Das Ensemble steht in der Mitte der Bühne hinter einem Redner:innenpult. Im Hintergrund hängt ein Zeitstrahl.

Die leere Zeit der Postdramatik

Helgard Haug: Die Zeitmaschine

Theater:Staatstheater Cottbus, Premiere:21.03.2026Vorlage:Die ZeitmaschineAutor(in) der Vorlage:Herbert George WellsRegie:Helgard HaugKomponist(in):Barbara Morgenstern

Helgard Haug von Rimini Protokoll inszeniert am Staatstheater Cottbus „Die Zeitmaschine“. Nach Motiven des gleichnamigen Science-Fiction-Romans von Herbert George Wells stellt das Stück Themen wie KI, Digitalisierung und Angst um Demokratie zur Debatte.

Einst vermochte Herbert George Wells mit seinem „Krieg der Welten“ sein Publikum in Panik zu versetzen. Heute, mehr als hundert Jahre später, nimmt man seine Science-Fiction-Versuchsanordnungen gelassener. Und spätestens seit Steven Spielbergs „Indiana Jones“ gehören auch Zeitreisen zur Massenkultur. Kann man von der Gegenwart aus in die Vergangenheit oder Zukunft reisen? Ist die ablaufende Zeit umkehrbar, zu beschleunigen oder zu verlangsamen? Das alles sind brisante philosophische Fragen. Und wer kennt nicht den „erfüllten Augenblick“, in dem die Zeit stillsteht?

Helgard Haug von Rimini Protokoll hat für das Staatstheater Cottbus „Die Zeitmaschine“ nach Motiven von H. G. Wells‘ „Die Zeitmaschine“ auf die Bühne gebracht. Wells‘ Erzählung von 1895 behandelt eine „höchst nebulöse Sache“. Nun wird der Text auf der Bühne in Ausschnitten gelesen. Braucht ein Zeitreisender überhaupt eine Maschine?

Die postdramatische Theaterauffassung von Rimini Protokoll war in ihren Anfängen vor einem Vierteljahrhundert ein ernsthafter Störfall des Theaterbetriebs. Heute ist sie zur Marke avanciert, die ihre Anhänger hat (die zahlreich nach Cottbus gereist sind), ebenso wie ihre Verächter. Postdramatik meint, eine Fabel auf ihre größtmögliche Alltäglichkeit herunterbrechen zu müssen, jedes Ereignis zu einer Behauptung von Ereignis zu degradieren. Darum die vielen Privatissima der Schauspieler (vier sind es: Susann Thiede, Lucie Luise Thiede, Torben Appel und Markus Paul), samt einem achtzehnköpfigen „Projektchor“ unter der Leitung von Ilja Panzer.

Debatte auf der Bühne

Die Bedeutsamkeit des Zeit-Themas wird kontrastiert von einer postmodernen Harmlosigkeitsdramaturgie, die man hier „Debattierclub“ nennt und die etwas von der unkonzentrierten Talkshow-Geschwätzigkeit des Fernsehens auf die Bühne holt – in kritischer Absicht? Ist der gewollte Verzicht auf ureigenste theatralische Mittel nun subversiv oder inzwischen längst antiquiert? Die Bühne von Marc Jungreithmeier wird dominiert von einem großen Bildschirm, auf dem Radrennen gezeigt werden. Die Fahrer rasen immer im Kreis und illustrieren den Satz: „Ich verfahre mich in der Zeit.“ Das hätte ein Ansatzpunkt sein können, aber dieser wird immer nur angetippt und dann sofort fallengelassen – der „Zeitreisende“ bleibt so eine Behauptung.

Die vier Bühnenakteure haben eher die Funktion von vorsätzlich infantilen Fragestellern, getreu dem Sesamstraßen-Motto: Wer nicht fragt, bleibt dumm. Aber auch die Fragen werden nicht nachdrücklich gestellt, zeigen keine innere Notwendigkeit, sondern bleiben bloße verbale Tändelei.

Antworten müssen dann, auch das ist bei Rimini Protokoll nicht neu, herbeizitierte Experten. Acht sind es hier, von denen fünf einen Professorentitel tragen. Was sie zum Thema digitale Welten, KI und Zukunftsangst zu sagen haben, scheint nicht uninteressant, nur kommt jeder höchstens für zwei oder drei Minuten zu Wort. Projiziert werden die KI-animierten Köpfe auf kleine Bildschirme, die auf Rollen stehen und von den Akteuren aufs Stichwort nach vorn geschoben werden.

Auf der Bühne stehen unterschiedliche Expert:innen mit übergroßen Bildschirmen als Gesichter. Sie können zum Sprechen nach vorne gezogen werden. In der Mitte steht vorne ein Redner:innenpult.

Mobile Expert:innen. Foto: Bernd Schönberger

Abgehackte Statements, die vorbeiflackern, als säßen wir hier zu Hause vorm Fernseher. Die Möglichkeit, Widersprüchliches der verschiedenen Positionen in eine Dramatik des Spiels zu übertragen, wird ignoriert. Ein Monolog folgt auf den anderen, lauter Monaden, die keinen Kontakt untereinander wollen.

Angst um die Zukunft

Dr. Florence Gaub etwa, vom NATO-Verteidigungskolleg in Rom, bestens bekannt aus gängigen Talkshow-Formaten, meint, Demokratie gehe immer mit Zukunftsangst einher, denn sichere Glücksversprechen gebe es hier nicht: „Alles, was wir versprechen können, ist aber: Du kannst sie beeinflussen.“ Gemeint ist die Zukunft. Aber wer ist hier „wir“? Und wieso soll Demokratie überhaupt mit Zukunftsangst einhergehen, wo doch eher die Zerstörung von Demokratie Angst macht, ihre Schwäche angesichts von übermächtigen Kapitalinteressen? Und dass der Einzelne die Zukunft beeinflussen könne, daran zweifeln gerade immer mehr Menschen. Ihre Ohnmacht ist es, die ihnen Angst macht, nicht die sie überfordernde Freiheit, wie hier suggeriert wird.

Allein aus drei Sätzen von Dr. Florence Gaub, die zu Widerspruch reizen, hätte man einen atmosphärisch dichten und intelligenten Theaterabend machen können, der die Frage nach dem Wohin von gesellschaftlicher Entwicklung stellt. Aber das passiert hier nicht. Stattdessen immer wieder Leerlauf, unzusammenhängende Selbstbespiegelungen, die keine eigene ästhetische Form suchen, und folglich auch keine verwandelnde Atmosphäre erzeugen, die den Theaterraum erst erschafft. Stattdessen muss der ausdrucksstarke „Projektchor“ mit choralartigen Klängen die Handlungsleere der Bühne füllen.

Doch die Dramatik der Musik kann die Abwesenheit von Dramatik im Spiel bestenfalls kaschieren, die Zeit erscheint leer. Wo der Zeitreisende geblieben ist? Irgendwo in seinem Karton, in den man ihn steckte, verschickt mit der Post, die ihn dann beim Empfänger offensichtlich anzuliefern vergaß.