Aufführungsfoto von „Vernissage“ von Robert Seethaler am ETA Hoffmann Theater Bamberg. Eine Frau steht einem Mann sehr dicht gegenüber, mit geöffnetem Mund.

Werk ohne Betrachter

Robert Seethaler: Vernissage

Theater:ETA Hoffmann Theater Bamberg, Premiere:30.04.2026 (UA)Regie:Jana Vetten

„Vernissage“ von Robert Seethaler erzählt die zwischenmenschlichen Dramen innerhalb einer nicht mehr rundlaufenden Kunstgalerie. Die Uraufführung am ETA Hoffmann Theater Bamberg in der Regie von Jana Vetten braucht Anlaufzeit, sorgt dann aber für berührende Momente.

Robert Seethaler und das Theater – eine problematische Beziehung: In jüngeren Jahren war der Österreicher als Schauspieler unterwegs, fremdelte allerdings bald mit dieser Form der „Veräußerung“ und Selbstdarstellung. Er zog sich lieber in eine dunkle Ecke zurück und begann (sehr erfolgreich) Romane zu schreiben. Zu einigen davon entstanden Bühnenfassungen – die zu „Der Trafikant“ schrieb er selbst. Dann wagte er sich tatsächlich an seinen ersten abendfüllenden Theatertext. Der langjährigen Bekanntschaft mit John von Düffel ist es zu verdanken, dass sich Bamberg die Uraufführung von „Vernissage“ sichern konnte. Doch selbst heute noch fürchtet Seethaler sich vor dunklen, eng besetzten Zuschauerräumen und war so bei der Premiere nicht anwesend – vielleicht auch wegen der gleichzeitigen Veröffentlichung seines neuen Romans „Die Straße“.

Die „Vernissage“ ist nun ein recht konventionelles Stück, das den Ort der Handlung schon im Titel ankündigt. Erläuternd heißt es in der ersten Regieanweisung: eine Kunstgalerie „draußen vor der Stadt“. Die Chronologie erstreckt sich ohne jegliche Zeitsprünge oder Rückblenden über drei Tage: der Tag und die Nacht vor der Vernissage, der Tag der Vernissage und der Tag danach. Es gibt keine Neben- oder Parallelhandlungen. Die Personenzahl ist übersichtlich und für ein kleineres Ensemble ideal. Es existiert eigentlich keine Hauptrolle, sondern acht gleichberechtigte Charaktere.

Innenwelten einer Galerie

Die Grundidee darf ein bisschen flapsig gespoilert werden: Stell dir vor, es findet eine Vernissage statt und keiner geht hin! Denn offensichtlich sind die besten Tage der Galerie Kayserling vorbei; Peter, der Sohn des alten Patriarchen Wilbert Kayserling versucht nun mit der Ausstellung von Werken des qualitativ umstrittenen Künstlers Alexander (Mirandoni) wieder Leben in die angestaubten Räume zu bringen. Doch statt interessierten Besuchern dominieren die Beziehungs- und Machtprobleme der Menschen im inneren Zirkel der Galerie. Der Seniorchef (Florian Walter) sitzt im Rollstuhl, lebt nur noch in der Erinnerung an die glorreiche Vergangenheit und verfällt manchmal in kulturpessimistischen Zynismus (ohne allerdings die Härte von Thomas Bernhards „Alte Meister“ zu erreichen). An seiner Seite hat er den devoten Assistenten Cornelius (Leon Tölle), der wie Klaus Kinski mit irrem Blick durch die Szenerie schleicht.

Aufführungsfoto von „Vernissage“ von Robert Seethaler am ETA Hoffmann Theater Bamberg. Eine junge Frau macht mit ihrem Smartphone eine Gruppenfoto. In der Mitte ein älterer Mann im Rollstuhl, daneben eine Frau mit einem Glas Sekt in der Hand und weiteren Menschen.

„Vernissage“ von Robert Seethaler am ETA Hoffmann Theater Bamberg.

Sohn Peter (Daniel Seniuk) wechselt zwischen Naivität und marktliberaler Berechnung. Seine Frau Hedda (Barbara Wurster) flüchtet sich als kaputte Alkoholikerin von Cocktail zu Cocktail, ist aber dennoch die Einzige, die von prallem Leben erfüllt zu sein scheint. Tochter Henriette (Alina Rank) ist zerfressen von Ehrgeiz und unerfüllter Begierde. Der Künstler Alexander (Daniel Warland) drischt leere Phrasen über seine Profession und balanciert die Rolle hart am Rand der lächerlichen Karikatur. Die junge Lotte (Sophie Angehrn) teilt das Schicksal mancher Praktikantinnen, da sie nur als Objekt männlicher Begierde gesehen wird, darf aber kurz vor der Pause eine anrührende Version von Kate Bushs „Running Up That Hill“ zur Gitarre vortragen. Als Fremdkörper aus der Welt der Arbeiterklasse hat Hausmeister Helmut (Marek Egert) seine komödiantischen Momente.

Der Baum als Symbolbild

So entsteht eine träumerische Parabel über Ängste, die man am besten verdrängt, wenn man im Wald der Verblendung laut pfeift: das heißt ziemlich sinnfrei monologisiert oder sich mit anderen in (Vor-)Urteilen festquatscht. Das Stück erinnert als Sittenbild aus dem Elfenbeinturm der (brotlosen) Kunst mit seinem Personal und seiner melancholischen Morbidität an tschechowsche Tragikomödien. Aus dem vom Abholzen bedrohten „Kirschgarten“ wird hier die leerstehende Galerie mit einem absterbenden Baum (der Erkenntnis?) als zentralem und eifrig begossenem Bildsymbol. Aus der erschossenen „Möwe“ wird bei Seethaler eine Taube, die ans großflächige Fenster der Galerie prallt und verendet. Diesen letzten Knalleffekt hat die Bamberger Fassung von Jana Vetten aber leider weggelassen.

Die Inszenierung braucht eine gewisse Anlaufzeit, dann aber sorgt vor allem die bildstarke Bühne von Genia Leis für berührende Momente, für lebende Bilder in gemalten Bildern. Das monochrom schwarze (aber durchscheinende) Alexander-Bild „Ende aller Sonnen“ schiebt sich hinter ein opulentes Büfett und illustriert die Scheinwelt der „Kunst“. Cornelius Borgolte hat Seethalers musikalische Anweisungen nicht befolgt: statt Blues-Rock von Ronnie Hawkins ertönt experimenteller Avantgarde-Rock der längst vergessenen deutschen Band Can vom Plattenspieler in der Galerie – atmosphärisch sehr stimmig! Insgesamt kein poetischer Urknall von Robert Seethaler, aber ein Theaterabend, der in dem Leitsatz „Die Kunst ist nichts, doch sie ist alles, was wir haben“, in schönen Bildern und Personen hängen bleibt und das Champagnerglas bei der nächsten „echten“ Vernissage ein bisschen zittern lässt.