Links steht eine dunkel vermumte Person in weiter Kleidung und wendet sich einer weiteren Tänzer:in zu, die Sand aufwirbelt.

Im Sande verweht

Jessica Nupen: Reparation Nation

Theater:Tanzplattform Deutschland, Premiere:13.03.2026Regie:Jessica Nupen

„Reparation Nation“ der Choreographin Jessica Nupen bei der diesjährigen Tanzplattform Deutschland in Dresden schaufelt zu den deutsch-afrikanischen Beziehungen früher und heute einen Berg von Themen auf. Durch das Überladen, das vielleicht vom Überladen handeln sollte, blieb zu viel an der Oberfläche.

Die Tanzplattform Deutschland, diesmal in Dresden, hatte unter den eingeladenen 13 freien immerhin vier größere Produktionen im Programm. Zwei davon durften in den großen Saal im Festspielhaus Hellerau, dem Ausrichter der Plattform. Eines war „Reparation Nation“ von Jessica Nupen, das im Herbst 2024 Premiere auf Kampnagel hatte. Nupen, in Südafrika geboren, lebt seit langem in Hamburg. Leider versackte das Stück unter seinem hohen Anspruch.

In dem wohlproportionierten Saal macht sich ein großer Kreis auf der Bühne besonders gut. Schwarzer Boden, der gehäufelte Ring ist aus grobkörnigem Sand, gelbe Kornfarbe. Was umschließt er? Als berge die Schwärze eine Tiefe, Gefahr oder Versprechen. Eine Magie von Schönheit; im Kontext von Tanz erinnert man sich an „Songs of the Wanderers“ von Lin Hwai-min und seiner Cloud Gate Dance Company in Taiwan. Dort wurden in eine Menge Reis geduldig Kreise gefurcht, rund um, rund um, rund.

Aus dem Kreis hier entstand wenig Kunst. Er wurde zertreten, verschliffen mit jedem Schritt. Ein Zeichen für Achtlosigkeit? Seine Hüterin tätschelte den Ring zu Beginn, richtete Höhen, glich Täler aus. Später schob sie mit einem Besen Körner vor sich her, machte Stellen frei, bedeckte andere. Dem Verwischen, Vergessen, Verwuseln hielt sie nichts entgegen. Ob es dabei um Spuren ging, die sich treten und kehren lassen, blieb als Thema unklar. Am Ende wurde ein Kästchen zeremoniell langsam im Sand beerdigt. Und zwei Tänzer berührten bei einer wiederholten Kurzchoreographie mit den Fingern den Sand und den Himmel, runter, rauf, Körner stoben hoch.

Grüßaugust

Oupa Sibeko gab den unmoderaten Moderator, der stets zu sehr auf die Tube drückt. Seine Tirade gegen das Publikum oder die Deutschen, gegen die deutschen Kolonisatoren und deren Verbrechen, speziell Diebstähle von Kult- und Kunstobjekten, war in den platten Sprachscherz verpackt: „sorry, that“. Das „sorry“ als ironische Floskel.

In „Reparation Nation“ geht es um die Restitution, Reparationen, auch ums Reparieren, irgendwie Heilwerden. Holzskulpturen werden auf ein Fischernetz gelegt. Zwei Tänzer schleichen hin, mit Taschenlampen, und tragen einige davon. Der klägliche Rest wird weggeschleift. Riesig groß erscheinen afrikanische Masken und Skulpturen in den Videos, die auf die Bühnenwände projiziert werden. Vielerlei Gesichter mit überzeitlicher Ruhe in den Holzblicken. Danach geht der Film in Depots: Metallregale, Objekte, Schildchen. Wird didaktisch. Eine Stimme liest Kategorisierungen vor.

Später zeigt der Film Sibeko an Orten in Hamburg, und, aktualisiert, in Dresden. Er spricht von den Gründern der Zoos, die früher auch Menschen ausstellten, und findet das Mahnmal für Jorge João Gomondai, den Rassisten in Dresden 1991 ermordeten. Von den Masken zum verbrecherischen Umgang von Europäer:innen mit Afrikaner:innen, als beschwöre er alle bösen Geister (der Realität).

Überzuckern

Als Retourkutsche lässt Oupa Sibeko, nun in Wurstpellen-Lederhosenimitat gekleidet, Schwarzwälder Kirschtorte von der Bühne aus ins Publikum verteilen. Ein Scherz mit „schwarz“? Symbol für Gier oder Mehrschichtigkeit, kulturelle Aneignung? Doch wird die Video-Welt an den Wänden immer schöner, paradiesisch, Naturaufnahmen mit Sandstrand, Pferd, Bäumen und Blättern in Violett, farbverwandelt. Das kann Kunst.

Dann klingen die Trompetentöne der Musikerin Sasha Perera nicht mehr wie Elefantentröten, singt Sopranistin Caroline Nkwe Lieder auf Xhosa und Zulu und Arien, und die fünf Tänzerinnen und Tänzer setzen ihre Tänze auf den Sand: Das sind die herzroten Kirschen des Guten auf der Misere. Leider tanztheatermäßig plump collagiert, Szenenwechsel gleich Licht- und Klangwechsel.

Fünf Tänzer:innen stehen in einer Reihe nebeneinander. Die zweite Person von rechts springt mit freudig erhobenben Armen vom Boden hoch.

Das Ensemble von „Reparation Nation“ in bunter Kleidung. Foto: Steve Thomas

Die Tänze, erst als Fantasiegeister in Ganzkörpermasken aus Kunststoffgeflitter, danach in farbenfrohen Hosen und Oberteilen, verbinden Elemente des ruckenden Popping mit grimmigem Krump und den Armewellen des Breakdance, dazu das Knieheben, Springen, Armeheben bestimmter afrikanischer Tänze, Ausfahren von Ellenbogen, Ausholen, Schritte auf der Stelle. Ein Langmessertanzsolo. Die Tänzer:innen aus mehreren Ländern Afrikas zeigen ihre Spezialitäten und teilen einige mit den Kolleg:innen in Unisono-Duetten, -Quartetten, -Quintetten. Baidy Ba und Amadou Diop stechen hervor. Doch wirkt das Miteinander gestellt.

Jessica Nupen nennt William Kentridge ihren Mentor. Sie arbeitet auch zeitweise in dem von ihm mitgegründeten Centre for the Less Good Idea in Johannesburg. Die Teekannen in ihrem Stück sind wohl ein Gruß an ihn, ebenso die gezeichneten Papiermasken. Doch auch Plastik kommt noch ins Spiel, Schüsseln, Müll und Pappröhren. Langlöcher.

Nupen ist sich ihrer Rolle als weiße Choreographin, die mit Schwarzen Künstler:innen aus Afrika und Deutschland arbeitet, natürlich bewusst, wie aus den Selbstbeschreibungen hervorgeht. Seit 2013 choreographiert sie Stücke, meist an ihrer Herkunft orientiert. Ein anderes Werk auf der Tanzplattform, „Until the Beginnings“ von Alesandra Seutin (aus Zimbabwe, im Senegal arbeitend) und Stephanie Thiersch (Köln), Tanz plus Livemusik und Rap, praktizierte immerhin eine geteilte Autorinnenschaft. Doch auch hier schwächelten Stringenz oder Form-Entscheidungen.

Hautnah

Bei Tanzplattformen wird traditionell viel genörgelt. Ein Großteil des Publikums der biennal in wechselnden Städten ausgerichteten festivalartigen Schau sind Fachleute der Tanzszene „Zeitgenössisch“ in Deutschland und international. Das von einer Jury aus 550 gesichteten Stücken herausgefilterte Dutzend soll das Bemerkenswerte, auch Trend-Aufzeigende sein und bitteschön auf Gastspiele eingeladen werden. Auffällig war, zu Recht, das viele Lob für die zwei Stücke für junges Publikum: richtig gut gemacht und mit Humor. Auffällig war, wie oft Singen und Sprechen in Stücken den Tanz begleiteten – oder umgekehrt – und wie sehr das Publikum einbezogen wurde. Mitmachen als das alte neue Kunsterlebnis. Sich gemeint fühlen, im Miteinander aufgehen, statt in Löcher der eigenen Existenz zu schauen.

Die Tanzplattform Deutschland 2026 endet morgen, 15. März. Die nächste wird 2028 in Hannover stattfinden.