Präzise gesetzte Beziehungen

Jiří Kylián / Johan Inger: Relations

Theater:Aalto-Musiktheater Essen, Premiere:18.04.2026

Mit „Relations“ setzt das Aalto Ballett Essen unter der Doppelspitze Marek Tůma und Armen Hakobyan auf einen abgestimmten dreiteiligen Tanzabend. Zwei Choreografien von Jiří Kylián und ein Werk von Johan Inger zeigen Beziehungen als räumliche und körperliche Anordnung. Nähe, Distanz, Erinnerung und Abwehr bekommen in jedem Teil eine andere Form.

Schon Jiří Kyliáns „Forgotten Land“ gibt einen starken Auftakt. Vor einem düsteren Horizont, der wie Meer und Unwetter zugleich wirkt, steht eine glänzende, wellenartige Konstruktion quer über die Bühne. Zu Beginn ist nur ein Windgeräusch zu hören. Das gibt der Szene etwas Karges und Offenes.

Das Ensemble steht mit dem Rücken zum Publikum und blickt in die Ferne, als läge dort etwas Unerreichbares. Mit Benjamin Brittens „Sinfonia da Requiem“ wird die Szene sofort groß und dunkel. Kyliáns Bewegungssprache nimmt diesen Ton auf. Stampfende Gruppenpassagen, weite Ausfallschritte und seitlich schießende Sprünge wechseln sich mit weichen, ziehenden Pas de deux ab.

V. l. n. r.: Artem Sorochan, Anna Maria Papaiakovou, Kieren Bofinger, Mariya Tyurina, Dale Rhodes und Maria Horanski in „Forgotten Land“. Foto: Bettina Stöß

Edvard Munch in Bewegung

Das passt zu einem Stück, das 1981 für das Stuttgarter Ballett entstand, von Edvard Munchs Gemälde „Dance of Life“ und Brittens Totenmesse ohne Worte geprägt. Eine fortlaufende Handlung hat „Forgotten Land“ nicht. Das Stück zeigt Beziehungen, Nähe und Distanz in wechselnden Paaren und Gruppen.

Die Paarkonstellationen aus Munchs Gemälde übernimmt Kylián in seine Choreografie. Aus dem Ensemble lösen sich immer wieder Duos, die sich in der Haltung klar voneinander unterscheiden. In Essen meistert die Compagnie diese große Form sehr sicher. Die Figurationen sind komplex, die Übergänge zwischen Gruppenbild und Duos greifen sauber ineinander. Besonders stark ist Yuki Kishimoto im grauen Paar. Sie führt jede Linie mit Ruhe und gespannter Präsenz.

Joel Dichter und Sena Shirae in „Forgotten Land“. Foto: Bettina Stöß

Im roten Paar zeigen Yanelis Rodriguez und Matheus Barboza de Jesus, welches Tempo diese Choreografie fordert. Vor allem Barboza de Jesus beeindruckt mit großer Genauigkeit und hohem Bewegungsdruck. Musikalisch steigert sich „Forgotten Land“ und die Choreografie bleibt dabei konzentriert. Genau das gibt dem Stück seine Wucht.

Schnitte ins Bild

„Sleepless“ führt diese Handschrift weiter und verschiebt sie ins Intimere. Diesmal steht eine große, in Bahnen geteilte Tuchwand in kaltem Blau im Zentrum. Zu Beginn entstehen darauf Schattenspiele von großer Genauigkeit. Wenn eine Tänzerin einen Spalt zwischen zwei Bahnen öffnet und hindurchgleitet, wird das zum zentralen Bild. Kylián konzipierte das Stück als Arbeit für das Nederlands Dans Theater II und ließ sich dabei von Lucio Fontanas aufgeschlitzten Leinwänden inspirieren.

Joel Dichter und Paola de Oliveira Rihan in „Sleepless“. Foto: Bettina Stöß

Die Musik von Dirk Haubrich greift Mozart auf und nutzt das Adagio K 617 für Glasharmonika und Quartett als Basis. Die feinen und zugleich nervösen Klänge – auch wenn die Klangfarbe über die Lautsprecher im Aalto-Theater an manchen Stellen an Schärfe verliert – passen sehr gut zum Bewegungsvokabular.

Das Stück lebt vom exakten Timing und zeigt Menschen in einer Situation ohne Ruhe. Körper, Schatten und einzelne Gliedmaßen erscheinen hinter den Tuchbahnen, lösen sich wieder auf und finden auch in den Duetten keinen festen Halt. So entsteht das Bild einer Nacht, in der Nähe und Orientierung ständig kippen. Jede Verschiebung zwischen Vorderbühne und dem Geschehen hinter den Tuchflächen ist sauber gesetzt. Das Ensemble hält diese hohe Konzentration durchgehend.

Komik mit Widerstand

Schon der Einstieg mit Tänzer Enrico Vanroose in Johan Ingers „Walking Mad“ lenkt den Abend in eine humorvolle Richtung: Im langen Mantel und mit Hut sucht er erst im Publikum vergeblich nach seinem Platz, bevor er sich mit trockenem Witz auf die Bühne vorarbeitet. Dort hebt Tänzerin Mariya Tyurina Mäntel vom Boden auf. Zwischen beiden entspinnt sich sofort ein kleines Spiel aus Annäherung und Abweisung.

Dale Rhodes und Anna Maria Papaiacovou in „Walking Mad“. Foto: Bettina Stöß

Im hinteren Teil des Bühnenraums steht eine lange Holzwand, die sich verschieben, abknicken und immer wieder durch einzelne Türen öffnen lässt. Mal trennt sie den Raum, mal entstehen Durchgänge, mal wirkt sie wie eine Barriere, die den Tänzer:innen direkt in den Weg gestellt ist. Das 2001 für das Nederlands Dans Theater I choreografierte Stück kreist um Begehren, Reibung, Zurückweisung und die Hindernisse, die Menschen zwischen sich aufbauen.

Der Humor entsteht aus Blicken, Pausen und plötzlichen Wendungen. Gerade darin liegt die Stärke dieses dritten Teils. Nach den beiden Kylián-Stücken kommt Leichtigkeit in den Abend, ohne dass die Linie des Programms verloren geht. Wenn Maurice Ravels „Boléro“ die Konstellationen musikalisch vorantreibt, zeigt die Compagnie abermals große Energie und Ausdauer. Die Männergruppe mit Hüten und grellen Partyspitzen setzt lustige Bilder, Matheus Barboza de Jesus fällt erneut auf, diesmal auch mit sehr sicherem komischem Spiel.

V. l. n. r.: Matheus Barboza de Jesus, Francesco Piccinin, Enrico Vanroose, William Emilio Castro Hechavarría, Dale Rhodes und Sena Shirae in „Walking Mad“. Foto: Bettina Stöß

Zum Schluss zieht sich das Stück mit Arvo Pärts „Für Alina“ in einen ruhigeren Ton zurück. Aus dem ausgelassenen Treiben wird eine zarte, sentimentale Nachtszene. Genau dieser Stimmungswechsel gibt dem Abend einen passenden Ausklang und sorgt für tosenden Applaus und Standing Ovations.