Auf Schumann hören

Hans van Manen / David Dawson / Bridget Breiner: Signaturen

Theater:Deutsche Oper am Rhein, Premiere:13.06.2026Regie:Hans van Manen / David Dawson / Bridget Breiner

Die Deutsche Oper am Rhein zeigt am Theater Duisburg mit „Signaturen“ einen Tanzabend im Dreierpack mit Choreografien von Hans van Manen, David Dawson und Bridget Breiner. Das Ballett am Rhein zeigt sich in gemischten Qualitäten.

Drei „Signaturen“, also choreografische Handschriften, ein Streichquartett, in Orchesterfassung gespielt, eine etwas angeberische neue Komposition, ein Klavierkonzert mit Konzertpianistin, ein lädiertes Bühnenbild, Romantik, Spätromantik, jede Menge Tanz, komponiert 2024, 2015 und 1975, darunter ein Meisterstück.

Auf dem Platz vor dem gut schallisolierten Theater Duisburg wummerte ein Popkonzert beim „Fest der Kulturen“. Dagegen waren die grummelnden Bässe in Greg Haines‘ Komposition zu David Dawsons „Empire Noire“, dem Mittelstück des Abends, ein Hüsteln. Als die neun Jahre alte Choreografie des Briten Dawson im Oktober 2024 ins Repertoire des Balletts am Rhein eingeladen wurde, fügte Haines noch etwas hinzu, heißt es im Programmheft. Die Orchesterbesetzung habe nun nicht in den Graben in Duisburg gepasst. Deshalb die Aufnahme: von den Düsseldorfer Symphonikern eingespielt.

Empire Noire

Denn in Düsseldorf standen die „Signaturen“ ab Oktober 2024 im Spielplan. Das Ballett am Rhein tritt ja seit Jahrzehnten in den zwei Städten auf. Vielleicht hat dann beim Transport der schicke Riesenbogen des Bühnenbilds von John Otto zu „Empire Noire“ gelitten. Das „schwarze Reich“, mit kleinem Dötsch oben, gleicht einer luftigen Höhle. David Dawson verteilt geschickt die zehnköpfige Tänzerschar in Teilgrüppchen, mal in den Vordergrund, weit im Hintergrund oder unter den seitlichen grauen Bogen. Es gibt auch viel Raus und Rein, das Reich ist durchlässig. Es herrscht dort Eile.

Chiara Scarrone tanzt in David Dawsons "Empire Noir". Sie springt, schwebt in der Luft. Die Arme kunstvoll über den Kopf gehoben.

David Dawson „Empire Noir“: Chiara Scarrone (Suzanna). Foto: Yan Revazov

Drall: Die zehn gehen, laufen, rennen, in Bögen oder geradeaus. Nach vorn, nach hinten und weg. Sie stellen sich auf. Die Hände an den hoch, seitlich oder herabgestreckten Armen knicken: auf oder ab oder beides. Arme rotieren. Alle kreiseln, pirouettieren ständig. Die Herren heben die Damen auf vielerlei Weise. Diese werfen gern ihre Beine in die Senkrechte, stehen auf Spitze. Als die Musik ins Klangvolle, Dramatisch-Erlösende treibt, spratzelt die etwas exaltierte Choreographie der neoklassisch-britischen, post-Forsythe-Signatur einfach weiter. Eine Art Leistungsschau der Tänzer:innen. Vom Publikum bejubelt, aber fern von „noire“ und ohne jeden Charme.

Biolografie

„Biolografie“ der Chefchoreografin des Balletts, Bridget Breiner, steigt durch Wälder und auf Berge. Und in Gehirne. Bemüht und verkrabbelt. Im munteren ersten Teil hadert die Figur Humboldt, gemeint ist Alexander, der weitreisende Forscher, mit sich und dem Dasein. Lucas Erni, im engen Schwarz, schiebt dramatisch die Hand in die Luft oder hält beide leer vor sich, schaut hinein oder in die Höhe. Gutgelaunte bunte Wesen mit gefiederten Schleppen, Kreationen von Jürgen Franz Kirner, umgeben den Humboldt wie Pflanzen und Vögel. Er nähert sich ihnen, entfernt sich, beobachtet. Per Duett, Hand an Hand, befreundet er sich mit einem der Wesen, das weiblich und männlich zugleich erscheint, Long Zou, langhaarig, mit Spitzenschuh.

Im zweiten Teil sind die Kreaturen entblättert, tragen hautenge, helle, fleckige Anzüge, purzeln, rollen, krabbeln oft am Boden. Blasses Dekor. Drei Figuren in Schwarz feiern friedlich ihre Dreiheit, eng aneinander, verhakt, gebogen oder in Reihe aufgestellt im Unisono. Sie sollen „Tochter“ darstellen, ein Prinzip von Verwandt- oder Nachkommenschaft. Der Humboldt gehört halb dazu. Vor dem 2. Klavierkonzert von Sergei Rachmaninow, das aus dem Orchestergraben tost und sich ins Gefühl wühlt mit seinen Moll-Melodien, versagt die Choreographie zumeist.

Zwei Tänzer:innen stehen eng umschlungen auf der Bühne. Der eine trägt die Tänzerin auf dem Rücken, während sie ihre Hände zum Boden streckt.

Bridget Breiner „Biolographie“: Nelson López Garlo und Nami Ito. Foto: Yan Revazov

Four Schumann Pieces

In Sachen Musikalität (und Stilsicherheit ohne Krampf) setzte im „Signaturen“-Abend der Choreograph Hans van Manen die Messlatte derart hoch, dass die beiden anderen Stücke umso mickriger wirkten. Seine „Four Schumann Pieces“ zum Streichquartett Nr. 3 von Robert Schumann von 1842, in Orchesterfassung von Martin Yates, sind, auf blanker Bühne, so fein abgestimmt auf das Singen der Streicher, Motivwiederholungen, Tonartwechsel, Stimmungen der romantischen Sehnsucht, dass man es sich dreimal anschauen möchte.

Auch hier eine Hauptperson und deren Hirngespinste oder Begegnungen. Orazio di Bella verkörpert diesen Mann sehr souverän. Der scheint sich seines Alleinseins zu erfreuen. Da hat er Platz zum Tanzen und gar keine Eile. Wenn er die im Ellbogen eng gewinkelten Arme etwas über Schulterhöhe hebt, wirkt es wie ein verbreitertes Lächeln. Oder eine Andeutung: Ich könnte fliegen. Dieser Signature-Move, ebenso wie die empfangend oder extra-menschlich erhobenen Arme, gehen später zu den anderen Figuren über. Diese zehn tanzen ebenfalls elegantes Ballett. Frauen auf Spitze, häufig in Mann-Frau-Paare sortiert. Und sie haben, per flatternden Rocksäumen und zart-bläulichem Licht, etwas Halbwirkliches an sich, tatsächlich Schwebendes.

Bewegungen in einem Wort

Sie halten einander, stützen, heben auch, immer kurz, wie ein Wort. „Ichunddu“. Die Beine brauchen keine 180-Grad-Spreizung. Wenn die Hauptperson Zweifel befallen, wird ihr Tanz etwas härter, eckiger. Dann kommt er der luftigen Welt einfach abhanden. Liegt. Oder träumt. Setzt sich wieder auf, schaut von der Seite. Tritt, jetzt als Mann der Tat, hinzu, probiert nun auch Duett, mit dieser und jener Frau. Einmal legt er zweien plötzlich seine Hand auf die angebotenen Hände, als seien sie eins. Und dann wird’s ein Pas de deux mit einem Mann, ein sinnlicher Kontakt des Stützens, Drehens, Lehnens. Rasch sortiert die Paar-Konvention die beiden wieder auseinander. Haltet Hände! Was soll, was bleibt?

Die Liebe als Frage. Im letzten Satz des Schumanns, Allegro molto vivace, heben die Tänzerinnen und Tänzer mit Hüpfern ab, drehen Pirouetten, lächeln bei Chassées, erinnern fast an ein Dorffest. Er, der Mann, stellt sich davor, zeigt sich als unverwüstlich, zum Schluss: Triumphgeste auf Knien. Vielleicht seine Vorstellung, vielleicht macht das keinen Unterschied. Das ist Tanz. Dafür: eine Verbeugung vor Hans van Manen, der vor einem halben Jahr starb.