Foto: „Moskitos“ von Lucy Kirkwood am Badischen Staatstheater Karlsruhe mit Jeanne-Marie Bertram, Nico Herzig, Lisa Schlegel. © Felix Grünschloß
Text:Elisa Freede, am 18. April 2026
Auf Kollisionskurs: „Moskitos“ von Lucy Kirkwood kristallisiert Quantenphysik in familiären Alltagsdramen. Die Inszenierung von Anna Stiepani am Badischen Staatstheater Karlsruhe verhandelt dabei mit Skurrilität viele Themen gleichzeitig.
Alice (Lisa Schlegel) arbeitet als experimentelle Teilchenphysikerin in Genf. Sie widmet ihre Karriere dem Bau eines Teilchenbeschleunigers, der die Existenz des Higgs-Bosons beweist und somit erklärt, woher elementare Teilchen ihre Masse erhalten. Ihr Sohn Luke (Nico Herzig) möchte zurück in ihre gemeinsame Heimat England ziehen, und ihre Schwester Jenny (Frida Österberg) ist erschüttert über den Tod ihrer Tochter, für den sie durch ihre Impfskepsis Mitverantwortung trägt. Dazwischen: das Higgs-Boson (Jeanne-Marie Bertram) im lila Ganzkörperanzug als allwissende Erzählerin, die nicht nur dem Universum, sondern auch dem Stück seine Masse verleiht. Kirkwood verbindet eine Familiengeschichte mit Quantenphysik und verhandelt dabei sowohl die Dramen des Alltags als auch die ganz großen Fragen: Wer ist zu schwach? Was wissen wir wirklich? Und wie wird die Welt wohl untergehen?
Auf Thurid Peines Drehbühne werden bunte Fensterwaben von hinten durchleuchtet – mal weich und fast sakral, mal als Simulation einer Protonenkollision. Planeten, Rauch, ein Bärtierchen im Stroboskop: Die Bühne wechselt zwischen Reduktion und Überladung und verstärkt so die Handlung. Zwischen den Fensterwaben tritt das Boson in den Raum der Menschen: mal als Erzählerin, mal in anderen Rollen – mit starkem Ausdruck und voller Skurrilität.
Mensch oder Moskito?
Immer wieder ist das Summen der Moskitos zu hören. Alices Partner Henri (Gunnar Schmidt) erforscht diese und will sie ausrotten. Ihre Schwester Jenny hält dagegen, meint die Erde sei ohnehin überbevölkert: „Was ist mit dem armen Moskito?“. Das ethische Dilemma liegt auf der Hand: Was ist mehr wert? Ein Menschenleben oder das eines Moskitos? Der Titel wirft die Frage auf, welche Rolle der Mensch im Ökosystem spielt und ob er selbst zur Plage geworden ist. Das Surren der Moskitos kehrt wieder, wenn Jenny sich mit einer Überdosis das Leben nehmen will oder wenn Luke von seiner Freundin Natalie (Sophie von Grudzinski) erfährt, dass seine Mutter mit ihrem Experiment womöglich ein Schwarzes Loch erzeugt – es ist das Geräusch des Auslöschens.

„Moskitos“ von Lucy Kirkwood am Badischen Staatstheater Karlsruhe mit Jeanne-Marie Bertram als das Higgs-Boson. Foto: Felix Grünschloß
Kirkwood hinterfragt im Stück, was familiäre Liebe eigentlich bedeutet: „Du bist eine gestörte Vollidiotin“, sagt Alice zu Jenny. Und fliegt trotzdem nach England, als ihre Schwester das Gespräch sucht. Genauso bleibt Jenny bei Alice, als deren Sohn Luke verschwindet. Ist Familie Abhängigkeit, Rivalität, Verantwortung – vielleicht alles gleichzeitig? Das Stück stellt die rohe, widersprüchliche Bindung zwischen Menschen heraus, die sich nicht selbst gewählt haben.
Zu viel auf einmal?
„Moskitos“ kratzt wahnsinnig viele Nebenthemen an, darunter Lukes Mobbing-Erfahrungen, das Verschwinden seines Vaters oder das gesellschaftliche Übergehen der Großmutter. Nichts davon wird aufgelöst. Ob das gewollt ist? Wahrscheinlich schon. Chaos scheint kein Inszenierungsfehler zu sein, sondern die Aussage des Stücks. Denn aus dem Chaos ist laut Kirkwoods Drehbuch alles entstanden, und so entsteht am Ende des Stücks auch neues Leben: Jenny trägt, trotz Alkohol, Tabletten und Zigaretten in der Schwangerschaft, ein gesundes Kind aus.
Sie zeigt damit: Herkunft entscheidet nicht über Schicksal, Charakter oder Überleben eines Menschen. Jedes Leben trägt zugleich sein Ende in sich. Ob das Trost oder Schrecken ist? Das entscheidet jede:r für sich. Das Kleine Haus verlässt man schließlich mit dem Gefühl, kurz am Rand von etwas Riesigem gestanden zu haben.