Foto: Die Frau (Adriana Bastidas-Gamboa) und die Liebenden (Cameron Shahbazi und Elisabeth Reiter). © Sandra Then
Text:Andreas Falentin, am 11. Mai 2026
An der Oper Köln erlebt „Picture a day like this“ von George Benjamin seine deutsche Erstaufführung in einer internationalen Koproduktion, die seltsam abgespult wirkt, obwohl sie musikalisch große Meriten hat.
Der Raum ist dunkel, die Bühne von spiegelnden Wänden in Metalloptik umsäumt, drei Gestalten in schwarzen Mänteln (Kostüme: Marie La Rocca) bauen um. Die „Woman“ erscheint in der Bühnenmitte; sie hat ihr Kind verloren. Ihr wird gesagt – von wem, erfahren wir nicht –, dass ihr Kind wieder leben werde, wenn sie „einem glücklichen Menschen einen Knopf vom Ärmel schneidet“.
Sie begibt sich auf ihre Reise und findet ein Liebespaar, das sich streitet, einen ehemaligen Handwerker, der wahnsinnig wird, eine erfolgreiche Komponistin, die glaubt, ein banales Leben zu führen, und einen Sammler schöner Dinge. Auch er ist nicht glücklich, führt sie aber in einen Garten, wo sie Zabelle trifft. Diese schenkt der Frau einen Knopf – doch sie ist nur eine Einbildung, ein Spiegelbild. So steht die Frau am Ende auf der Bühne und weiß, dass es kein Glück gibt.
Das Ende befremdet, die Inszenierung endet einfach. Es gibt keine Schluss, keine Pointe, keinen Sinn. Es kann doch nicht sein, dass ein trauernder Mensch auf eine Reise geschickt wird und am Ende nur erfährt, dass er nicht allein unglücklich ist. Was nützt ihr das, was nützt es uns?
Kalt und dunkel
Kalt und dunkel ist die Inszenierung von Daniel Jeanneteau und Marie-Christine Soma. Erst am Ende wird es heller: durch die leeren Ausstellungsräume des Sammlers und den digital erzeugten Garten, der sich im Rhythmus der Musik mit abstrakten Bildern entfaltet. Doch ausschließlich die Einsamkeit des Sammlers berührt an diesem Abend – durch den Gesang, nicht durch das Spiel. John Brancy, zuvor bereits als Handwerker zu erleben, gestaltet die Partie mit hellem, sehr flexiblem Bariton.
Das ist das Problem dieses Theaterabends: Es handelt sich um eine internationale Koproduktion, die 2023 in Aix-en-Provence Premiere hatte, unter anderem in London und Paris gezeigt wurde – und nun, drei Jahre später, in Köln zu sehen ist. Einstudiert wurde die Produktion von einer Spielleiterin; das Kreativteam war bei der Kölner Premiere nicht anwesend. Die Sängerinnen und Sänger sind perfekt choreografiert, aber sie wissen offenbar nicht, warum sie tun, was sie tun. Sie haben die Inszenierung nicht selbst entwickelt, spielen gewissermaßen halbszenisch. Dadurch bleibt die Körpersprache auffallend zurückhaltend. Und so entsteht eine Distanz zum Publikum, die der Komponist sicher nicht beabsichtigt hat – und die bei der Uraufführung in Aix-en-Provence offensichtlich nicht vorhanden war, wie die damaligen Kritiken zeigen.

Zabelle (Emily Hindrichs) und die Frau (Adriana Bastidas-Gamboa) im Garten. Foto: Sandra Then
Faszinierendes Ensemble, überragender Dirigent
Dabei wird, wie gesagt, herausragend gesungen. Adriana Bastidas-Gamboa gibt als „Woman“ musikalisch alles, Emily Hindrichs singt die Zabelle faszinierend schlank und schwerelos, Elizabeth Reiter überzeugt als Liebende und Komponistin mit prägnantem Sopran sowie pointierter, textverständlicher Gestaltung, und Cameron Shahbazi ergänzt das Ensemble als Liebender und Assistent mit elegant geführtem Countertenor stimmig.
Und auch Christian Karlsen führt das Gürzenich-Orchester Köln überragend: Er gibt dem Werk Form und spitzt es dynamisch zu. Benjamins Musik besteht aus rhythmisch geführten Clustern, oft geräuschnah, mit einem Meer feinster Klangnuancen. Der einzige Anflug einer Melodie erklingt, als Zabelle der Frau den Knopf übergibt: eine zittrige Cello-Linie, die sofort wieder eingeebnet wird in jene kalte Welt, die der Komponist offenbar im Kopf hat – angeführt von schreiendem Blech und Schlagwerk. Doch an diesem Abend fehlt dem Werk, fehlt der Aufführung, die Seele.