförmigen Plastilin-Männchen Morde nachgestellt und die Helden wie ihre Taten auf Modelleisenbahngröße runtergeschrumpft. Und so verlieren sich auch die intimeren Szenen, in denen die Figuren wirklich miteinander hadern und ringen, häufig im Trubel, in dieser Mischung aus Popkonzert und Budenzauber. Erst im zweiten Teil findet der Abend zu einer größeren Spannung, was ihm guttut. Leider kommt dieser Sinneswandel etwas spät. Nicht nur für das Haus Burgund, das Kriemhild dem Untergang weiht.
