Aufführungsfoto von „Regina“ von Albert Lortzing an der Oper Leipzig. Eine Frau im gelben Kleid sitzt in der Mitte einer dunkel gekleideten Menschenmasse, die sich zu ihr lehnen und die Arme nach ihr ausstrecken.

Gründerzeit und Gegenwart

Albert Lortzing: Regina

Theater:Oper Leipzig, Premiere:25.04.2026Regie:Bernd MottlMusikalische Leitung:Constantin Trinks

Im Rahmen des Festivals „Lortzing 26“ überzeugt die Premiere der Revolutionsoper „Regina“ von Albert Lortzing an der Oper Leipzig in der kurzweiligen Inszenierung von Bernd Mottl mit konzeptionellem Geschick.

Albert Lortzing verschwand seit dem Mauerfall von den Bühnen, weil für seine meist zwischen Opéra comique, Singspiel und Wiener Operette stehenden Werke die Sensibilität von deren Sozialkritik, komödiantischer Leichtigkeit und politischem Ernst abhandenkam. Die ambitionierte und bei weitem nicht ausverkaufte Premiere von „Regina“ im Festival „Lortzing 26“ hat künstlerisches Glück und konzeptionelles Geschick. Dennoch reagierte das Publikum mit Schweigen und eher verhaltenem Applaus.

Es gibt nur einen plausiblen Grund, warum die in Wien 1848 entstandene und zu Lortzings Lebzeiten nie aufgeführte Revolutionsoper „Regina“ trotz Peter Konwitschnys vollständiger Inszenierung von 1998 in Gelsenkirchen noch keine Inszenierungswelle auslöste: Die Opernszene beharrt auf Gedeih und Verderb am tradierten Lortzing-Image des unterhaltsamen und leichtgewichtigen Erfolgsstückschreibers, was Lortzings Verschwinden in den letzten Jahren beschleunigte. Die Handlung: Schurkischer Angestellter wird Sozialrebell und entführt die von ihm geliebte Tochter eines Fabrikbesitzers. Diese erschießt ihren Entführer aus Notwehr und kehrt unter strengen Jubelklängen in ihr reiches Milieu zum Verlobten Richard zurück. Was der bürgerliche Nationalist Lortzing progressiv meinte, wirkt heute allerdings befremdlich. Genau darauf gründete Bernd Mottl seine kurzweilige und vollauf gelungene Inszenierung.

Tagesschau-Brisanz

Er raffte die Dialoge und setzte eine genaue Personenregie mit ironischen, pathetischen und am Ende sarkastischen Spitzen. Nie war Lortzing in der Instrumentation näher an Beethoven und Weber. Aber – da stimmen die Lortzing-Vorurteile – Regina zögert vor dem Ausbruch und bleibt im Gegensatz zu Wagners Frauen in ihrer Sphäre.

Zugegeben: Beim Beziehungsdreieck musste Bernd Mottl etwas nachflicken, was problemlos aufgeht. Regina hat bei Mottl – von Lortzing ansatzweise beglaubigt – durchaus Gefühle für ihren Entführer. Ihr wird es erst bei der zweiten Verschleppung zu viel. Raffiniert fusionieren Mottl und der Bühnenbildner Friedrich Eggert die Zeitebenen Gründerzeit und Gegenwart. Die um Lohnerhöhung fightenden Arbeiter dringen in den auf altdeutsche Art vertäfelten ‚Ahnensaal‘ der Firmenspitze. Regina wird in die Unterwelt des Konzerns verschleppt – in einen hellhölzernen, betont zeitlosen Kantinenraum. Da zelebriert Regina ihr schichtspezifisch einwandfreies Beten und Drohen vor Wandbildern jener Kampfflugzeuge, mit denen der Herr Papa Simon seine Renditen maximiert und ihr den entsprechend feudalen Lebensstil ermöglicht. Gewinnstreben, Reibach und der schnelle Rutsch von der Einigkeit zur Handgreiflichkeit geben eine verhängnisvolle Mischung mit Tagesschau-Brisanz. Denn Mottl zeigt, dass Aufrüsten und Kriegspropaganda aus dem Inneren der Nation gedeihen. Krass, aber wahr – und das Leipziger Publikum schluckte.

Aufführungsfoto von „Regina“ von Albert Lortzing an der Oper Leipzig. Eine Frau im gelben Kleid wird von einem Mann am Oberkörper festgehalten, während er eine Pistole in die Höhe hält.

„Regina“ von Albert Lortzing an der Oper Leipzig mit Jacquelyn Wagner (Regina), Mathias Hausmann (Stephan), Chor der Oper Leipzig. Foto: Tom Schulze

Feine Synthese

Die Regie zeigt den Arbeiterstreik, Papa Simons joviales Lavieren und die Emotionswellen Reginas. Realismus, Fiktion und Ironie ergeben eine feine Synthese, weil Mottl das Geschehen und die Figuren ernst nimmt. Das unterscheidet ihn wohltuend von der skeptischen, herablassenden oder verniedlichenden Haltung anderer Lortzing-Produktionen.

Jacquelyn Wagner legt den ganzen Aplomb einer im Zenit stehenden jugendlich-dramatischen Stimme in die vor dem Schritt ins Ungewisse zögernden Titelpartie. Das hätte leicht zur Karikatur werden können, gelang aber brillant. Andreas Hermann als Verlobter Richard zeigt amtsaffinen Opportunismus in einer mit vielen hohen Tönen ausgestatteten Partie. Mathias Hausmann geht in der Charakterisierung des „wilden Stephan“ voll auf: schlechte Kindheit, fiese Verwandte und Unglück von der Stange. Im paradoxen Duell aus Druck und Emotion blühen Reginas Szenen mit ihrem Entführer Stephan quasi hochromantisch auf.

Lortzings Theatersinn

Die Oper Leipzig bringt auch um die drei Hauptpartien passgenaue Besetzungen auf. Alle akzentuieren, was das Zeug hält. Aber sie kicken nicht in Outriertheiten, welche Lortzing-Vorstellungen manchmal piefig machen. Nora Lentner ist als Beate eine durch Risse im Ablaufprotokoll an den Rand des Nervenzusammenbruchs schlitternde Klemmbrett-Lady zwischen dem Rüstungsboss Simon (Oliver Weidinger in großbürgerlicher, also nicht spaßhafter Gutsherrenart) und dem an Blässlichkeit dem Aufsteiger Richard ebenbürtigen Kilian (Dan Karlström). Marie-Luise Dreßen wertet als dessen kettenrauchende und eindeutig proletarische Mutter Barbara das hitverdächtige Lortzing-Strophenlied dieser Oper zum Chanson auf. Marian Müller – versteckte Pointe Mottls – wirkt als Partisan Wolfgang wie der wilde Stephan weitaus sympathischer als die Funktionshülsen auf der Chefetage. Der proaktiv mitmachende Chor (Leitung: Thomas Eitler-de Lint) ist ein wichtiger Mitspieler dieses vitalen Panoramas aus lohnabhängigen Streikenden, den gar nicht so gewalttätigen Opponenten und langweiliger Billig-Schickeria.

Statt Lortzings Haftung an Vorbildern zu düpieren, setzt Constantin Trinks auf die dramatische Kraft und Lortzings unbestechlichen Theatersinn. Das Gewandhausorchester klang weitaus eloquenter und engagierter als vor fünf Wochen zur Opernuraufführung „Coming Up for Air“. Dass Lortzing frischen Opernwind an die Pleiße bringt, ist sicher das schönste Resultat für die letzte Opernpremiere des sich in die Intendanz des Staatstheaters Braunschweig verbessernden Tobias Wolff.