Foto: Katharina Hauter und Marco Massafra in „Sommersonnenwende“ © Toni Suter
Text:Detlev Baur, am 7. Juni 2026
Roland Schimmelpfennigs „Sommersonnenwende“ wurde am Schauspiel Stuttgart uraufgeführt. Daniela Löffners Inszenierung folgt mit einem starken Darsteller:innen-Quartett dem Text zunächst erfolgreich und verliert dann die Balance zwischen Familienschlachtfest und subtilem Gesellschaftsporträt.
Eigentlich ein ganz normales Familiengemetzel: Isabel und ihr Mann Albert laden zum alljährlichen Fest anlässlich der Sommersonnenwende in ihren großen Garten ein. Isabels Bruder Victor und seine Frau Patrizia erscheinen auch; sie sind nicht eingeladen, aber auch nicht ausdrücklich ausgeladen.
Es kommt, wie es kommen muss: Die unterschiedlichen Lebensentwürfe prallen aufeinander, die Chirurgin Isabel und der Schriftsteller Albert haben ein nach der Flucht elternloses Kind adoptiert, und öffnen nun alljährlich zum Sommerfest den ererbten Wohnsitz. Victor hingegen hat den Betrieb geerbt, einen Schlachthof. Seine Frau Patrizia ist Anwältin und spielt zu vorgerückter Stunde mit dem Gedanken, auf dem großen Grundstück eine Wohnanlage zu errichten – Tschechow lässt kurz mit dem „Kirschgarten“ grüßen.
Den Schlachter-Gatten – die schillerndste Figur des Quartetts – zieht es allerdings zurück in den Garten der Kindheit, als der Vater-Patriarch im Gartenhaus noch Jagdtrophäen sammelte und das Familienreich streng nach außen abschirmte. Während schließlich Albert und Patrizia im Sommersonnenwendebad ihre Romanze aus Studienzeiten auffrischen, ängstigen sich die Geschwister gegenseitig im Keller: Victor fantasiert von einer Rückkehr ins Haus oder zumindest ins Gartenhaus. Und beide haben Sorge, dass ihnen der jeweils andere den Kopf abschneidet – Victors Geschenk für die Schwester war zu Beginn des Besuchs ein scharfes, an den Vater gemahnendes Messer. Am Ende verabschieden sich die Vier zivilisiert unverbindlich. (Andere Gäste tauchen nicht auf.)
Offener Garten oder abgeschirmte Familienwelt?
Das leichtfüßig wirkende Stück ist durch die für Roland Schimmelpfennig typische Komposition alles andere als ein boulevardeskes well-made Familiendrama, vielmehr ein komplexes Vexierspiel der Gesellschaft. Gleich zu Beginn erklären sich die Figuren, treten aus den Rollen heraus und rahmen durch exakte Zeitangaben selbst ihr Drama. Zeitsprünge und partielle Wiederholungen von Szenen brechen das vorhersehbare Schauspiel. Und dann sind da noch die Kinder und die Haustiere, die von den vier Darsteller:innen mit- oder angesprochen und -gespielt werden. Der Hund der Besucher schlabbert Isabel ab und gräbt dann Knochen aus; der Vater beerdigte wohl wiederholt lebendige Katzen, sein Leichnam wiederum lagerte im Mausoleum-Gartenhaus. Die einheimische Katze hingegen brüllt markerschütternd und begibt sich schließlich in den Kampf mit dem Hund. Währenddessen zeigt der Sohn der Gastfamilie der neuen Cousine ein ihm noch aus dem Vorjahr bekanntes, schön zu bespielendes Matschloch im Gelände.
Sprachlich ist das alles kunstvoll rhythmisiert. Die Konflikte und Verletzungen blitzen auf und werden dann wieder unter der Schicht von Zivilisation und familiärer Diplomatie verborgen. Kinder wie Tiere, die durch das Quartett mitgespielt werden, gleichen eher Spiegelungen der Erwachsenen, sind eine Art Geister der Geschwister, die sich ähnlich wie Hund und Katze balgen. Über allem thront der unsichtbare Geist des Vaters.
Christiane Roßbach, Katharina Hauter, Rainer Galke und Marco Massafra. Foto: Toni Suter
Die anderthalbstündige Uraufführung von Daniela Löffner nimmt das Timing des Textes grandios auf. Im Hin und Her zwischen Gefangenheit in die (durch Familienkonvention und Selbstzuschreibung) verteilten Rollen sowie zwischen souverän den Verlauf des Abends einordnenden und zugleich relativierenden Zeitverschiebungen entwickeln Katharina Hauter (Isabel), Rainer Galke (Albert), Marco Massafra (Victor) und Christiane Roßbach (Patrizia) ein teils brüllend komisches Spiel. Der dandyhaft weiß gekleidete (Kostüme: Katja Strohschneider) und zwischen Weinerlichkeit und hart eingeforderter heiler Kindheitswelt schwankende Fleischer gibt mit einem nassen Lappen seinen die Schwester belästigenden, sabbernden Hund. Rainer Galke erschreckt als köstlich laut aufjaulende Katze die Gäste.
Doch als die Geschwister dann überdeutlich die Kinderrollen übernehmen und die anfangs leere Bühne (Claudia Kalinski) mit nasser Erde, Wasser und blutfarbenem Wein überfüllt wird, rutscht diese „Sommersonnenwende“ in eine fast konventionelle Zimmerschlacht. Dabei hat Roland Schimmelpfennig ein weitläufigeres, offenes Gartenstück geschrieben, das subtil die große weite Welt mit meint. (Patrizias Traum von milliardenschweren Bauten auf dem Gelände lässt an Tschechows „Kirschgarten“ denken.) Bruder und Schwester sehen in ihrer Vorstellung den Kopf vom Gegenpart abgeschnitten, in Stuttgart zieht Isabel Victor tatsächlich eine Plastiktüte über den Kopf.
Balanceverlust
So bleibt denn trotz des starken Ensembles die Inszenierung selten ergreifend, verliert sich die komische Subtilität des Dramas. Die wundervoll tanzenden, sternähnlichen Schweinwerfer (Licht: Ralf Strobel) verbinden sich nicht zwingend mit dem Geschehen, das nervig-schöne von der Tochter in die Party eingbrachte Kinderlied („guli ram sam sam“) bleibt akustisches Dekor. Vielleicht überfrachtet auch der Autor das Stück, wenn er die komplexen, ganz „normalen“ Familienabgründe mit einem kolonialistisch geprägten Vater anreichert, aber auch Schweinefleischverzehr als kulturell problematisches Phänomen aufnimmt. Und so verblasst in Stuttgart im Zentrum der feingliedrigen Konstruktion die über die Person des Familienfans Victor („Familie ist Familie“) hinausweisende gesellschaftspolitische Tendenz zur Ausgrenzung.
„Sommersonnenwende“ ist ein schillerndes Gesellschaftsporträt am Beginn einer Zeit, in der die Nächte wieder dunkler werden. Die Uraufführung strauchelt in der letzten halben Stunde beim Balanceakt zwischen einfacher Situation beim Gartenfest und epischer Rahmung der familiären Vorgeschichte samt Spiegelungen durch Kinder und Haustiere. Der ultimative Stücktest wäre wohl eine Inszenierung des zuweilen regieführenden Autors selbst.