Foto: Felix Jordan (Hakenfingerjakob), Simon Löcker (Sägerobert), Josephine Köhler (Polly Peachum), Gábor Biedermann (Trauerweidenwalter), Mina Pecik (Ede), im Hintergrund: Marcel Heuperman (Macheath). © Julian Baumann
Text:Manfred Jahnke, am 8. Mai 2026
Am Schauspiel Stuttgart bringt Viktor Bodó Brechts „Dreigroschenoper“ auf die Bühne. Durch das herausragende Ensemble und die beliebte Musik stellt sich die durchaus gelungene Kapitalismuskritik der Inszenierung allerdings hinter der Unterhaltung an.
Für seine Inszenierung der „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht mit der Musik von Kurt Weill am Schauspiel Stuttgart hat sich Viktor Bodó vom „Dreigroschenroman“ inspirieren lassen. Er versetzt die Handlung in einen von Zita Schnábel geschaffenen Raum, der mit steilen Rängen ausgestattet ist. Über allem thront hinter vier Telefonen, Drucker und anderen elektronischen Geräten hoch oben der Richter. Auf der Rückwand werden auf einer kleinen Leinwand Videos von Vince Varga projiziert. So, wie Reinhard Mahlberg nicht nur als Richter auftritt, sondern auch als Moritatensänger, der die Szenen ankündigt, ist das Bühnenbild mehrfunktional. Es kann Operations-, Hör- oder Gerichtssaal sein.
Jeder mit jedem
Brecht hat mit Hilfe von Elisabeth Hauptmann, die ihm die „The Beggar’s Opera“ von John Gay übersetzte, aus der Vorlage eine sinnliche Kritik an den kapitalistischen Strukturen unserer Gesellschaft gemacht. Wie Peachum – von Klaus Rodewald im Lila-Kostüm (Kostüme: Hanna Erös) wunderbar aasig ausgespielt – die Armut kapitalisiert, wird drastisch vorgeführt. Seine Frau hingegen, der Marietta Meguid selbstbewusste Züge gibt, versinkt in Sentimentalität. Mackie Messer geht über Leichen. Er teilt sich die Beute mit seinem Freund aus alten indischen Kolonialtagen, dem Polizeichef Tiger Brown. Sebastian Röhrle changiert in dieser Rolle zwischen dem Schein zwielichtiger Stärke und jämmerlichen Tiraden: Hier spielt jeder mit jedem, aber Souveränität über sich selbst erhält keine der handelnden Personen.

Zita Schnábel schafft eine vielschichtige Bühne. Foto: Julian Baumann
Mackie Messer betreibt sein Räubertum als Geschäft nebenbei. Im Zentrum steht seine „sexuelle Hörigkeit“ – seine Liebschaften und Ehen. Marcel Heupermann als Gast spielt ihn als jemanden, der alles so nimmt, wie es ist: die sexuellen Begierden ebenso, wie er sich darauf verlässt, dass die einmal angestoßene Maschinerie ein Selbstläufer ist. Eines allerdings scheint ihm wichtig: am Leben zu bleiben. Seine Frauen um ihn herum sind ihm hörig. Josephine Köhler als Polly übernimmt resolut das Geschäft des Mäckie. Liebe? Es geht um das In-Besitznehmen. Besonders deutlich wird dies in der Auseinandersetzung von Polly mit Lucy, die Sonja Geiger furios anlegt, die durch eine vorgetäuschte Schwangerschaft Macheath an sich zu binden versucht. Selbst Jenny, der Miriam Maertens herbe Züge gibt, verkauft sich gegen Judaslohn.
Spiel und Spaß und Kapitalismuskritik
Der „Dreigroschenoper“ wird ein Vorspiel hinzugefügt, das eine Kopfoperation vorführt, um dann das Spiel fragmentarisch als Gerichtshandlung zu konzipieren. Der Kapitalismus stinkt vom Kopf her. Viktor Bodó zeigt, wie auf allen Ebenen Korruption regiert. Demokratie oder Gerechtigkeit können in einem System der offenen Hände nicht entstehen. Die Regie verortet das Spiel teilweise im Publikum, um zu zeigen, dass alle betroffen sind. Sie kann aber den Widerspruch nicht aufheben, den schon die Uraufführung von 1928 prägte: Durch die von Kurt Weill komponierten Songs, die fast zu Gassenhauern geworden sind, stülpt sich über die gesellschaftlichen Handlungen eine starke Kulinarik, getragen auch von einem Spiel, in dem der Spaß der Mitwirkenden zu spüren ist.
Mit dem Ensemble, zu dem neben den Genannten Gábor Biedermann, Felix Jordan, Simon Löcker, Peer Oscar Musinowski und Mina Pecik als Räuberbande und in anderen Rollen gehören, hat Klaus von Heydenaber als musikalischer Leiter präzise gearbeitet. Die Songs – manchmal bei rot ausgeleuchteter Bühne – reißen mit. Mit einer siebenköpfigen Kombo im Orchestergraben bringt er die Melodien von Kurt Weill schwungvoll zum Klingen. Unschwer vorherzusagen, dass diese „Dreigroschenoper“ sich zum Renner in Stuttgart entwickeln wird.