Mann, Mann, Mann

nach Per Olov Enquist: „Kammerspiele #1 Eifersucht | Die Nacht der Lesben“

Theater:Schauspiel Köln, Premiere:18.12.2025 (UA)Vorlage:„Die Nacht der Tribaden”Autor(in) der Vorlage:Per Olov EnquistRegie:Markus Öhrn

Am Schauspiel Köln beginnt Markus Öhrns exklusiv für das Haus produzierte sechsteilige Reihe „Kammerspiele“ mit der ersten Episode „#1 Eifersucht | Die Nacht der Lesben“ nach Per Olov Enquists „Die Nacht der Tribaden“. Die überspitzte Darstellung von Misogynie führt zur Sinnesüberreizung.

Dieses Theater wird zur quälenden, körperlichen Erfahrung: gleißend weißes Licht, durch Masken verzerrte Stimmen und eine nagende Langsamkeit in Sprache und Handlung. Exklusiv für das Schauspiel Köln produziert der schwedische Künstler Markus Öhrn die Reihe „Kammerspiele“. Sie enthält sechs Episoden in fünf Spielzeiten und alle widmen sich nordischen Dramen.

Die erste, „Kammerspiele #1 Eifersucht | Die Nacht der Lesben“, bezieht sich auf Per Olov Enquists „Die Nacht der Tribaden“, einem Drama über eine Lebensepisode des schwedischen Theatermachers August Strindberg. Die Handlung ist ein Stück im Stück. In der Inszenierung besucht der Dramatiker August Strindberg (Elias Eilinghoff) die Probe seines Stücks „Die Stärkere“ am Dagmar-Theater in Kopenhagen. Die Rollen darin werden von seiner Ex-Frau, Siri von Essen, und ihrer Freundin und Geliebten Marie Caroline David gespielt. „Die Stärkere“ handelt, obwohl gespielt von diesen zwei Frauen, von einem männlichen Protagonisten, einem abwesenden Mann, der immer im Mittelpunkt steht, um den sich die beiden Frauen streiten. Schon das wirkt wie die in einem Drama verschriftlichte Bezugnahme auf den Bechdel-Test, der die Darstellung und Repräsentation von Frauen im Film bewertet: Bestanden wird er, wenn 1. mindestens zwei Frauen mit Namen vorkommen, 2. diese miteinander sprechen und 3. sie nicht über einen Mann sprechen.

Gedehnte Überzeichnung

Frauenfeindlichkeit ist also das zentrale Thema. Verantwortlich für Strindbergs Misogynie im realen Leben war wohl die Ehe-Krise mit Siri von Essen. Öhrn zeigt ihn als leidenden mann, der sich nicht verstanden fühlt und gesehen werden möchte, an dem die Eifersucht auf Marie Caroline David nagt.

eine Schauspielerin mit Maske, blutverschmiert, dahinter an der Wand ebenfalls mit Kunstblut der Schriftzug „Die Stärkere“

Rebekka Biener als Marie Caroline David. Foto: Marcel Urlaub

Das sind soweit keine verkehrten Themen, die Aktualität geschlechtlicher Themen auf der Bühne ist offensichtlich. Öhrn widmet sich ihnen mit gedehnter Überzeichnung in Ästhetik und Spiel. Rebekka Biener als David und Bettina Lieder als von Essen sitzen mit E-Zigaretten auf der Couch, am Tisch schüttet sich David mit glucksenden Schluckgeräuschen ein Bier nach dem anderen in den Maskenmund, es gibt natürlich einen Penisvergleich. Jede Szene, jeder Dialog findet unglaublich wahnsinnig, das und die Masken sind es, die dem Ganzen Absurdität verleihen. Vom Ensemble sehen die Zuschauer:innen keinen Zipfel empathie-fördernder Mimik. Aufgerissene Augen und rote Lippen sollen eine Art wortloses Staunen vor offensichtlich plumper Frauenfeindlichkeit darstellen.

Nervenzerreibend

Die einprägsame Bühne (Öhrn) zeigt ein artsy Zimmer mit Couch, Klavier, Pflanzen, Kölsch und Theaterrequisiten, in dem die Unsicherheit des Kreativ-Genies Strindberg entlarvt wird. Ein plakatives Künstler:innen-Ambiente zur Zurschaustellung eines verletzten Egos? Ebenso artsy sind die Kostüme (Eleonore Carrière), Strindberg kommt im Pelzmantel und mit Zylinder, und zugleich werden die Stimmen des Quartetts – zu Strindberg stößt mit der Rolle Viggo Schiwe (Andreas Grötzinger) noch ein zweiter Mann – nervenreibend verzerrt und über Lautsprecher abgespielt. Dazu werden auch noch die Innenwände des Bühnenkastens und Raumspektakels blenden weiß ausgeleuchtet. Das alles ist, vor allem auch durch die Länge von knapp drei Stunden und extrem langsamem Sprechen, Bewegen und Handeln, eine Überreizung gleich mehrere Sinne.

Die Überzeichnung ist ein wirkungsvoller Effekt, vor allem durch die zehrende Länge. Immer wieder sorgt diese skurril konstruierte Komik für Lacher im Publikum, doch lässt der Abend angestrengt zurück. Es ist ein Stück von einem Mann, der über männliche Verletzlichkeit schreibt, inszeniert von einem Mann, mit einem Mann, der, obwohl abwesend trotzdem die Hauptrolle hat. Auf „Lesbe/Tribade“ im Titel wird nicht weiter eingegangen, außer dass die sexuelle Praktik einer Frau zu einer anderen Grund für die Eifersucht Strindbergs ist. Und dass am Ende à la American Psycho dem Eifersüchtigen mit der Motorsäge der Kopf abgesäbelt wird und ganz viel Blut fließt, setzt auf die Überzeichnung nochmal eins oben auf. Dem schlecht gealterten Stück die Frauenfeindlichkeit ausgetrieben hat die Inszenierung nicht.