Distanz schafft Nähe
Foto: Szene aus Stefano Giannettis Choreografie „Toccata 20“, die nicht im Anhaltischen Theater Dessau selbst, sondern im neuen Bauhaus Museum entstand. © Claudia Heysel Text:Andreas Berger, am 14. Januar 2021
Wie Gregor Zöllig am Staatstheater Braunschweig und Stefano Giannetti am Anhaltischen Theater Dessau mit ihren Tanzinstallationen Künstler und Publikum zusammenbringen.
Tanzen im Sechs-Meter-Abstand, Berührungen nur für Wohngemeinschaften – aber die Tanzwelt bewegt sich doch. Selbst John Neumeier lässt sich auf die neuen Bedingungen ein, zelebrierte unter dem traditionellen „Ghost Light“ der nächtlich ungenutzten Bühne eine anrührende Geisterstunde, in der Figuren seiner Ballette und junge Talente ihre Lizenz zum Tanzen nutzten. Andere Choreografen errichteten Plexiglaswände oder setzten aufs Solo. Spannende Ausgriffe wagte man in Braunschweig und Dessau.
„Wenn wegen der Corona-Schutzmaßnahmen so viel nicht erlaubt ist, suchen wir doch einfach mal, was dadurch möglich wird“, haben sich Braunschweigs Tanzchef Gregor Zöllig und seine Dramaturgin Ira Goldbecher gedacht und mit Ausstatterin Sabine Mader einen Parcours durchs ganze Staatstheater entworfen, wie er unter Abonnement-Normalbedingungen nicht stattfinden könnte. Weil zuletzt wegen des Sicherheitsabstands sowieso viel weniger Zuschauer im Theater erlaubt waren, war es möglich, statt des Frontaltheaters auf der Bühne, wo jetzt eh höchstens sechs Tänzer gleichzeitig tanzen dürfen, eine Performance mit vielen kleinen Stationen zu bauen, wo die Tänzer allein oder zu zweit nur zehn Zuschauern begegnen. Dafür gibt es dann zehn Gruppen, die zeitversetzt durchs Haus geführt werden.
Station für Station
Das Stück „Die Zeit ist reif. Ein Manifest für die Gemeinschaft“ will Station für Station bestimmte Fragen des sozialen Zusammenlebens, auch und gerade unter Corona-Bedingungen, ausloten. „Es geht uns immer um die Frage, wie sehr man sich als Gruppe empfindet, ob Ausgrenzung dafür nötig ist und wie man leben möchte“, sagt Zöllig. Der Perspektivwechsel – mal überblickt der Zuschauer die Situation, mal ist er ihr liegend ausgeliefert – solle das Nachdenken anregen. Und so sitzen die Zuschauer diesmal zum Beispiel auf der Bühne, die Tänzer turnen durch und über die Zuschauerreihen. Sie fliehen und weichen aus, winken wie Vermisste und atmen wie Ertrinkende. Als unsere Zehnergruppe am Ende des Parcours oben im dritten Rang den Raum quert, fällt der Blick wieder auf das Sesselmeer und den nun erst sichtbaren Schriftzug „Solidarität schafft Gemeinschaft schafft Solidarität“ zwischen den Reihen. Die Tänzer halten sich gerade an Seilen gegenseitig im Gleichgewicht. Der Perspektivwechsel ist aufschlussreich.
Die Zitate, die jeder der zehn Stationen überschrieben sind, klingen zuweilen etwas grundsätzlich groß, um sie in Zusammenhang zu bringen mit dem tänzerischen Geschehen. Die nötige Diskussion darüber ist uns leider auch mit Mundschutz nicht erlaubt. So bleibt auch das Frage-und-Antwort-Spiel in den Katakomben unter der Bühne, quasi am Fundament der kulturellen Schöpfungsgemeinschaft, etwas harmlos. Auf vorgegebenen Plaketten muss man sich je nach Antwort platzieren. Was aber gar nichts auslöst, keinen Applaus, kein Donnerwetter.

Szene aus Gregor Zölligs choreografischem Parcours „Die Zeit ist reif – Ein Manifest für die Gesellschaft“ am Staatstheater Braunschweig. Foto: Bettina Stöß
Dafür sind die Stationen mit den Tänzern teils richtig spektakulär. Im Probenraum der Compagnie schlüpfen wir in irgendwelche Schuhe, plötzlich wird der Spiegel durchsichtig, ein Tänzer ist zu sehen, der mit der Hand zärtlich über sein Gesicht streicht, intime Einblicke, auf- und abgeblendet und dann im Spiegel wieder auf den Betrachter reflektiert.
Gedankenarbeit
Auch in der Glaskuppel auf der Bühne ist ein Tänzer ganz allein. Wie in einer Schneekugel baut er aus Säcken, die mit tropischen Motiven bedruckt sind, Landschaften, wobei ihn die Last der Säcke manchmal umreißt und eine träge Ziehkraft entwickelt. Der Mensch ist allein in seinen Ideen und allein in seiner Endlichkeit. Während die Zuschauer bequem unter einer aufgehängten Plane Platz nehmen, zeichnet sich in dieser der Körper einer Tänzerin ab, als sei sie nur noch ein Schemen, die Essenz ihres früheren Seins. Die von der Decke hängende Plane hat gar nichts Bedrohliches, man liegt dort wie in einer jenseitigen Entspanntheit. Aber nein, aufstehen, Treppe hoch, im Spohr-Saal entfaltet Bettina Bölkow im Goldlamé-Kleid ihr raumgreifendes Ego und scheucht in einem fahrbaren Glasschrein die Zuschauer an den Rand. „Sieh von dir selber ab!“
Mögen wir solche Selbstdarsteller nicht, weil sie uns unsere eigene Show zerstören? Auch die These „Ausgrenzung stärkt die Gemeinschaft“ wird strenger Prüfung unterzogen: Die Tänzer huschen unter Sicherheitsglas herum, während wir darübergehend sie quasi mit Füßen treten. Faszinierend, wie sie, schnellenden Fischen gleich, im Liegen an Fahrt gewinnen, dann intensiv Augenkontakt suchen: Wirst du zutreten? Ausgrenzung fällt theoretisch leichter als von Angesicht zu Angesicht. Der Parcours ist anregend und wird von den Tänzern gut ausgeführt. Emotion freilich, sonst wichtiger Wirkstoff von Zölligs Arbeiten, weicht hier der Gedankenarbeit.
Teil des Geschehens
Während man sich in Braunschweig mit dem Tanz richtig breitmacht im Großen Haus, sind die Tänzer des Anhaltischen Theaters Dessau ausgezogen. Nämlich rüber ins neue Bauhaus Museum, wo in diesem Jahr sowieso die Appia Stage aufgebaut ist, eine baukastenartige Podienbühne. Sie folgt den Ideen des Schweizer Szenografen Adolphe Appia, der, angeregt von den genresprengenden Bühnenvisionen Richard Wagners, variable Räume ohne naturalistische Gestaltung entwarf, die den Rhythmus von Musik und Bewegung zur Geltung bringen sollten. Mit Émile Jaques-Dalcroze als Begründer rhythmischer Gymnastik verwirklichte er diese Ideen ab 1910 im Festspielhaus Hellerau.
Performancenah ist hierbei der Ansatz, das Publikum zwischen den Podien zu platzieren und so zum Teil des Geschehens zu machen. Ballettdirektor Stefano Giannetti nutzt vier herausgehobene Podien, auf denen jeweils nur ein Tänzer im Einsatz ist. Körperliche Berührung wird es hier jedenfalls nicht geben. Dabei heißt sein Abend doch „Toccata“ – von Italienisch „toccare“ für „berühren, schlagen“. „Das Thema wollte ich sowieso machen, Corona hat die Bedingungen nur noch mal verschärft“, erklärt Giannetti.
Dass Dessaus Theater und das Bauhaus auf der Appia Stage ohnehin zusammenarbeiten wollten, gab ihm willkommene Gelegenheit, sein Stück hier einzurichten. Auf die quasi choreografischen Ideen Appias habe er sich aber nicht bezogen: „Appia hat der Kunst neue Räume geöffnet, und das wollen wir jetzt mit unserer Kunst auch tun, eine weitere Verbindung gibt es nicht.“ Und doch scheint die Raumkonstellation, wovon sich viele Zuschauer (so auch der Autor dieser Zeilen) wegen des zweiten Lockdowns am Video überzeugen müssen, geradezu ideal für die sehr pure, schlackenlose Bewegungssprache Giannettis. Und die Livemusik der Bläser und Perkussionisten im Raum gibt der Kunst „Anschlag“ – von der festlichen „Toccata“ Monteverdis über Bach bis, Appia zum Gruße, Wagner, dessen Gralsklänge hier nicht sphärisch wirken, sondern in Bläserübersetzung für harte Verletzung stehen.
Rhythmische Beziehungsgeflechte
Ein besonders starker Einfall des Abends ist, dass sich jeder Tänzer zunächst solistisch zu seiner Melodie entfaltet, nachher alle Melodien gleichzeitig, unharmonisiert wiederkehren, genau wie die Tänzer nun gleichzeitig ihre Erzählung wiederholen: Berührung ist hier nicht Verschmelzung, sondern erst mal die Begegnung des je Eigenen mit dem Anderen.
Im zweiten Teil sind die Bewegungen der Tänzer über den Raum und die Zuschauer hinweg aufeinander bezogen. Erst die beiden Tänzer, dann die beiden Tänzerinnen handeln oft spiegelbildlich parallel, schwingen aufeinander zu, zerfließen dann wieder aus dieser sehnsuchtsvollen Balance auf den Boden in ihre schützende Selbstverwicklung. Die Synchronitäten können nun auch über Kreuz laufen, oder gleiche Bewegungen werden zeitversetzt ringsum gereicht. So entstehen rhythmische Beziehungsgeflechte im Raum, ohne dass die Tänzer ihr Solopodest verlassen. Lockere Sprünge, Streckungen, Drehungen, Headbanging sind das weite Bewegungsrepertoire für diese raumgreifende Choreografie der Idee von Berührung – und dafür braucht es Berührung nicht.
Ob in Braunschweig oder in Dessau sind die Zuschauer durch die neue Raumsituation den Tänzern sogar näher als in traditionellen Aufführungen – und wahren doch den Corona-Abstand. Das ist schon eine ganz schöne Kunst!
Dieser Artikel ist erschienen in Heft Nr.1/2021