Der Film als musikalische Fassung
Mit diesem Sujet, auf der sich eine prominente Gesellschaft von Kulturschaffenden vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf ein Schiff begibt, um die Asche der berühmtesten Sängerin aller Zeiten vor ihrer Geburtsinsel zu zerstreuen, wird von der Verblendung einer Gesellschaft erzählt, der starke aktuelle Bezüge anhaften. 2017 hat Anna-Sophie Mahler mit „Alla Fine del‘ Mare“ am Theater Konstanz auf Grundlage des Requiems von Verdi eine musikalische Fassung des „Schiffs der Träume“ mit starken Bildern geschaffen. Wie werden die Schwerpunkte in einem partizipativen Rahmen gesetzt?
Überraschenderweise konzentriert sich die kuratierende Gemeinschaft nicht auf die historischen Entwicklungen, die Fellinis Film nachzeichnet. Erst am Ende der Inszenierung wird der „Tanz auf dem Vulkan“ sinnlich, wird die explosive Lage bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Bildern umgesetzt. Parallelen zu heutigen Krisensituationen sind unübersehbar. Dass die Konfrontation zwischen der prominenten Gesellschaft und den serbischen Bootsflüchtlingen ganz entfällt, ist schade, aber verständlich: Bei einer Besetzung mit sechs Spieler:innen lässt sich eine solche Begegnung mit ihrem katastrophalen Ausgang kaum abbilden. Bei Fellini explodieren und versinken sowohl die „Gloria N.“ aus Neapel mit ihren illustren Gästen als auch der österreichische Panzerkreuzer: ein Sinnbild für den Untergang Europas.
Ein Fest der Eitelkeiten
Im Zentrum der Konstanzer Inszenierung von Annika Schäfer steht die Frage nach dem Mythos der „Diva“. Mit Edmea Tetua, deren Asche vor ihrer Geburtsinsel im Meer verstreut werden soll, ist die letzte große Diva verstorben. Die Trauergemeinde akzeptiert einerseits den Status der Verstorbenen, andererseits gibt es zum Beispiel die Cuffani, die sich auch nicht für unbedeutend hält. Michaela Allendorf gibt ihrer Rolle die Züge einer verwundeten Eitelkeit. Alle Schiffspassagiere schwelgen in Erinnerungen und verstricken sich dabei in Konkurrenzkämpfe.
Eine solche Ansammlung von Sänger:innen, Mäzen und Intendanten mutiert schnell zum Fest der Eitelkeiten, Anzüglichkeiten und Gemeinheiten. Anna Lisa Grebe, Leonard Meschter und Jonas Pätzold spielen dieses Fest mit großem Spaß. Odo Jergitsch als Kardinal und Intendant spielt mit genauen Gesten die komödiantischen Nuancen seiner Rollen aus. Als Reporter Orlando, der als Erzähler durch die Handlung führt, agiert Ulrich Hoppe unaufgeregt mit Neugierde auf das, was sich da gerade tut.
Das Bühnenbild von Tom Schellmann erinnert an das Ambiente eines Luxusdampfers. Zwei Kronleuchter hängen über dem Bühnenraum. Den Hintergrund beherrscht eine Bühne mit roten Samtvorhängen an den Seiten und einer weißen Wand, auf die die Titel der Szenen projiziert werden. Im Mittelpunkt der Bühne steht ein dreiteiliges Tischset, das für die einzelnen Szenen neu arrangiert werden kann, wie auch sechs Stühle, die, wenn sie nicht gebraucht werden, an der rechten Bühnenwand stehen.
Musikalisch führt Rudolf Hartmann das Ensemble präzise: Vom Gutenachtlied gleich zu Anfang, über Rossinis „Miau“ bis hin zu „The sea is calm“ zeigt das Ensemble starke Qualitäten. Wie überhaupt zu hoffen ist, dass dieser partizipative Ansatz von „Rollenwandel“ nicht nur am Theater Konstanz eine Fortsetzung findet.
