Fan-Sein oder Stalking
Ausgehend von biografischen Erfahrungen der Darsteller:innen werden Potenziale des Sujets ausgelotet. Theo Teichmann erinnert sich, wie er einst die Arie „Nessum dorma“ aus „Turandot“ von Puccini voller Inbrunst gesungen hat. Soyi Cho erzählt, wie sie und ihre Freundin unbedingt ein Star werden wollten. Während sie aufgab, machte die Freundin weiter. Sie war schon für die Girlgroup „Black Pink“ vorgesehen, wurde dann vor dem ersten Auftritt aus dem Geschäft gekickt. Oder Soyi Cho erzählt, wie sie als 6-jähriges Mädchen „Star Wars“ entdeckte und zu einem absoluten Fan wurde. Und immer noch gerne mit den Lichtschwertern kämpft.

„Hall of Fans“ am Jungen Nationaltheater Mannheim von Henrike Iglesias & Hempel mit Theo Teichmann und Soyi Cho. Foto: Natalie Grebe
Henrike Iglesias & Hempel untersuchen vor allen Dingen Fangruppen, die sich öffentlich etablieren: Fußball, Showgeschäft, Film. Die Beispiele sind so gewählt, dass dabei verschiedene Aspekte einer Fanexistenz herausgegriffen werden können. Am Beispiel der beiden Sänger von Tokio Hotel, die von maskierten hysterischen Frauen bis in ihren privaten Raum – wie 2005 in Hamburg geschehen – verfolgt wurden, wird die Frage dringlich: Agieren hier Fans oder Stalkerinnen? Wo liegen die Grenzen? Am Beispiel von Taylor Swift werden ganz verschiedene Fragen diskutiert: Was ist zum Beispiel der Unterschied zwischen einem Fan von Swift und einem Swiftie? Wenn letztere mit Fußball-Ultras verglichen werden, könnten Zweifel auftauchen. Wichtiger ist jedoch der Bericht von einem Fan, dass Taylor Swift für jede Lebenssituation einen emotionalen Song hat. Und wichtiger noch: die Einsamkeit des oder der Zuhörenden aufhebt.
Manipulationsgefahr
Im Verlaufe der Aufführung kristallisiert sich heraus: Fan-Sein bedeutet, sich in einer Gemeinschaft aufgehoben zu fühlen: Man ist nicht alleine oder wie einst Gerry and the Pacemakers sangen: „You’ll never walk alone“. Aber dabei ist man empfänglich für manipulative Techniken. Auch das führen Soyi Cho und Theo Teichmann vor. Am Anfang noch mit unverfänglichen Ratespielen, dann mit Angeboten rhythmischen Klatschens, zu dem das Publikum aufsteht und sich in zwei Gruppen einteilen lässt. Zum Ende hin dann die Aufforderung zum Tanz. Allerdings kommt niemand auf die Spielfläche. Um eine Balance zwischen den ständig laufenden Sounds (Sounddesign: Malu Peeters von Henrike Iglesias) und den Dialogen bewahren zu können, wird der Ton so ausgesteuert, dass das Publikum die gesamte Aufführung über Kopfhörer verfolgen muss.
„Hall of Fans“ ist in erster Linie ein Schauspielerfest. Wie es Soyi Cho und Theo Teichmann von der ersten Sekunde ihres Auftritts schaffen, die Sympathie des in der Premiere nicht nur jungen Publikums zu erhalten, ist stark. Sie agieren dabei so impulsiv und zugleich so souverän, dass das Publikum nicht weiß, improvisieren sie gerade eine neue Situation oder folgen sie einem Regieplan. In einem Moment scheinen sie sich zu necken, um im nächsten Augenblick mit voller Anspannung in die Szene zu gehen. Große Show mit Discokugel, Bühnennebel und Glitzer. Unschwer vorherzusagen, dass hier im Jungen Nationaltheater Mannheim wieder eine Kult-Inszenierung entstanden ist.
