„Die große Stille“ von Christopher Rüping nach Wolfgang Amadeus Mozart an der Staatsoper Hamburg. Bühnentechniker heben Bühnenbodenplatten weg. Darunter sieht man das Orchester spielen. Im Hintergrund auf der Bühne eine Sängerin in der Mitte und recht und links der Chor.

Ach, du dickes Ei!

Christopher Rüping nach Wolfgang Amadeus Mozart : Die große Stille

Theater:Staatsoper Hamburg, Premiere:15.03.2026 (UA)Regie:Christopher RüpingMusikalische Leitung:Omer Meir WellberKomponist(in):Wolfgang Amadeus Mozart

Die Uraufführung „Die große Stille“ von Christopher Rüping schießt an der Staatsoper Hamburg unbekanntere Werke Mozarts zu den Sternen. Nach der Auslöschung der Erde entdeckt man dort Mozarts Kompositionen neu – eine vielversprechende Idee etwas ratlos umgesetzt und auch musikalisch bleibt der Abend hinter seinen Möglichkeiten.

Die sternenfunkelnde Weite des Weltalls – hier scheint sie durch eine auf einen Holzrahmen aufgespannte Plastikplane. Davor: Pflanzenkübel, gerahmte Gemälde und Tierpräparate, der überdimensionale Fuß einer Statue. Die Bühne (Jonathan Mertz) zeigt die Überbleibsel der menschlichen Zivilisation. Dazu gehört auch die Besatzung dieses Raumschiffs, mit dem die letzten Exemplare der Spezies Mensch nach Auslöschung der Erde ziellos durchs Universum irren. Dieses Setting haben Regisseur Christopher Rüping, Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber und Dramaturg Malte Ubenauf entworfen, um an der Staatsoper Hamburg Mozarts Musik durch die Ohren einer zukünftigen Generation zu hören, die sie nur noch als rudimentäre, ihrer ursprünglichen Lebenswelt entrissene Überlieferung kennt.

Mit Impulsvorträgen durchs All

So ratlos wie die unfreiwilligen Weltraumbummler beim anfänglichen Mozart-Karaoke den Werken des Komponisten begegnen, scheinen allerdings auch die Stückentwickler vor ihrer eigenen, eigentlich vielversprechenden Idee zu stehen.

Zunächst arbeiten sich einige der sechs Sängerinnen und Sänger mikrofonverstärkt an den vom Bildschirm vorgegebenen Liedern ab – von Wellber am E-Piano begleitet –, während der Chor jeden neu vorüberziehenden glühenden Fixstern mit Mozarts Sonnenhymnus „Dir, Seele des Weltalls“ begrüßt. Danach hält Schauspieler Damian Rebgetz in der Rolle des Hyacinthus – Sohn jener Familie, die das Herzstück der Besatzung bildet – anhand der vorliegenden zivilisatorischen Relikte Impulsvorträge über Wetterlagen, Bananen, Fische und künstlerische Darstellungen von Hand und Fuß. Bemüht witzig wirkt dabei nicht nur der subtile Hinweis auf die entsprechende Redewendung.

„Die große Stille“ von Christopher Rüping nach Wolfgang Amadeus Mozart an der Staatsoper Hamburg mit Ana Durlovski und Gregory Kunde. In einem Metallgestell steht ein mit Stoff umhüllter Gegenstand, der wie ein Ei aussieht. Eine mit bunten Stoffen behangene Frau sieht an einem Seil, das mit dem Gestell verbunden ist.

„Die große Stille“ von Christopher Rüping nach Wolfgang Amadeus Mozart an der Staatsoper Hamburg mit Ana Durlovski und Gregory Kunde. Foto: Tanja Dorendorf

Auch musikalisch bleibt der Abend hinter seinen Möglichkeiten zurück: Der Wechsel zwischen mikrofoniertem und freiem Gesang ist akustisch problematisch, die Fragmentierungen und Repetitionen des Mozartmaterials ermüden, die Bearbeitungen der Originalwerke bleiben oft blass. Doch es gibt auch Lichtblicke, etwa wenn die sechs Bläserinnen und Bläser des „Bordorchesters“ sich unter die Singenden mischen und wenn in der zweiten Hälfte des zweistündigen Abends der Orchestergraben geöffnet wird, das instrumentale Klangspektrum sich weitet und mit Arien und Rezitativen aus Mozarts Frühwerk „Apollo und Hyacinthus“ nun – warum auch immer – eine quasi klassische Bühnenhandlung mit Eifersucht und Mord einsetzt.

Gesangliche Entdeckungen

Jetzt kann Hubert Kowalczyk, der als Großvater Telon nur mit dem Elektromobil unterwegs ist, mit gut geerdetem Bass die Kraftlosigkeit seiner Figur Lügen strafen, während Gregory Kunde als Vater Oebalus tenoral weniger wendig unterwegs ist. Mezzosopranistin Kayleigh Decker überzeugt in ihrer Hosenrolle als eifersüchtiger Zephyrus. Eine wahre Entdeckung ist die junge Berliner Sopranistin Marie Maidowski aus dem Opernstudio der Staatsoper Hamburg, die ihre fein gedrechselten Koloraturen mit einer weithin strahlenden Patina überzieht.

Überraschend betritt die ebenfalls stimmlich betörende Sopranistin Ana Durlovski als rätselhafte Aliena die schwebende Arche Noah. Sie bittet zunächst um Asyl, wird dann als Göttin verehrt und zieht zum Schluss ein riesengroßes Ei auf die inzwischen leergeräumte Bühne.

Regieeinfälle und Versatzstücke aus zumeist unbekannteren Werken des Wiener Klassikers prallen an diesem Abend scheinbar beliebig aufeinander. Im Andrang vieler kleiner, richtungsloser Gedanken sucht man den großen verbindenden dahinter vergeblich. „Lost im Kosmos Mozart“ wäre vielleicht der passendere Titel gewesen.