Foto: „WE (WIR)“ von Sarah Nemtsov am Theater Dortmund mit Ruth Katharina Peeck, Sungho Kim, Seth Carico, Ks. Morgan Moody. © Thomas M. Jauk
Text:Regine Müller, am 15. Mai 2026
Die Oper „WE (WIR)“ von Sarah Nemtsov hat den gleichnamigen, dystopischen Roman von Jewgeni Samjatin über eine postapokalyptische, normierte Welt zur Vorlage. Die Uraufführung am Theater Dortmund in der Regie von Eva-Maria Höckmayr fordert dabei mit stimmlich und darstellerisch herausragendem Ensemble alle Sinne.
Es hat etwas von kindlicher Lust am Verbotenen, wenn das Publikum jene magische Tür durchschreiten darf, die zwischen Saal und Bühne sonst eisern verschlossen bleibt. Denn man betritt geheimes Terrain und blickt in die Waffenkammer des Theaterbetriebs, was einschüchternd und ernüchternd zugleich wirken kann. In Dortmund platziert Regisseurin Eva-Maria Höckmayr das Publikum nun direkt auf die Bühne, sie dreht also das klassische Setting einfach um und macht den leeren Zuschauerraum zum Spielort für die Uraufführung von Sarah Nemtsovs „WE (WIR)“. Ein Perspektivwechsel, der im Publikum auf der Bühne ein Gefühl von kollektiver Nähe erzeugt und den Blick weitet in die majestätische Leere des Theaterraums, dessen symmetrische Architektur zur Chiffre einer normierten Welt wird.
Zwischen Bühne und Zuschauerraum
Aber auch auf und hinter den auf der Bühne aufgereihten Stuhlreihen rumort es, mal rühren sich Mitglieder der Bürger*innenOper raunend, vogelzwitschernd und leise singend, mal treten Mitglieder des Ensembles über die Treppen des Zuschauerpodiums auf. Gegen Ende senken sich Beleuchtungstraversen langsam herab auf das Publikum, was bedrohlich wirkt. Zwischen Bühne und Zuschauerraum ist wie eine Membran eine Gazewand gespannt, die mal zum undurchsichtigen Spiegel oder zur Videowand wird, meistens aber partiell durchscheinend mit raffiniert ausgetüftelten Beleuchtungseffekten (Licht: Florian Franzen, Video: Krzysztof Honowski) bespielt wird, die Menschen und Gegenstände optisch auf- und wieder abtauchen lassen.
Im Graben sitzt unter der Leitung des fabelhaften Michael Wendeberg eine Formation aus den Dortmunder Philharmonikern, sowie den Gästen Sebastian Berweck am Synthesizer, Seth Josel an der E-Gitarre und Moritz Koch am Drumset. Der Chor sitzt weit hinten im Parkett und wird immer erst sichtbar, wenn die Lichter ihrer Notenpulte eingeschaltet werden. Außerdem sind unterwegs ein Sprechchor in grauen Einheitskutten, Statisten und der expressiv intervenierende Tänzer Ivan Keim.
Festival „Wagner-Kosmos“
Ein Riesenaufwand also. Das ganze Haus wird bespielt und die Tontechnik des Hauses zieht alle Register, um Raumklänge zu erzeugen, die allgegenwärtig scheinen. Ein alle Sinne fordernder und auch bewusst überfordernder Overkill der Eindrücke, der durchaus einem Gesamtkunstwerk-Anspruch zu folgen scheint. Weshalb das Projekt bewusst an den Beginn der siebten Ausgabe des Festivals „Wagner-Kosmos“ gesetzt wurde, der in diesem Jahr unter dem Wagner-Motto „Kinder, schafft Neues“ steht. Obwohl die renommierte Komponistin in einem Interview beteuert, dass sich „etwas“ in ihr sträube gegen Wagner, „mir sind die Klänge oft zu manipulativ, ich scheue auch vor dem generellen Pathos in der Musik.“
Diese Äußerung überrascht, denn vor Sarah Nemtsovs mit bohrend insistierenden Effekten arbeitender Partitur und deren „Inszenierung“ als Raumklang-Musik gibt es kein Entkommen. Es ist natürlich manipulierende, auf Reflexe setzende Musik, die einmal mehr Sopran-Stimmen in extraterrestrische Höhen jagt, Hall- und Verfremdungs-Effekte bemüht, bisweilen clever auf falsche Gemütlichkeitspfade lockt, diese aber jäh in Abgründe stürzen lässt.
Der perfekt „geeinte“ Staat
Nemtsov hat sich den dystopischen Roman „Wir“ von Jewgeni Samjatin vorgeknöpft, der 1920 geschrieben und in der UdSSR sofort verboten wurde. Das Buch erschien 1924 und diente Schriftstellern wie Aldous Huxley und George Orwell als Initialzündung für ihre wesentlich berühmteren Visionen einer düsteren Zukunft in totalitären Überwachungsstaaten. Nemtsov hat sich das Libretto aus Samjatins Roman selbst zusammengestellt und folgt dem Geschehen weitgehend linear, bis auf eine – allerdings entscheidende Umstellung: Denn sie zeigt am Beginn eine Folterszene, die im Roman am Schluss steht und springt danach an den Anfang zurück.
Samjatins Roman erzählt von einem perfekten „Geeinten Staat“, der nach einer globalen Katastrophe von den überlebenden Menschen errichtet wurde. Die Menschen tragen keine Namen mehr, sondern Seriennummern und Uniformen. Hauptfigur ist der verdiente Ingenieur D-503, der an dem interplanetaren Raumschiff „Integral“ arbeitet, das die Ideologie des idealen Staates im gesamten Universum verbreiten soll. Doch dann begegnet er der geheimnisvollen I-330, die ihn in das „Alte Haus“, ein Museum der Vergangenheit führt.

„WE (WIR)“ von Sarah Nemtsov am Theater Dortmund mit Ivan Keim. Foto: Thomas M. Jauk
Man ahnt es schon, es ist die Boy-meets-Girl-Konstellation, die alsbald für Unruhe sorgt. Der Ingenieur entdeckt verbotene Leidenschaften, die geheimnisvolle Frau hat zu tun mit revolutionären Umtrieben und als D-503 die Sache unheimlich wird, wendet er sich an die Gesundheitsabteilung, die feststellt, dass sich in ihm eine Seele entwickelt. Als er fragt, ob das gefährlich sei, lautet die Antwort „Unheilbar!“ Es folgt ein Angriff der Revolutionäre und als Gegenmaßnahme des Staates der Befehl, allen Bürgern die Fantasie operativ zu entfernen. Doch es gibt ein Leben außerhalb des normierten Lebens, einigen gelingt die Flucht in das Gebiet jenseits der „Grünen Mauer“, doch der Ingenieur begibt sich auf den Weg in die Gesundheitsabteilung. Ob er sich operieren lässt, bleibt offen.
Auf den Punkt effektvoll verstärkt
Eva-Maria Höckmayr inszeniert handwerklich souverän. Jeder Effekt sitzt, jede Geste ist hochmusikalisch choreografiert. Das teils elektronisch verstärkte Sängerensemble ist mustergültig besetzt. Stimmlich und darstellerisch herausragend Bassbariton Seth Carico als Ingenieur D-503, gefolgt von der atemberaubend höhensicheren Gloria Rehm als verführerische I-330 und Counter David DQ Lee als Herrscher, gefolgt von Daegyun Jeong, Sooyeon Lee, Ruth Katharina Peeck, Sungho Kim, Natascha Valentin und Ks. Morgan Moody aus dem Ensemble.
Die Dystopie des Romans wird durch Nemtsovs so aseptische wie untergangslüsterne Klänge effektvoll verstärkt. Also im Prinzip alles richtig gemacht. Und wer wollte in diesen Zeiten etwas einwenden gegen ein so aufrecht mahnendes Theater? Einen Einwand gibt es aber doch: Autor Samjatin bezeichnete „WIR“ als sein „lustigstes und zugleich ernsthaftestes Werk“. Von diesem Doppelgesicht, das Schostakowitsch zu beschwören wusste, ist hier nichts zu entdecken. Das war aber wohl auch nicht gewollt.