Aufführungsfoto von „Leben und Schicksal“ nach Wassili Grossman, in der Inszenierung von Johan Simons am Schauspielhaus Bochum. Ein Mann sitzt in einem dunklen Gang, der von hinten durch einen Scheinwerfer angeleuchtet wird. Er wirft einen langen Schatten auf die Wand hinter ihm.

An das Gute glauben und sterben

nach Wassili Grossman: Leben und Schicksal

Theater:Schauspielhaus Bochum, Premiere:25.04.2026Regie:Johan Simons

Der Jahrhundertroman „Leben und Schicksal“ von Wassili Grossman fragt nach dem Guten, seiner Veränderbarkeit und Deutungshoheit. Die Bühnenadaption, die in der Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs spielt, verdeutlicht in der Inszenierung von Johan Simons am Schauspielhaus Bochum den Schrecken – ein intensives Spiel, bei dem es mitunter schwierig ist, den Überblick zu behalten.

Zum Überleben braucht es Strategie. Die Überzeugung, das Richtige zu tun. Das Gefühl, gut zu sein. Aber, was ist eigentlich das Gute und wer kann (und darf) es definieren? Ist das Gute immer gleich oder morgen anders als gestern? Und wie viel Anspruch auf das ‚einzig wahre Gute‘ kann eine Welt überhaupt ertragen? Über diese Fragen zermalmt sich der eingesperrte Ikonnikow den Kopf. In einem deutschen Gefangenenlager um 1942 kommt er zum Schluss, dass das große Gute schlichtweg fürchterlich ist.

Wassili Grossmans Jahrhundertroman „Leben und Schicksal“ erzählt von unterschiedlichen Lebensrealitäten in der Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs. Momentaufnahmen aus Gefangenenlagern treffen auf Kämpfe in Stalingrad. Ein vermeintlicher Alltag der Zivilbevölkerung trifft auf kompletten Ausnahmezustand. Aktive Täter:innen stehen neben passiven Zuschauer:innen. Dabei schildert Grossman eindrücklich die Opfer, die Nationalsozialismus und Stalinismus einfordern, verbindet persönliche Schicksale mit historischen Ereignissen. Aufgrund seiner Kritik an beiden totalitären Systemen konnte „Leben und Schicksal“ erst zehn Jahre nach Fertigstellung des Manuskripts veröffentlicht werden, nachdem der Text in den 70ern ins Ausland geschmuggelt wurde.

Prall voll und leer

Regisseur Johan Simons fasst die ganzen Handlungsstränge, Orte und Personen mit einer vehementen Gleichzeitigkeit zusammen. Alle acht Darsteller:innen sind konstant auf der Bühne, die meisten von ihnen mehrfach besetzt. Momente gehen rasant ineinander über, Rollenwechsel erfolgen mit minimalen transparenten Kostümwechseln. Greta Goiris hat für das Ensemble übergroße Hosen in unterschiedlichen Farben eingeplant, die die Darsteller:innen zeitweise nur für Augenblicke an und wieder ausziehen. Das gibt dem ganzen leider weniger Struktur als das es von der Handlung ablenkt. Generell ist es mitunter schwieriger, den Überblick zu behalten. Vielleicht hätten Personenangaben in den englischen Übertiteln da schon ausreichend unterstützen können.

Im Kontrast zur prall gefüllten Handlungsebene bleibt die Bühne weitestgehend leer. Johannes Schütz hat für das Ensemble zwei Räume aufgemacht: ein für das Publikum einsehbares, tiefer gelegtes Off, aus dem die Darsteller:innen agieren und auf ihren Einsatz warten können sowie eine über Treppenstufen erreichbare schwarze Projektionsfläche mit Sitzbank, die sich über die ganze obere Bühne zieht. Orte werden durch Übertitel oder aber Beschreibungen im Stücktext definiert. Trotzdem entstehen auch mit sehr wenigen, aber gezielt eingesetzten Requisiten ausdrucksstarke Bilder, die im Gedächtnis bleiben.

Realitätsflucht

Johan Simons schafft es in der Fülle der Handlung den Raum für berührende und schlichtweg verzweifelte Augenblicke zu finden. Da ist Ljudmila Nikolajewna Strum (Jele Brückner), die von ihrem im Krieg gefallenen Sohn Tolja erfährt. Sein Tod reißt etwas in ihr ein, setzt die Schwerkraft ihres Lebens außer Gefecht. In purer Verzweiflung, Trauer und Wut wühlt sie durch einen Haufen übereinandergeworfener Mäntel. Der klägliche Versuch, doch ihren Sohn zu finden, sich vor der Realität zu verschließen.

Aufführungsfoto von „Leben und Schicksal“ nach Wassili Grossman, in der Inszenierung von Johan Simons am Schauspielhaus Bochum. Ein Mann schreit einen anderen Mann an, der sich von ihm abwendet.

„Leben und Schicksal“ nach Wassili Grossman, in der Inszenierung von Johan Simons am Schauspielhaus Bochum. Foto: Armin Smailovic

Dann ist da ihr Mann, der verkopfte Physiker Viktor Pawlowitsch Strum, der sich in seinem Gedankenkarussell um den Glauben an die Wissenschaft und den Fortschritt der Menschheit im Angesicht des Stalinismus verrennt. Vom Staat und seinen Vollstrecker:innen hinters Licht geführt, verrät er seine Prinzipien, seine Freunde, seine Familie. Sein Glaube an das Gute wird an seine Grenzen gebracht.

Hoffnung in einer düsteren Welt

Das große Gute ist fürchterlich, erörtert Ikkonikow (Elsie de Brauw) zu Beginn der Inszenierung. Aber die Güte, die stille Empathie zwischen Individuen, die gibt Hoffnung. In dem wohl dunkelsten Moment der Inszenierung ist die Güte das, was den Glauben an die Menschheit nicht erlöschen lässt. Carla Richardsen spielt auf der Bühne zwei Personen gleichzeitig: die jüdische Ärztin Sofja Ossipowna Lewinton und den jüdischen Waisenjungen David – beide auf dem Weg in ein deutsches Vernichtungslager. Anstelle von David steht Elsie de Brauw ein paar Stufen unter ihr und klammert sich an ihre Hand. Sie lässt nicht los, bis beide in der Gaskammer ersticken.

Es ist die immense schauspielerische Leistung des Ensembles, die durch den Schrecken dieser Inszenierung trägt. Rund dreieinhalb Stunden geht das Stück am Schauspielhaus Bochum. Es ist intensiv, fordernd und lässt wenig Zeit zum Aufatmen. Nach dem Theaterteil geht es dann für Alle in das nah gelegene Anneliese-Brost Musikforum. Hier spielen die Bochumer Symphoniker unter der Leitung von Tung-Chieh Chuang Schostakowitschs zehnte Sinfonie. Obwohl das Werk in nicht weniger düsteren Zeiten entstanden ist als Grossmans „Leben und Schicksal“ gelingt es mit der wirklich großartigen Leistung des Orchesters doch, die Anspannung des Nachmittags ein wenig loszulassen.