In diesem Landhaus, das man sich durchaus auf einer südlichen Insel vorstellen kann, regiert Alcina. Georg Friedrich Händel hat der in Ludovico Ariostos Epos „Orlando furioso“ erwähnten Zauberin 1735 eine seiner besten Opern gewidmet: Auf ihrer Insel bezirzt sie Männer derart, dass sie ihr blindlings verfallen, dabei Vergangenheit und Tugenden vergessen. Ex-Liebhaber verwandelt sie in Tiere. Gerade ist sie mit Ruggiero liiert, der dafür seine Partnerin Bradamante hat sitzen lassen. Sie steht jetzt in Männerverkleidung vor der Tür, um zu schauen, ob da noch was zu retten ist. Alcinas Schwester Morgana verliebt sich in den vermeintlichen Kerl, was ihrem aktuellen Lover Oronte nicht so recht ist. Und dann gibt es noch Oberto auf der Suche nach seinem verschollenen Vater…
Wilde Story, düstere Atmosphäre
Wie bei vielen Barockopern liest sich die Story wilder, als sie auf der Bühne ist. Wobei durchaus hilft, wenn die Regie die Motivationen der Handelnden offenlegt. Johanna Wehner hat im Schauspiel gezeigt, dass sie meisterhaft düstere Atmosphären schaffen kann. Bei ihrem Debüt an der Bayerischen Staatsoper (ihrer ersten Repertoire-Oper überhaupt) weiß man allerdings nicht so recht, was sie eigentlich erzählen will. Sie zeigt Alcina als Gastgeberin eines schick gewandeten Freundeskreises (Kostüme: Ellen Hofmann) und als leidenschaftliche Frau, deren Liebe für Ruggiero jederzeit in Hass und Zerstörungswut umschlagen kann. Ihre Zauberkünste sind – neben ihrer Schönheit und ihrem Gesang – vor allem das Werk der Angestellten, die jedes Chaos sofort wieder beseitigen.
Wehner folgt nicht der Aktstruktur, sondern setzt nach Alcinas herzzerreißender Arie „Ah mio cor“ die Pausenzäsur. Danach hat Bühnenbildner Benjamin Schönecker statt Landhaus einen ebenfalls eleganten Galerieraum entworfen, in dem Männerstatuen in Weiß und Gold stehen, sitzen, liegen. Später erwachen sie zum Leben (es sind, natürlich, die versteinerten Ex-Geliebten). Alcina wiederum steigt am Ende in einen Bilderrahmen, verwandelt sich in Kunst. Vielleicht, weil ihre übergroßen Leidenschaften hier gut aufgehoben sind.
Dazwischen lässt Wehner die Sänger:innen ein wenig miteinander interagieren, auch auf- und ablaufen – und nach jeder Arie über die offenen Seitenbühnen abgehen. Immer wieder erinnert sie uns daran, dass wir im Theater sind, und vielleicht ist das Wehners Antwort auf die hohe Künstlichkeit der Oper im Allgemeinen und der Barockoper im Besonderen: dass nämlich all die Wirrnisse und extremen Gefühle sich nur durch ihre künstliche Überhöhung argumentieren lassen.
Jeanine De Bique schickt uns ins Delirium
Nur hat nach dieser Erklärung niemand verlangt. Wer Händels Opern liebt, tut das wegen der Da-capo-Arien, wegen der Leidenschaften, die in ihnen so meisterhaft ausgelotet werden. Und hier geht die Staatsoper mit ihrer neuen „Alcina“ durchaus ins Risiko. Denn die Besetzung der Titelrolle mit Jeanine De Bique ist ein Wagnis. Ihre Stimme wirkt manchmal zerbrechlich im nicht eben kleinen Saal des Prinzregententheaters (wo die Staatsoper während der Opernfestspiele ihre Barockopern zeigt). Aber sie hat dieser Rolle etwas zu sagen. Ihr Sopran glüht in einer Intensität, die einen gelegentlich fassungslos macht, spinnt Silberfäden und zaubert leise Spitzentöne in die Luft, die einen ins Delirium schicken können.
John Holidays Ruggiero besitzt eine verführerische Weichheit, aber auch Kraft für die Attacke, Elsa Benoits Morgana gleißt und glänzt in den Koloraturen mit äußerster Sicherheit, gerade in der großen Verführungsarie „Tornami a vagheggiar“. Carine Tinney verwandelt Obertos verzweifelte Vater-Suche in höchste Klangschönheit. Gerritt Illenberger trumpft als (ziemlich jugendlicher) Lehrer Melisso mit sonorem Wohlklang und szenischer Präsenz auf. Allenfalls Avery Amereaus Bradamante wirkt etwas blass und Julian Prégardien kämpft mit den Koloraturen seines Oronte.
Dass diese „Alcina“ trotz der rätselhaften Szene letztlich berührt, liegt wesentlich auch an Stefano Montanari. Das Staatsorchester spielt unter seiner Leitung so fabelhaft auf alten Instrumenten, als hätte es nie etwas anderes getan. Zu den Höhepunkten gehören die Soloinstrumente, die derart innig und virtuos die Stimmen umschmeicheln, dass man nicht weiß, welche Gesangslinie schöner ist. Selten geht Montanari in die Extreme. Aber wenn, dann ändert sich abrupt der Pulsschlag des Abends.
Und dann die Da-capos! Oft weichen sie stark vom A-Teil einer Arie ab, schrauben sich in schwindelerregende Verzierungen hinein, um dann jeweils in einer spektakulären Kadenz Zeit und Raum stillstehen zu lassen. Hier werden die Emotionen der Rollen greifbar, ja, zum Ereignis. Am Ende ist man aus Alcinas Reich also nicht so ganz schlau geworden. Aber die Zauberin hat dennoch triumphiert – dank Händels Musik.
