Aufführungsfoto von „Ehrlich“ von Jörn Klare am Anhaltischen Theater Dessau. In der Mitte der Schattenriss eines Tores mit der Aufschrift Jedem das seine. Zwei Frauen und ein Mann blicken den Schattenriss in der Mitte an.

Archivarische Ambivalenz

Jörn Klare: Ehrlich

Theater:Anhaltisches Theater Dessau, Premiere:06.03.2026 (UA)Regie:Carolin MillnerKomponist(in):Florian HeinEinstudierung:Florian Hein

„Ehrlich“ von Jörn Klare beleuchtet semi-dokumentarisch das ambivalente Leben von Franz Ehrlich, Architekt des Konzentrationslagerschriftzugs „Jedem das Seine“, im Spiegel deutscher Geschichte. Die Uraufführung in der Regie von Carolin Millner am Anhaltischen Theater Dessau setzt zu sehr auf die Gewissensfrage in einer distanziert wirkenden szenischen Versuchsanordnung.

Es ist ein makelloses Werk der Schriftgestaltung. Jeder Buchstabe kommt elegant, dabei völlig schnörkellos daher. Keine Serifen sorgen für Ballast. Klare Formen schaffen Leichtigkeit. Es ist, unverkennbar, die Arbeit eines Bauhäuslers. „Jedem das Seine“, steht da in großen Lettern über dem Eingang. Ein ikonisches Bild, das für den unendlichen Zynismus des Konzentrationslagersystems in Nazideutschland steht.

100 Jahre Bauhaus

Und diese Arbeit wurde von einem Bauhaus-Absolventen geschaffen? Von einem Kommunisten gar, der sich im Widerstand gegen den Faschismus befand und dafür mit Haft im Zuchthaus und Vernichtungslager bestraft wurde? War es ein subversiver Akt unter Bedingungen totaler Kontrolle? Oder doch nur der Verrat an einer großen Idee?

Jörn Klare hat, pünktlich zum 100. Bauhaus-Jubiläum in Dessau, ein semi-dokumentarisches Stück über Franz Ehrlich geschrieben, das nun zur Uraufführung gekommen ist. In der 90-minütigen Inszenierung werden die neuralgischen Punkte im Lebenslauf des Architekten und Designers abgeklopft.

Widersprüchliche Lebensstationen

Als Arbeiterkind in Leipzig aufgewachsen und schon in der Jugend sozialistisch organisiert, fühlt er sich von einem Plakat des Bauhauses angezogen. Er macht sich auf nach Dessau, lernt und lebt, arbeitet und feiert mit den großen Erneuerern. Bald schlägt er sich in Berlin durch. Als die Nazis die Macht übernehmen, schließt er sich dem kommunistischen Widerstand an. Aber seine Tätigkeiten bleiben nicht unentdeckt. Wie viele politische Häftlinge landet er im Konzentrationslager Buchenwald, wo er den Schriftzug „Jedem das Seine“ entwirft. Als Zwangsarbeiter wirkt er im Baubüro des Lagers, wird aus der Haft entlassen und ist nun als Zivilangestellter der SS tätig, wird gar als Soldat im Weltkrieg eingesetzt.

Aufführungsfoto von „Ehrlich“ von Jörn Klare am Anhaltischen Theater Dessau. Eine Frau holt mit ihren Armen zum Schlag aus, eine andere Frau beißt dem Mann in seinen rechten Arm, beide stehen auf Holzkästen.

„Ehrlich“ von Jörn Klare am Anhaltischen Theater Dessau mit Nora Rebecca Wolff, Mariann Yar und Roman Weltzien. Foto: Claudia Heysel

Scheinbar bruchlos lebt er erst in der Sowjetischen Besatzungszone, dann in der DDR, wo er Mitglied der SED wird und in verschiedenen Funktionen seiner Tätigkeit als Architekt nachgehen kann. Die neue sozialistische Herrschaft beäugt das Bauhaus kritisch, ist Ehrlich aber als einem Verfolgten des Naziregimes verbunden. Der revanchiert sich und lässt sich durch die Staatssicherheit in Dienst nehmen.

Bühnentauglichkeit

Eine ambivalente, konfliktreiche Geschichte, die auf den ersten Blick für die Bühne bestens geeignet scheint. Klare hat daraus eine szenische Versuchsanordnung gemacht, in der drei Figuren – ein Erzähler, Franz Ehrlich und sein Gewissen – über den Gang der Geschichte streiten. Ein Leben wird in der Nachschau erzählt, aber keine Entscheidung für selbstverständlich genommen.

Diese Anlage erweist sich allerdings als unzulänglich. Hier spricht allzu oft nur scheinbar ein Gewissen; stattdessen kommt der aufgeklärte Blick des 21. Jahrhunderts zum Ausdruck, der nun allwissend den Richter gibt. Selbstverständlich – wer könnte frei von moralischen Erwägungen über die Naziverbrechen sprechen? Aber hier gibt man sich der Vereinfachung hin und erklärt alles zur Gewissensfrage, wo eine Durchdringung der historisch-politischen Zusammenhänge geboten wäre.

Archivare der Geschichte

So wird, der Herausstellung der theatertauglichen Widersprüche wegen, das linke Engagement Ehrlichs in der Weimarer Republik zu bloßem Altruismus verklärt. Ganz so, als wäre die kommunistische Bewegung in Deutschland damals noch nicht auch vom Stalinismus geprägt gewesen. Die östliche Nachkriegsordnung wiederum wird als weitere Verbrecherherrschaft denunziert, als hätte es nicht zumindest in den Aufbaujahren der DDR ein ernsthaftes Interesse gegeben, ein Gegenmodell zum Faschismus zu schaffen. Für Klare handelt es sich nur um „das nächste totalitäre Regime“ und jeder mit sozialistischem Gruß unterzeichnete Brief wird zum Ausweis für die Kollaborationsfreude eines Franz Ehrlich.

Die Regisseurin Carolin Millner, die in der Vergangenheit ein Händchen für historische Stoffe unter Beweis gestellt hat, hat die charmante Idee verfolgt, ihre drei Spieler (Roman Weltzien, Nora Rebecca Wolff, Mariann Yar) mitsamt Souffleuse (Franziska Elsner) als Archivare auf die Bühne treten zu lassen. In einem abstrakten, begehbaren Gebilde (Ausstattung Maylin Habig und Nils Wildegans), das die klare Formsprache des Bauhauses spricht, ringen sie um mehr als eine gefühlte Wahrheit. Die Person Ehrlich bleibt dabei allerdings fern, die historischen Zusammenhänge werden nur durch Schlagworte kenntlich, aber nicht szenisch erfahrbar gemacht. Mit der Gewissenhaftigkeit eines Archivarbeiters will man sich den Dokumenten einer Lebensgeschichte widmen. Allein, der Text gibt es nicht her.