Foto: Festival Theater der Welt Chemnitz 2026: Europäische Erstaufführung des Musicals „JO DOOBA SO PAAR“ des aRANYA theatre. © Sahil Shikalgar
Text:Volker Tzschucke, am 27. Juni 2026
Festival Theater der Welt Chemnitz: Die Europäische Erstaufführung der indischen Produktion „JO DOOBA SO PAAR“ des aRANYA THEATRE beleuchtet das Leben des berühmten persischsprachigen Dichters Amir Khusrau – in traditioneller Urdu-Erzählkunst – ungewöhnlich, aber fein durchchoreografiert.
Man hat schon einiges an Spiel- und Erzählweisen gesehen bei diesem Festival Theater der Welt in Chemnitz, doch an diese muss man sich zweifelsohne nochmal ganz neu gewöhnen: Dastangoi. Eine sehr traditionelle Erzählkunst, beruhend auf Text und Musik, vorgetragen von meist einem, heute Abend: zwei Erzählern vor einem Kreis von Menschen, die sich erzählend, singend, musizierend, doch weiterhin sitzend, immer mal wieder einbringen. Lagerfeueratmosphäre würde man das bei uns wohl nennen. Was sowohl die Genrebezeichnung „Musical“, die für JO DOOBA SO PAAR gewählt wurde, zumindest unter westlichen Gesichtspunkten stark konterkariert als auch etwaige Bollywood-Erwartungen des Publikums früh absterben lässt: Dastangoi ist eine Urdu-Erzählkunst aus dem 13. Jahrhundert, über Jahrhunderte gepflegt, im 19. Jahrhundert fast in Vergessenheit geraten, im 20. wiederentdeckt.
Eine alte Geschichte der Poesie
Das Freiluft-Ambiente des Festivalzentrums im Hof des Chemnitzer Spinnbaus mit muschelförmigem Bühnenhimmel und dem Publikum in erster Reihe auf Sitzsäcken und unter Bäumen zeigt an: Das ist hier eher ein Dorfplatz als abgeschlossene Bühnensituation.
So alt wie die Erzählform ist auch die dargebotene Geschichte: Sie handelt vom Leben des Amir Khusrau, berühmtester persischsprachiger Dichter zur Zeit der indischen Sultanate. Er ist ein Kind mit Flüchtlingsbiografie, sein Vater ist Türke, es verschlägt die Familie über Afghanistan nach Indien. Früh macht das Kind auf sich aufmerksam, weil es das Studium der Kalligraphie ablehnt und stattdessen hübschen Mädchen hinterherschaut und sich darauf einen Vers macht.
So wird das Kind eine kleine Sensation, das aus zufällig hingeworfenen Worten Poesie schafft. Als der Vater stirbt, zieht die Familie nach Delhi weiter, hier wohnt der Großvater. Aber auch der Sufi-Meister Nizamuddin Auliya, dem Khusrau vorgestellt wird: Zwischen ihnen besteht von Beginn an ein unsichtbares Band, dass sie bis ins hohe Alter verbindet und auch die Zeit überdauert, in der Khusrau zum Höfling des Sultans, zu dessen Hofdichter und zur „süßen Stimme Indiens“ wird: Der Dichter und sein intellektuelles wie religiöses Vorbild werden nur wenige Monate nacheinander sterben und in Delhi in unmittelbarer Nachbarschaft beerdigt.
Ufer der Liebe
All dies wird in JO DOOBA SO PAAR – einem Vers von Khusrau, übersetzt „Wer eintaucht in die Liebe, kommt an das andere Ufer“ – erzählt und besungen vom aRANYA THEATRE aus Bombay in Urdu, Hindi, Persisch, Englisch und ein wenig Deutsch. Vor allem die zwei Erzähler sind es, die das Tempo der zweistündigen Vorstellung bestimmen: Ajitesh Gupta hat zum Leben Khusraus recherchiert, den Text des Stücks geschrieben. Sein Gegenpart ist Mohit Agarwal, der zu überlieferten und neuen Texten Melodien ersonnen hat. Im Regelfall treiben sie die Geschichte gemeinsam voran, doch mitunter geraten sie in neckische Diskussionen: Waren wirklich selbst Hunde in die Verse Khusraus vernarrt oder hat sich der Erzähler dieses Detail zum Vorteil seiner Geschichte nur ausgedacht? Ist die langwierige Recherche der anstrengendere Part der Produktion gewesen oder die Komposition der Lieder?

Festival Theater der Welt Chemnitz 2026: Europäische Erstaufführung des Musicals „JO DOOBA SO PAAR“ des aRANYA THEATRE. Foto: Kunal Sharma
Fragen, die die vierte Wand öffnen
Das wirkt zuweilen spontan, ist aber fein durchchoreografiert, wie die deutschen und englischen Übertitel beweisen. Und die kleinen Scharmützel zwischen den beiden Vätern des Werks laufen oft auf ein paar einfache Fragen hinaus: Wie konsumieren wir Geschichten? Wie gehen wir mit Wahrheit und Lüge um? Schweigen wir, wenn wir etwas nicht wissen oder lassen wir unser Verhalten „von Donald Trump inspiriert“ ablaufen? Würde es uns wirklich kümmern, bisse der eine Erzähler den anderen vor den Augen des Publikums – schließlich werden heute vor aller Augen Menschen gemordet, ein Genozid begangen und niemand tut etwas dagegen…
Es sind Fragen, die die vierte Wand bewusst öffnen. Und die zu langanhaltendem Schweigen auf der Bühne und im Publikum führen, wenn in einer dramatischen Szene am Rande einer Schlacht ein Krieger aus dem Heer des Sultans Khusrau erstechen will, weil er dessen Gerede von Liebe für unglaubwürdig, ja sogar für gefährlich hält. Wie soll man seine Feinde lieben, wenn die die eigene Familie abgeschlachtet haben? Ist Liebe wirklich die Antwort auf alles? Da weiß so niemand eine rechte Antwort.
Der Glaube der Sufis
Doch wo Worte fehlen, spricht die Musik – ein Motto des alten Khusrau, ein Motto auch von JO DOOBA SO PAAR. Mohit Agarwals Lieder sind bewusst traditionell instrumentiert – mit Harmonium, das er selbst spielt, mit Dholak (Mrunmay Chavan) und Tabla (Viraj Chavan), die sich ebenso kleine Trommelgefechte liefern wie die Erzähler, mit Röhrenglockenspiel und rhythmischem Klatschen. Und sie lehnen sich an alte Formen wie den Qawwali an – Andachtsmusik der Sufi, die damit ihre Liebe zu Gott und ihrem Propheten ausdrücken.
Im Stück wird das zu Preisende durchaus weiter gefasst: mit Lobgesängen auf Delhi, auf Farben, auf die Beziehung zwischen Sänger und religiösem Lehrmeister, doch eben auch auf Ishq-e-Haqeeqi, die göttliche Liebe, an die die Sufis glauben. Da zeigt sich dann die Kraft der Gruppe im Rücken der beiden Erzähler – die elf Männer und Frauen glänzen gleichermaßen als Solisten, als Duos oder im Chor – und besonders eindringlich, wenn sie im altindischen Stil statt Liedtexten nur mehr Sargam-Silben singen.
Der Wechsel der Stilebenen sowohl auf musikalischer wie auf textlicher Ebene machen die 120 Minuten von JO DOOBA SO PAAR abwechslungsreich, auch wenn sich längst nicht jeder Gast ans Dastangoi gewöhnen will und bis zum Ende des Stückes durchhält. Dennoch darf die Europa-Premiere als geglückt gelten.