Foto: „Hiob“ nach Joseph Roth am Landestheater Tübingen in der Regie von Maike Bouschen mit Sarah Liebert, Andreas Guglielmetti, Sebastian Fink, Leo Kramer, Jennifer Kornprobst, Robi Tissi Graf. © LTT/Martin Sigmund
Text:Manfred Jahnke, am 13. Juni 2026
„Hiob“ nach dem Roman von Joseph Roth in der Bühnenfassung von Koen Tachelet versammelt die Katastrophen des beginnenden 20. Jahrhunderts im Schicksal eines Mannes. Am Landestheater Tübingen konzentriert sich Regisseurin Maike Bouschen auf die Vater-Sohn-Beziehung, die von einem starken Ensemble getragen wird.
Da lebt ein einfacher Mann, ein Thoralehrer, mit Frau und drei Kindern in der russischen Provinz. Ein viertes Kind wird geboren, Epileptiker, der nicht spricht und sich nicht bewegen kann. Zudem fordert der Zar die beiden ältesten Söhne als Soldaten. Der Älteste, Jonas, meldet sich gerne zum Dienst, während sein jüngerer Bruder Schemarjah nach Amerika desertiert. Er wird dort als Sam erfolgreicher Geschäftsmann und lädt seine Eltern ein nachzukommen. Als Mendel Singer, der Vater, feststellen muss, dass sich seine Tochter Mirjam auf die Kosaken in der Garnison vor Ort einlässt, geht es schnell. Menuchim, den Stummen, muss man zurücklassen.
Universale Katastrophen und persönliche Schicksale
In seinem Roman „Hiob“, 1930 erschienen, erzählt Joseph Roth die Geschichte eines Mannes, der ob der Katastrophen zu Beginn des 20. Jahrhunderts sein Vertrauen in seinen Gott verliert, ihn verflucht und am märchenhaften Ende wieder zum Glück des Seins findet: Sein Sohn Menuchim nimmt ihn als erfolgreicher Musiker, der gerade in den Staaten auf Gastspielreise ist, in die Arme. 2009 hat Johan Simons an den Münchner Kammerspielen eine emotional tief treffende Aufführung geschaffen. Die seiner Regiearbeit zugrundeliegende Fassung von Koen Tachelet wird nun als Grundlage für eine Inszenierung des „Hiob“ am LTT Tübingen genutzt.

„Hiob“ nach Joseph Roth mit Jennifer Kornprobst, Leo Kramer, Robi Tissi Graf, Andreas Guglielmetti, Sarah Liebert. Foto: LTT/Martin Sigmund
Maike Bouschen konzentriert sich in ihrer Regie auf die Beziehung zwischen Mendel und Menuchim. Schon beim Einlass nähern sich in verschiedenen Positionen Andreas Guglielmetti als Mendel Singer und Robi Tissi Graf als Menuchim in einem in sich abgeschlossenen schmalen Kasten (Bühnenbild: Valentina Pino Reyes), der die Spieler:innen zwingt, sich gebeugt zu bewegen. Dazu rieselt im ersten Teil Schnee: Roth spielt in seinem Roman stark mit dem Kälte-Wärme-Gegensatz. Für „Amerika“ im zweiten Teil der Aufführung werden 13 Sterne herauf- und heruntergefahren, mal silbern oder rot oder blau leuchtend. Zudem ist der Kasten verschwunden, bzw. nur dessen schwarze Rückwand zu sehen. Auf dem Kasten verwandelt sich Robi Tissi Graf im diffusen Licht langsam in einen Dirigenten.
Allianz von Vater und Sohn
Wie verarbeitet ein Mensch es, wenn der eine Sohn im Ersten Weltkrieg verschollen ist, der andere beim Kriegseintritt der USA in Europa fällt, die Frau ob dieser Nachricht stirbt und die Tochter verrückt wird? Andreas Guglielmetti legt seine Rolle zurückhaltend an, solange er Urvertrauen hat. Selbst, wenn dieses empfindlich gestört wird, bleibt er in seinen Reaktionen dezent. Das kommt der Abstraktion des Raums entgegen, aber auch der Regie. Diese ignoriert den Zeitkontext der Handlungen nicht, aber lässt diese weitgehend außer Acht. Umso stärker betont Bouschen, was zwischen Vater und Sohn stattfindet. Robi Tissi Graf spielt den Menuchim mit großen Augen nach körperlicher Berührung suchend.
Gegenüber dieser starken Allianz von Vater und jüngstem Sohn haben es die anderen Spieler:innen schwer. Selbst die Mutter von Jennifer Kornprobst bleibt eher am Rande. Wie auch Leo Kramer als Jonas und Sebastian Fink als Schemarjah in diesem Kontext eher marginal fungieren, während Sarah Liebert als Mirjam deutliche Spuren setzt. Das hat auch damit zu tun, dass Bouschen auf Klischees zurückgreift. Obschon die auf die Handlungen abgestimmten Kompositionen von Caio de Azevedo mit den genau getimten Stimmungen eigentlich alles Klischeehafte abstreifen. Insgesamt ist in Tübingen eine Inszenierung entstanden, die mit ihren dunklen Lichtstimmungen Atmosphäre schafft, zumal ein starkes Ensemble auftritt.