Die Zukunft blickt zurück: 22. Körber Studio Junge Regie
Foto: „Reasons to Live“ in der Regie von Milan Bogdanović / Faculty of Dramatic Arts © Aleksa Popović Text:Violetta Zwick, am 2. Juni 2026
Vom 27. bis 31. Mai 2026 fand am Hamburger Thalia Theater zum 22. Mal das Körber Studio Junge Regie statt. Unsere Autorin Violetta Zwick wirft einen Blick auf die dreizehn Inszenierungen und fragt, was sie über die junge Theatergeneration verraten.
Das ist sie also: die diesjährige crème de la crème des deutschsprachigen Regienachwuchses, die Abgesandten der zwölf Hochschulen, die Zukunftsbot:innen einer neuen Generation, die an fünf Festivaltagen ihre Inszenierungen zeigten und im Wettbewerb der Giganten gegeneinander antraten. Nun stellt sich natürlich die Frage: Was verbindet diese Arbeiten, was unterscheidet sie? Welche Themen drängen, welche Tendenzen lassen sich erkennen – was für ein Theater war beim Körber Studio Junge Regie zu sehen? Das Gesehene und Erlebte zum Abbild einer ganzen Theatergeneration zusammenzufassen, würde der Vielfalt der eingeladenen Inszenierungen kaum gerecht. Zu unterschiedlich sind die Handschriften, zu eigen die Zugänge. Was sich zusammenfassend sagen lässt: Es wurde geköpft und geflogen, getäuscht und gefilmt, geschossen und geheiratet, getanzt, gekämpft, gebetet, gesungen und zusammen umgezogen. Und vor allem: Es wurde sich erinnert.

„ich vermisse sie halt schon oder die ostdeutsche Fassung bewahren“ in der Regie von Elisa Künast/HfMDK Frankfurt am Main. Foto: Marvin Fuchs
Schon die Sieger-Inszenierung lebt von dem Blick in die Vergangenheit. „ich vermisse sie halt schon oder die ostdeutsche Fassung bewahren“ von Elisa Künast (HfMDK Frankfurt am Main) erinnert sich an drei Generationen ostdeutscher Frauen. In radikal offener, mutiger Form macht Künast die Verlusterfahrung von ostdeutscher Identität ein Stück weit erfahrbar, über ein Bild, das alle kennen: einen Umzug. Die Performerin Anna Stiede steht zunächst allein auf der reduzierten Bühne, bittet dann aber immer mehr Zuschauer:innen als Umzugshelfer:innen zu sich, reicht Sekt und Bratwurst und lässt sich beim Aussortieren, Einpacken und in Erinnerung schwelgen helfen.
Zwischendurch telefoniert sie mit ihrer Mutter, deren Stimme auf Band von Trauer und Haltlosigkeit nach der Wende erzählt. Die Aufnahmen stammen aus Interviews, die die Regisseurin mit ihrer Mutter und Großmutter geführt hat. Konsequent zu Ende gedacht, nehmen am Ende alle Zuschauer:innen, längst zu Kompliz:innen geworden, beim Hinausgehen eine Umzugskiste mit und tragen sie zu einem wartenden Transporter. Mit großer Leichtigkeit, vorbei an Kitsch und Klischee, gelingt dem Team eine inklusive Form des Abschiednehmens, an der alle teilhaben. Den mit 10.000 Euro dotierten Jurypreis nahm Künast verdient entgegen.

„Nie wieder Frieden – Drei Bilder über das Mitmachen“ in der Regie von Victor Osterloh/Universität Mozarteum Salzburg. Foto: Simon Huber
Vergangenheit als Material
Ebenfalls der liebevollen Aufarbeitung einer Familiengeschichte widmet sich „Absentee Law“ von Abdalrahman Alqalaq, Marion Avgeris und Milena Knop (Universität Hildesheim). Der Bühnenessay aus performativen Elementen, Live-Musik und Videoaufnahmen erzählt zart von einer 1948 vertriebenen palästinensischen Familie und schafft es mit dieser Spurensuche in der Vergangenheit auf die Shortlist der Jury. Auf der Shortlist steht auch Victor Osterlohs „Nie wieder Frieden – drei Bilder über das Mitmachen“ (Universität Mozarteum Salzburg, Thomas Bernhard Institut). Die drei Bilder, die zumindest in der gekürzten Körber-Fassung fast unabhängig voneinander erscheinen, führen zunächst in eine überspitzt gezeichnete Theater-Bubble: herrlich komödiantisch und so treffend, dass man sich beim Zuschauen ertappt fühlt, während die ewig um sich selbst kreisenden Diskurse der Theaterschaffenden vorgeführt werden. Das zweite Bild greift tief in die Theatergeschichte und zitiert Teile der „Orestie”; im dritten folgt ein eindrücklicher Trauerchor, der den Toten des Krieges seinen Klagegesang widmet und ihrer gedenkt.
Auch „DREAMING EMMETT – a retelling“ (Regie: Sarah Elisabeth Braun, HfS Ernst Busch Berlin) gedenkt einer Geschichte, die nicht oft genug erzählt werden kann. Mutig nimmt sich Braun eines selten gespielten Textes von Toni Morrison an und erzählt mit Feinfühligkeit, Humor und ambivalenten Figuren die Geschichte des 1955 ermordeten Emmett Till, ohne je den Bezug zur Gegenwart zu verlieren. Humorvoll und erfrischend nähert sich „KARAMBOLAGE“ (Regie: Isidora Gazmuri, Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Gießen) der Erinnerung an einen (oder waren es mehrere?) Autounfall der Performerin. Als unzuverlässige Erzählerin spielt Gazmuri charmant mit dem Publikum und lässt die Grenzen zwischen Fiktion und Realität, richtig und falsch, Lüge und Wahrheit zusehends verschwimmen. Ruben Müllers „Mitleidsprotokoll – every tear recorded“ (Otto Falckenberg Schule München) erinnert fein und atmosphärisch an den Schriftsteller Hervé Guibert und seinen Tod an AIDS. Über der ansonsten reduzierten Bühne prangt an einem großen Kronleuchter ein Vers der griechischen Dichterin Sappho: „Jemand, glaube ich, wird sich in Zukunft an uns erinnern“.
Publikumspreis und Bilanz
Den Publikumspreis holte Hamburg selbst nach Hause: „PostHarãm“ (Regie: Niyousha Azari, Theaterakademie Hamburg) erzählt eindringlich und berührend, voll ehrlicher Brutalität und sanfter Hoffnung, teils dokumentarisch, teils fiktional, von Frauen aus Westasien, die unter der Unterdrückung durch den islamischen Gesetzen leiden. Auf der atmosphärischen Bühne wird der Blick konsequent auf die gelenkt, die am besten unsichtbar sein sollen, denen zugehört, denen die Sprache verboten wird.

PostHarãm in der Regie Niyousha Azari/Theaterakademie Hamburg (HfMT) Foto: Richard Stöhr
Das waren nun nur einige persönliche Highlights der diesjährigen Inszenierungen. Und so schön die Diversität der Stücke auch war, so liebevoll sich erinnert wurde, so sehr schien man oft in der Vergangenheit zu schweben. Immer wieder galt der Blick dem Alten, seien es Stoffe, Autor:innen oder Themen. Bestehendes wurde befragt, bewahrt und neu erzählt, doch selten etwas erfunden, das nach vorne weist. Und zwar nicht nur inhaltlich, sondern auch was die theatrale Form angeht: So vielfältig die Themen, so beherrscht waren die Formen. Das Riskante, Sperrige, Ungebändigte blieb die Ausnahme. Und das mag auch daran liegen, dass die eingeladenen Inszenierungen von den jeweiligen Hochschulen bzw. ihren Lehrenden ausgewählt werden.
Vielleicht spiegelt das Körber Studio deshalb nicht nur den Nachwuchs sondern auch vor allem auch den Geschmack der Lehrenden wider, oder die Art, wie eine Hochschule sich nach außen präsentieren möchte. Vielleicht erklärt das auch in Teilen den Blick zurück: ein Innehalten, ein Erinnern, ein Abarbeiten an den großen Stoffen und Menschen, ein Festhalten an der Vergangenheit ist vielleicht das, was die Hochschulen besonders begrüßen. Und auch das, was in der Jury am meisten Anklang fand. Daraus könnte sich ein nicht ungefährlicher Zirkelschluss ergeben, den es im Auge zu behalten gilt.
Was bleibt, ist vor allem ein gelungenes Festival, ganz unabhängig vom Wettbewerb. Fünf Tage, die sich weniger nach Konkurrenz anfühlten als nach Begegnung, nach eine Stimmung des Miteinanders statt des Gegeneinanders und an viele Arbeiten, die auf ihre Art beeindruckend und mitreißend waren. Ein starker, vielfältiger Jahrgang, befand die Jury, dessen hohes Niveau keine Sorgen um die Zukunft bereiten müsse. The kids are alright! Man möchte ihnen nur wünschen, dass sie das nächste Mal ruhig auch nach vorne blicken dürfen.