Das Kalkbergstadion bei Nacht: Die Kulisse ist erleuchtet. Die Aufnahme ist von weiter weg aufgenommen und fängt die ganze Bühne ein.

Wilder Westen im hohen Norden

Karl-May-Spiele Bad Segeberg: Im Tal des Todes

Theater:Kalkbergstadion, Premiere:27.06.2026Regie:Nicolas König

Im Kalkbergstadion in Bad Segeberg finden jährlich die Karl-May-Spiele statt. Dieses Jahr gibt es „Im Tal des Todes“ inszeniert von Nicolas König zu sehen. Ein Abend voller klassischer Karl-May-Fantasie.

Am Weg zum Bad Segeberger Freilichttheater steht eine kleine Infotafel. Sie erklärt, warum es ohne Fledermäuse keinen Tequila gäbe: Fledermäuse bestäuben Agaven, aus denen Mexikos Nationalgetränk gewonnen wird. Ein Fun Fact am Kalkberg, der eine der größten Fledermauskolonien Europas beherbergt. Und er passt erstaunlich gut zu dem Abend, der gleich beginnt.

Denn wenige Minuten später sitzt das Publikum in San Miguel, der mexikanischen Kleinstadt der diesjährigen Karl-May-Inszenierung. In der Cantina von Señorita Miranda fließt Tequila in großen Mengen – nur ist er mit Schlafmittel versetzt. Wer davon trinkt, erwacht im „Tal des Todes“, wo der Geschäftemacher Roulin Menschen in einem Quecksilberbergwerk zur Arbeit zwingt.

Damit ist das Thema gesetzt. Es geht um Ausbeutung: um die Ausbeutung der Natur, aus der Quecksilber gebrochen wird; um die Ausbeutung von Menschen, die verschleppt und zur Arbeit gezwungen werden; und um die Ausbeutung politischer Macht. Roulin macht den Maricopa-Häuptling Eiserner Pfeil mit Alkohol und falschen Versprechen zu seinem Werkzeug. Er will einen Krieg zwischen den Maricopas und den Chiricahua-Apachen entfachen, damit niemand seinem Bergwerk zu nahe kommt. Erst Winnetou bringt den Häuptling zur Besinnung. Am Ende erkennt dieser, dass sein Feind nicht der andere Stamm ist, sondern jener Mann, der ihn benutzt hat.

Klassisch Karl May

Für ein Karl-May-Abenteuer ist das eine schlüssige Dramaturgie. Sie behauptet keine Gegenwartspolitik, führt aber vor, wie Macht funktioniert, wenn sie sich mit Gier, Rohstoffinteressen und Abhängigkeit verbindet. Am Kalkberg bekommt diese Erzählung eine zusätzliche Schicht. Der Berg besteht eigentlich aus Gips. Über Jahrhunderte wurde er abgetragen, bis aus dem einst deutlich höheren Felsen jene Schlucht geworden war, in die in den 1930er-Jahren das heutige Freilichttheater gebaut wurde. Die Nationalsozialisten wollten hier eine „Nordmark-Feierstätte“ schaffen. Seit 1952 wird der Ort durch die Karl-May-Spiele genutzt. Man muss das nicht in jede Szene hineinlesen. Aber es gehört zum Hintergrund dieses Theaters.

Regisseur Nicolas König nutzt den Kalkberg als Raum, nicht bloß als Kulisse. Links liegt San Miguel mit hellen Fassaden, Cantina und mexikanischem Kolorit. Rechts öffnet sich das düstere Bergwerk. Dazwischen bleibt die breite Arena für Pferde, Kutschen, Kämpfe und große Bewegungen. Die Reiter verlassen immer wieder den Bühnenraum und galoppieren durch die Wege der Zuschauerränge. Die Bühne endet nicht an einer Rampe. Sie umfasst das ganze Freilichttheater.

Klassisch Kalkberg

Die Inszenierung lebt von Tempo. Pferde preschen durch die Arena, Wagen rasen über den Platz, Überfälle, Zweikämpfe und Massenszenen wechseln mit ruhigeren Momenten. Besonders stark ist der Abend, wenn Landschaft und Theater ineinanderfallen. In der zweiten Hälfte flackern hinter dem Kalkberg die Blitze eines fernen Gewitters. Für einige Minuten wirkt es, als habe die Natur selbst eine Nebenrolle übernommen.

Technisch bietet „Im Tal des Todes“, was Bad Segeberg verspricht: Feuer, Explosionen, einstürzende Bauten, eine brennende Hängebrücke, Stürze, Schüsse, präzise choreografierte Stunts. Nicht jeder Effekt ist gleich stark. Das explodierende Haus klappt eher kontrolliert zusammen. Doch die Ritte, die Kämpfe und die große Schlussaktion sind mit jener handwerklichen Sicherheit gearbeitet, die man am Kalkberg erwartet.

Überzeugende Besetzung

Bad Segeberg folgt eigenen Regeln. Diese Spiele sind großes Freilichttheater für Tausende. Gesten, Bilder und Bewegungen müssen bis in die letzte Reihe tragen. Kleine technische Unschärfen oder kurze Aussetzer einzelner Funkmikrofone verlieren in dieser Dimension an Gewicht. Alexander Klaws spielt Winnetou inzwischen mit großer Selbstverständlichkeit. Sein Apachenhäuptling ist weniger unnahbarer Held als moralische Instanz. Bastian Semm ergänzt ihn als handlungsstarker Old Shatterhand. Florian Fitz gibt Roulin mit kühler Geschäftsmäßigkeit.

Isabel Varell macht Señorita Miranda zur schillernden Figur: berechnend, verletzt, lebenshungrig. Ihre Erinnerung an Armut und Demütigung erklärt ihre Entscheidungen, ohne sie zu entschuldigen. Inés Cihal setzt als Paloma Nakana einen stillen, aber wichtigen Akzent. Die Frage, ob eine Frau überhaupt Häuptling sein könne, lässt kurz ein Gegenwartsthema aufscheinen. Heinrich Schafmeister als englischer Gentleman Sir John Raffley setzt zusammen mit Alexis Kara als seinem mexikanischen Anwalt Don Fernando den komischen Gegenpol.

Zeitlose Themen

„Im Tal des Todes“ findet eine brauchbare Antwort auf die alte Frage, wie zeitgemäß Karl Mays Traum vom Wilden Westen noch ist. Die Produktion verbindet Abenteuer, Humor und spektakuläre Bilder mit einer Erzählung über Macht, Verantwortung und den Missbrauch von Ressourcen. Das wirkt aktuell, weil die Themen zeitlos sind. Karl May muss dafür nicht in die Gegenwart übersetzt werden. Es genügt, genau hinzusehen.

Und gerade am Kalkberg bekommt diese Geschichte ihre Tiefe. Denn der Ort selbst kennt die Motive, von denen der Abend erzählt. Er wurde abgetragen, ausgebeutet, ideologisch aufgeladen, umgewidmet und bespielt. Er ist Naturraum und Geschichtsort zugleich.