Juliette Larat steht als Dorka Dušková alias Dolly Delors im Hintergrund. Sie beobachtet Herbert Föttinger (Lorenzo da Ponte) und Maria Köstlinger (Nancy Krahl) wie sie vertraut eng beieinander stehen.

Im Wilden Westen der Kunst

Peter Turrini: Was für ein schönes Ende

Theater:Theater in der Josefstadt, Premiere:29.04.2026 (UA)Regie:Janusz Kica

Janusz Kica inszeniert die Uraufführung von Peter Turrinis „Was für ein schönes Ende“ zum Finale der 20-jährigen Intendanz von Herbert Föttinger am Wiener Theater in der Josefstadt. Der scheidende Direktor gibt Lorenzo Da Ponte, der als vergessener Mozart-Librettist im Wilden Westen um Anerkennung kämpft, ohne dass Turrinis Komödie in Schwung kommt.

„Hören Sie und staunen Sie: Ich bin Lorenzo Da Ponte. Ich habe den Don Giovanni erfunden“, ruft der alte Brandy-Verkäufer im Zuschauerraum der Oper von Santa Fe, wo soeben „sein Kind“ zur Aufführung gebracht wurde, denn für Mozarts „Don Giovanni“ hatte er einst das Libretto verfasst. „Ich war ein Gott in Wien!“, schwärmt Herbert Föttingers Da Ponte und sucht die Blicke seiner Zuschauer:innen, ehe er sich durch eine Sitzreihe quetscht. „Ach, ein Kritiker“, entfährt es ihm, bevor er von zwei Herren in der ersten Reihe auf die Bühne gewuchtet wird. „Ich bin ein Olymp ohne Sterne“, klagt er mit ausgebreiteten Armen vor heruntergelassenem Vorhang. „Ich flehe Sie an, geben Sie mir meinen Namen wieder!“

Ein altes Thema

Die Geschichte des vergessenen, 1805 wegen seiner Schulden in die USA geflüchteten und dort um Anerkennung kämpfenden Lorenzo Da Ponte beschäftigt den österreichischen Dichter Peter Turrini seit mehr als zwei Jahrzehnten. Am Beginn stand seine Novelle „Da Ponte“ (2000). Sie bildete die Grundlage für seine Nestroy-artige Tragikomödie „Da Ponte in Santa Fe“, uraufgeführt von Claus Peymann bei den Salzburger Festspielen 2002.

Nun greift Turrini den Stoff um den legendenumwobenen Künstler nach dessen schimpflichem Ende als Hoflibrettist bei Kaiser Joseph II. in Wien erneut auf: Als Opern-Impresario in New York ebenso gescheitert wie mit mäßig erfolgreichen Erfindungen, fristete er sogar als Branntwein-Destillateur sein Leben, ehe er 1838 auf dem Friedhof von New York als weithin Unbekannter begraben wurde. „Was für ein schönes Ende“, uraufgeführt durch den polnischen Regisseur Janusz Kica, beschließt Herbert Föttingers Intendanz am Theater in der Josefstadt, die 2006 mit Turrinis „Mein Nestroy“ begonnen hatte.

Kleine Nachbesserungen

Dabei ist das Stück weniger eine Neudichtung als vielmehr die überarbeitete Version seines „Da Ponte in Santa Fe“. Turrini kürzte partiell, strich einige Nebenrollen wie etwa den falschen Mozart, leichte Mädchen und Gogo-Girls. Beibehalten wurde jedoch die Haupthandlung, die vorangetrieben wird durch Da Pontes Versuche, vom Foyer auf die Opernbühne zu gelangen. Neu in „Was für ein schönes Ende“ ist, dass Turrini Da Ponte einen langen Monolog im Zuschauerraum gönnt, ehe er hinausgeschleift wird.

Lorenzo Da Ponte sitzt gefesselt auf einem Stuhl. Vor ihm ist eine Luke im Boden. Hinten steht Dorka Dušková bzw. Dolly Delors. Rechts kniet Nancy Krahl und fleht James N. Brodnik auf Knien an.

Herbert Föttinger (Lorenzo Da Ponte), Juliette Larat (Dorka Dušková alias Dolly Delors), Maria Köstlinger (Nancy Krahl) und Raphael von Bargen (James N. Brodnik). Foto: Moritz Schell

Aufgewertet ist auch dessen Ehefrau Nancy Krahl (Maria Köstlinger im blauen Nadelstreifkostüm). Von einer eifersüchtigen Furie verwandelte Turrini sie in eine fürsorglich liebende, starke Frau, die den greisen Dichter nach Hause holen will. Am Ende rettet sie ihm das Leben, indem sie dem Operndirektor (Raphael von Bargen als schmieriger James N. Brodnik) ein finanziell lukratives Angebot macht.

Fehlende Tiefe

Es ist das Schattendasein der Librettisten (Turrini selbst verfasste eine Reihe von Opernlibretti), das auch „Was für ein schönes Ende“ thematisch dominiert. Da Ponte kämpft als verwitterter Schnapsverkäufer im Vorraum der Kunst um Anerkennung. Gleichzeitig nimmt Turrini die gnadenlose Kommerzialisierung der Kunst, die bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihren Anfang nahm, kritisch ins Visier. Es ist eine unterhaltsame Farce auf den Kulturbetrieb im brutalen „Wilden Westen“. Eine doppelbödige Posse, die in der allzu braven Inszenierung Janusz Kicas jedoch kaum in Fahrt kommt.

Ohne überzeugende szenische Metaphern für Turrinis subkutane Gesellschaftskritik an der Kapitalisierung der Kunst zu finden, ohne schlüssige Tempodramaturgie geriet Turrinis Vorbühnen-Jux zu einer langatmigen Stehpartie, in deren Zentrum Herbert Föttingers Da Ponte allzu blass blieb. Anstatt das existentielle Ringen eines Künstlers um seine verloren gegangene Identität sichtbar zu machen, erschöpft sich seine Darstellung in hinkender Altersschwäche. Die Tiefe seiner Figur, ihr unbändiger Glaube an die Kunst, bleibt dabei ebenso unterbelichtet wie die Beziehung zu seiner Frau.

Tragik in der Bühnenunterwelt

Weder Witz noch Melancholie entfalten sich auf der Einheitsbühne der Ausstatterin Karin Fritz. Ein klassisches Opernfoyer mit roten Plüschtapeten, kristallenen Wandlämpchen und einer Doppelflügeltür im Zentrum lässt dessen vormalige Existenz als Saloon nicht mehr erkennen. Zumal die Welt der rauchenden Colts nun in die Bühnenunterwelt verbannt ist, in die Da Ponte durch eine zentrale Falltür immer wieder hinabklettern muss.

Das Ensemble steht in zwei Grüppchen beisammen, unterhält sich und trinkt.

Marcello De Nardo (Castor), Félix Kama (Bambus Willkinson), Juliette Larat (Dorka Dušková alias Dolly Delors), Raphael von Bargen (James N. Brodnik), Alexander Strömer (Don Giovanni alias Manuel Rodriguez García) und Herbert Föttinger (Lorenzo Da Ponte). Foto: Moritz Schell

Nur für wenige Momente entfaltet sich an diesem Abend Turrinis schwankhafte Leichtigkeit. Da sitzt Félix Kama als Garderobier Bambus Willkinson, der Da Pontes Geschichten lauscht, im goldenen Mantel vor dem einstigen Hoflibrettisten und mimt Joseph II. Sein Lachen an falscher Stelle entfacht luftige Pointen, seine zunehmende Identifikation mit dem österreichischen Kaiser gelingt in spielerischer Verwandlung. Und als er ein afrikanisches Klagelied über den vermeintlichen Tod Da Pontes anstimmt, wird für Momente die melancholische Tragik seines Lebens spürbar.

Am Ende bestätigt die 95-jährige Dolly Delors (Marianne Nentwich), der Da Ponte als junges Mädchen (Juliette Larat) im Foyer des Opernhauses ihren Künstlernamen gab, seine wahre Identität, wodurch sein Leben zumindest posthum zu einem „schönen Ende“ kommt.