Aufführungsfoto von „Station Paradiso“ von Sara Glojnarić an der Staatsoper Stuttgart. Im Hintergrund eine Leinwand mit einer Straße. Im Vordergrund ein schematisch dargestellter Bus, der in der Mitte geteilt ist und dessen zwei Hälften links und rechts platziert sind. Darin sitzen der Busfahrer und Fahrgäste.

Wer hat die Autobahn gebaut?

Sara Glojnarić: Station Paradiso

Theater:Staatsoper Stuttgart, Premiere:10.05.2026 (UA)Regie:Anika RutkofskyMusikalische Leitung:Peter Rundel

Eine im Museum gefundene Audiokassette bildet den Ausgangspunkt für die Dokumentationsoper „Station Paradiso“ von Sara Glojnarić an der Staatsoper Stuttgart. Die Uraufführung in der Regie von Anika Rutkofsky spielt mit vibrierenden Klangtableaus, in denen die Lieder der Arbeitsmigrant:innen zum Thema werden.

Eine Bushaltestelle „Paradiso“ gibt es in Stuttgart nicht. Es ist ein Fantasiename. Gastarbeiter hatten sich in ihrer Heimat ausgemalt, dass Stuttgart das Paradies sein müsse, beim Ankommen aber feststellen müssen, dass die Sonne nicht scheint. „Ich wollte eigentlich sofort wieder zurück“, singt die „süditalienische Mutter“.

Sehnsucht nach Daheim

Bei „Station Paradiso“ handelt es sich um eine Art Dokumentationstheater der Komponistin Sara Glojnarić und der Theaterautorin Tanja Šljivar. Die Materialien stammen aus Interviews, die die Komponistin mit Kindern von Gastarbeitern und Gastarbeiterinnen geführt hat, darunter auch mit Goran Jurić und Diana Haller. Er singt die Hauptrolle des Busfahrers und sie die Yugo-Tochter. Das zentrale Fundstück war aber eine im Stuttgarter Stadtpalais, einem stadtgeschichtlichen Museum, aufbewahrte Audiokassette, auf der eine neapolitanische Großmutter zu hören ist und im Hintergrund ein Familientreffen stattfindet.

Das Thema der Oper ist, was die Lieder der Arbeitsmigranten erzählen können. Deswegen haben die Autorinnen ihr Stück sehr präzise als „Mixtape-Oper über die Sehnsucht nach Zuhause“ bezeichnet. Goran Jurić verkörpert den Busfahrer mit durchdringender Bassstimme wie ein Zeremonienmeister und Archivar zugleich. Er sammelt die Leute am Stuttgarter Hauptbahnhof ein, um sie über die Europastraße 5 auf einer fiktiven Reise in ihre Heimatländer zu bringen. Die Reisenden brauchen keine Fahrkarten, sondern bezahlen mit einem Lied. Und so erklingt ein Preview-Mix aus italienischen Schlagern von Pino Daniele bis Gianna Nannini.

Individuelle Geschichten

Später singt Matthias Klink als türkischer Vater ein Lied des Sängers Orhan Gencebay und spielt dazu auf der elektronisch verstärkten Saz zirpende Arpeggien. Er imaginiert seine Tochter inklusive Schnurrbart als den türkischen Barden.

In dem Bus befinden sich auch ein jugoslawischer Mann (Andrew Bogard) und seine Tochter. Er fantasiert von dem Haus, das er in der Heimat noch bauen will, was nicht fertig wird, weil „die Vögel im Norden von der Rückkehr in den Süden träumen“. Diana Haller als Tochter belehrt ihn in einer koloraturreichen Arie (auf dem Grundstück liege nur „ein Haufen Zeug“), untermalt von einem gitarrenbegleiteten Rocksound. Worauf sie sich in einen ekstatischen Tanz schüttelt. Und dann gibt es noch einen jüngeren „Neapolitaner“, den Joseph Tancredi mit seiner biegsamen Tenorstimme erzählen lässt, wie er die Urne seines Vaters in die Heimat schmuggeln will.

Inseln im Soundtrack

Solche Lieder, die in den Gesangslinien tatsächlich sehr opernhaft komponiert sind und auch so vorgetragen werden, wirken wie Inseln im dem Soundtrack von Sara Glojnarić, der aus drängenden und vibrierenden Klangtableaus besteht, die aus tonalen minimalistischen Figurationen konstruiert sind. Die Dynamik wird in einer Art Fade-In und Fade-Out Technik gesteuert. Man glaubt in diesen Vibrationen die Motorgeräusche des Busses zu vernehmen und in den leicht aggressiven Klangballungen einen aufbegehrenden Impetus. Oft kann man gar nicht wahrnehmen, was von dem von Peter Rundel geleiteten Opernorchester stammt und was von den in den Raum projizierten Elektroniksounds.

Aufführungsfoto von „Station Paradiso“ von Sara Glojnarić an der Staatsoper Stuttgart. Im Dunkeln steht ein Mann hinter einem Haufen von elektronischen Geräten. Im Hintergrund eine Leinwand mit einer Halle.

„Station Paradiso“ von Sara Glojnarić an der Staatsoper Stuttgart mit Goran Jurić als Busfahrer. Foto: Matthias Baus

Die kroatische Komponistin Sara Glojnarić, die unter anderem auch an der Stuttgarter Musikhochschule studiert hat, ist ein Shootingstar der Neue-Musik-Szene und hat Aufträge von den renommierten Festivals wie Witten, Ultraschall Berlin oder Wien modern. Wie sie hier die Errungenschaften des Minimalismus eines Philip Glass oder Steve Reich mit den Mitteln der Popmusik weiterdenkt, ist originell und virtuos.

Man hat aber auch den Eindruck, dass ihre Klangsprache an vielen Stellen quer zum melancholisch-nostalgischen Grundzug des Librettos steht: was die Gastarbeiter bewegt, ihre Heimatbetrachtungen und die in ihren Liedern aufbewahrten Lebenserinnerungen. Die Musik tendiert mehr in Richtung eines rebellischen Antriebs, wie ihn die „süditalienische Tochter“ verkörpert, die fragt: „Wer war es, der die Autobahn baute, auf der wir fahren“.

Gesammelte Erinnerungsstücke

Am Ende entscheidet sich die Komponistin und die Librettistin für eine sich aus der Nostalgie speisenden Hoffnung. Denn da singen alle Passagiere ohne das pulsierende Orchester: „Diese Stadt strahlt Versprechen aus“, und in der Regieanweisung heißt es: „Plötzlich sind am Stuttgarter Bahnhof tatsächlich Mandolinen zu hören“.

Die Regisseurin Anika Rutkofsky und die Bühnenbildnerin Christina Schmitt haben hier einen festlich gedeckten Tisch hingestellt mit Speisen aus der Heimat. Vorher spielt das Geschehen in einer längs aufgeschnittenen Bus-Attrappe, die vom Bühnenpersonal in Fabrikarbeiterkluft (Kostüme: Adrian Stapf) bewegt wird. Alles in allem bleibt von „Station Paradiso“ der irritierende Eindruck eines Theaterspektakels, bei dem man sich fragt, was die gesammelten Erinnerungsstücke von ganz normalem Heimweh unterscheidet.