Aufführungsfoto von „Biermann – Drachentöter“ von Martin Heckmanns am Staatstheater Meiningen. Im Hintergrund das Emblem der DDR. Im Vordergrund ein Mann, der aussieht wie Wolf Biermann. Neben ihm tanzend, zwei Personen, die riesige Pappmasken-Gesichter von Erich Honecker und Walter Ulbricht tragen.

Drachenkämpfe einst und jetzt

Martin Heckmanns: Biermann - Drachentöter

Theater:Staatstheater Meiningen, Premiere:06.03.2026 (UA)Autor(in) der Vorlage:Wolf BiermannRegie:Frank BehnkeMusikalische Leitung:Lukas Umlauft

Die Uraufführung „Biermann – Drachentöter“ von Martin Heckmanns am Staatstheater Meiningen widmet sich dem Leben und Werk des Liedermachers und Lyrikers Wolf Biermann. Mit Deutlichkeit als Lebensprinzip reinkarnieren sieben Biermanns auf der Bühne, die die Brücke zu hochaktuellen Diskursen schlagen.

Nichts zu verbergen hat der am 15. November 2026 seinen 90. Geburtstag feiernde Wolf Biermann. Deutlichkeit ist Biermanns Lebensprinzip. Der Liedermacher und Lyriker praktiziert, wovor die meisten kuschen oder kuscheln. Und er erotisiert, indem er in seiner „Moritat von den Liebespaaren“ Putin und Trump vereint und das Phänomen „Othello-Stück White-White-Queer“ zitiert. Sein Sprachgebrauch machte Biermann zum Idol und zum Buhmann in Ost und West – später zur Eminenz, aber keiner grauen. Am einzigen Thüringer Staatstheater widmete man ihm und seinem Jahrhundert ein eigenes Stück.

Postdramatisches Portfolio

Die Idee zum systemübergreifenden Meininger Drachenstich hatte Schauspieldirektor Frank Behnke. Der ließ sich von Martin Heckmanns ein riesiges, bei Suhrkamp erschienenes „postdramatisches Stück“ zusammenstellen – ein Portfolio über Biermann und seine Zeiten: die ersten Jahre in Hamburg nach der Geburt mit dem Privileg „in eine kommunistisch-jüdische Familie“, der traumatisierende Tod des Vaters 1943 im Konzentrationslager, die freiwillige Übersiedlung von der BRD in die DDR 1953 –im Jahr des Volksaufstands der DDR gegen das SED-Regime.

Dann die Zeit am Berliner Ensemble kurz nach dem Tod des Vorbilds Bertolt Brecht, die Entdeckung und die zunehmenden Strapazen nach dem „Kahlschlag-Plenum“ im Dezember 1965 mit der strikten Knebelung künstlerischer Eigenmeinungen gegen den Parteikurs. Schließlich „Ausbürgerung“ in die BRD 1976 und dort alsdann das nächste Stigma: Die breite und feuilletonistische BRD-Öffentlichkeit kapierte nur teilweise, dass Biermanns Kapitalismuskritik keine Demokratiekritik war, sondern sich als dialektische Stimme für Demokratie, Meinungsfreiheit und die dafür unerlässliche Meinungsvielfalt verstand.

Siebenmalige Reinkarnation

Die Meininger Uraufführung zeigte Informations- und zeitgeschichtliche Faktenfülle. Das bedeutete: prima Kompaktinfo für die jüngere Generation und partielle Höchstanstrengung für ältere Zeitzeug:innen, deren Erinnerungen an ihr Idol und die massiven Zeitläufe von 1965 bis 1989ff.

Biermann erlebt auf der Bühne, unter der musikalischen Leitung von Lukas Umlauft, seine Reinkarnation als eher prononcierter denn lautstarker Gitarrenbarde. Hier bildet sich das Ensemble aus insgesamt sieben Wolf Biermanns mit Schnauzer und der im Straßenleben von Ost wie West betont unauffälligen Kleidung (Kostüme: Cornelia Kraske). Sie singen alle mit ihren eigenen Stimmen, ohne das Original zu imitieren.

Aufführungsfoto von „Biermann – Drachentöter“ von Martin Heckmanns am Staatstheater Meiningen. Sieben Männer und Frauen, die alle wie Wolf Biermann aussehen, schauen nach vorne und halten einen Stift in der Hand.

Sieben Mal Biermann: „Biermann – Drachentöter“ von Martin Heckmanns am Staatstheater Meiningen. Foto: Christina Iberl

Drachentöter-Einheitsbau

Historische Personen von Margot Honecker bis Johannes R. Becher werden Episodenfiguren. Deren Zuordnung an die verschiedenen Spielenden folgen bei Behnke aber keinem Plan nach Funktion, Bedeutung und Haltung. Travestien verstehen sich: So wird Ulrike Knobloch von Biermanns Mutter Emma, zur BE-Mutter Helene Weigel, der Biermann in den Westen folgenden DDR-Musical-Star Eva-Maria Hagen, Christa Wolf und das personifizierte Ministerium der Staatssicherheit. Nur eine Figur gerät neben den grotesken, teils mit Gesichtslarven ausgestatteten DDR-Funktionsorganen zum tieftraurigen Konterpart: der von der Stasi im Westen beobachtete und 1999 im Alter von nur 49 Jahren an Krebs verstorbene DDR-Oppositionelle Jürgen Fuchs. Mit affektiver Hingabe wie mimischer Klugheit gesetzt von Gunnar Blume. Der Drachentöter-Einheitsbau ist der holzvertäfelte DDR-Plenarsaal mit Hammersichel-Kranz darüber (Bühne: Ralph Zeger).

Bekanntermaßen durften Biermanns Lieder zu Benno Bessons epochaler Inszenierung von Jewgeni Schwarz‘ „Der Drache“ am Deutschen Theater in Ostberlin nicht erscheinen. Und kamen erst 1971 als „Der DRA-DRA. Die große Drachentöterschau“ an den Münchner Kammerspielen heraus.

Zielscheibe in Ost und West

Gunnar Blume, Louise Debatin, Michael Jeske und Paul Maximilian Schulze machen ihre Sprünge von historischen Figuren zum Biermann-Outfit und zurück fulminant. Die Outfits ähneln sich, aber man lernt an diesem Abend, wie viele verschiedene Farben von Augenblitzen es auf der Bühne in einem einzigen Stück geben kann. Die essenziellen Sprünge zu Biermann als Bashing-Zielscheibe in Ost und West geraten souverän. Da bleiben Haltungs- und Bewusstseins-Zwickmühlen.

Behnke und Heckmanns konzentrieren sich vor allem auf die Ost-Perspektive, selbst wenn die West-Schelte auf den Kapitalismus-Kritiker Biermann deutlichst zur Sprache kommt. Nicht zur Sprache kommt aber, dass viele Ost-Menschen Biermann nicht als überparteilichen Humanisten würdigten, sondern als Nörgler und Nestbeschmutzer ablehnten. Es sollte zu denken geben, dass diese Premiere kurz nach der Wenders-Berlinale-Konfrontation und dem Ausschluss dreier linker Buchhandlungen durch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer zu dem von ihm selbst initiierten Deutschen Buchhandlungspreis im Umfeld der Leipziger Buchmesse 2026 stattfindet. Fangfrage: Wer ist da der Drache, Drachentöter, beide oder keiner? Das Staatstheater in Südthüringen ist einmal mehr an der Spitze aktueller Diskurse.