Aufführungsfoto von „Wunderland“ von Alexei Ratmansky des Hamburg Ballett an der Staatsoper Hamburg. Eine Frau in einem roten Spielkartenkleid verschränkt die Arme und schaut streng nach links.

Überbordende Märchenrevue

Alexei Ratmansky nach Lewis Carroll: Wunderland

Theater:Staatsoper Hamburg, Premiere:20.06.2026 (UA)Regie:Alexei RatmanskyMusikalische Leitung:Vello Pähn

Das Hamburg Ballett und Choreograf Alexei Ratmansky zeigen an der Staatsoper Hamburg mit der Uraufführung „Wunderland“ – als Teil der Tanztriennale 2026 – einen bunten Bilderbogen, verpassen aber die Deutung des Märchens von Lewis Carroll.

Was für ein Wunderland. Dass der ukrainische Choreograf Alexei Ratmansky, Bühnenbildner Sebastian Hannak und Kostümschöpfer David Szauder die Fantasien Lewis Carrolls nicht ebenso fantastisch zu bedienen wüssten, kann man ihnen gewiss nicht vorwerfen. Von den tanzenden Pilzen in enganliegenden Abendkleidern mit Lammellenhüten über mancherlei von Fühlern und Flügeln geziertem Getier wie Hummer und Mücken bis zu den clownesken Tweedledum und Tweedledee in ihren aufgeblasenen Hosen wird Carrolls überbordende Kinderwelt mit viel klassischer Spitze und Sprungkunst und wunderbarem Humor umgesetzt.

Wunderland oder Neverland?

Was man dem Team allerdings vorwerfen muss, ist, dass sie dem Werk keine eigentliche Deutung abgewinnen. Schließlich haben sie ihre Uraufführung der zweiteiligen Abenteuer von Alice im Wunderland und hinter den Spiegeln beim Hamburg Ballett erarbeitet, und da ist man seit John Neumeiers Zeiten psychologisierende Ausdeutung gewohnt. Etwas mehr als ein bunter Bilderbogen sollte da schon rüberkommen, sonst werden die über fünfzig Jahre gewachsenen Fähigkeiten der Compagnie verspielt.

Aufführungsfoto von „Wunderland“ von Alexei Ratmansky des Hamburg Ballett an der Staatsoper Hamburg. Eine Frau mit weißem Tütü und einer Strumpfmaske über den Kopf hockt auf dem Boden, neben ihr eine andere Frau, die sich zu ihr runterbeugt und sie anschaut.

„Wunderland“ von Alexei Ratmansky des Hamburg Ballett an der Staatsoper Hamburg mit Olivia Betteridge und Ana Torrequebrada. Foto: Kiran West

Als Zuschauende wollen wir auch erfahren, was vielleicht hinter diesen Kinderspielen steckt. Man hätte untersuchen können, was den einsamen anglikanischen Diakon Charles Dodgson alias Carroll in diese Fantasiewelt trieb, ob Wunderland nicht auch ein Neverland ist, wo der Autor sich künstlerisch in kindlicher Unschuld hält, während die Reise für das Mädchen Alice auch eine zu sich selbst und zum Erwachsenwerden ist. Wie die Nussknacker-Marie und ihr zaubernder Pate Drosselmeyer schon in Rudolf Nurejews Fassung zeigen, kann solche Initiation auch ihre Ambivalenzen haben.

Pas de deux der alten Schule

Wenn die Figuren um Alice, wie Ratmansky im Programm richtig feststellt, so unfreundlich, ja aggressiv zu ihr sind, dann vielleicht, weil sie etwas von ihr wollen, sie zu etwas drängen, was sie nicht will. Ihr Widerstand ist ihr wichtigstes Gut. Auch gesellschaftlich, wenn sie in einer Welt des Kopf-Ab, wie sie die Herzkönigin beherrscht, die Misshandlungen anderer Wesen verhindern will und sich beispielsweise schützend vor die Spielkartenjungs stellt.

In der dichten Folge von immer neuen fantastischen Begegnungen bleibt Olivia Betteridge allerdings wenig Zeit, ihren Charakter zu entwickeln. Mit einem Purzelbaum stürzt sie in die Szene, kreiselt kindlich-frisch auf Spitze um sich selbst, muss später auch viel pantomimisch reagieren und abwehren. Erst beim Weißen Ritter (Daniele Bonelli), der für sie eintritt, hat sie Lust, sich gehen zu lassen. Und da entwirft Ratmansky einen großartigen Pas de deux, irgendwie alter Schule mit synchroner Harmonie und Hebungen und doch eine humorvolle Nachempfindung, nicht Parodie, davon. Denn er verrät die romantischen Gefühle nicht, die sie bedienen wollen. Und wenn die beiden merken, dass das angestrebte Muster manchmal etwas groß ist, versuchen sie es auf ihre Weise: arbeiten sich etwa aus dem Sitzen Rücken an Rücken aneinander hoch.

„Wunderland“ von Alexei Ratmansky des Hamburg Ballett an der Staatsoper Hamburg mit Almudena Izquierdo, Daniele Bonelli und Alice_Mazzasette. Foto: Kiran West

Das ist rührend und einnehmend und ehrlich aus unserer Zeit. Alice springt ihm sogar mal auf den Rücken, eine Frau, die weiß, was sie will. Betteridge und Bonelli tanzen das mit herzlichem Charme und Humor. Bis zu dem inszenierten Ausrutscher, wenn der Lover wieder zu seinem Spielzeugpferd eilt – gar nicht so leicht als Held vom Platz zu gehen. Da kann man nur mit Alice (und Carroll? wer weiß?) seufzen: endlich eine sympathische Figur.

Versunken in Kostüm und Maske

Und man versteht dann, dass Alice widerwillig dieses Wunderland verlässt, aber dass sich etwas Wesentliches verändert hat: Als sie zurück durch den Spiegelrahmen rollt, muss sie sich von ihrem Double (das Spiegelbild aus Kindheitstagen) verabschieden. Das Kind Alice muss zurück nach Wunderland, das junge Mädchen Alice wird nach diesen Erfahrungen in der Welt bestehen. Auch hier: Der Choreograf müsste noch ein kleines deutendes Stückchen weitererzählen, vielleicht zeigen, wie sie nun den Erwachsenen und jungen Männern gegenübertritt.

Ansonsten bleiben die wunderbaren Tänzerinnen und Tänzer des Hamburg-Balletts leider ziemlich hinter ihren oft zu üppigen Kostümen und Masken verborgen. Das sieht dann doch sehr nach Märchenrevue aus, auch wenn Ratmansky zur prickelnd gemischten Live-Musik des Philharmonischen Staatsorchesters (von Telemann bis Zimmermann) abwechslungsreiche Bewegungsregie treibt – von den pirouettierenden Insekten über auf Spitze eintrippelnden Blumen bis zu den Schachfiguren wie aus dem Triadischen Ballett, in den Kniekehlen geknickten Frosch- und Fisch-Lakaien und dem in der Halfpipe eiernden Humpty Dumpty (Caspar Sasse).

Ein Handlungsballett war mal wieder fällig nach den vielen mehrteiligen Stil-Exercises der letzten beiden Jahre. Um die Stärken der Compagnie zu pflegen, braucht es aber mehr Figurenpsychologie und Interpretation. Gewaltiger Applaus.