eine gekachelte weiße Mauer auf einer Bühne, am linken und rechten Ende sitzen zwei Schauspieler

Plädoyer für Gemeinschaft

Emil Borgeest, Leo Meier: Wo sind denn alle?

Theater:Schlosstheater Moers, Premiere:26.02.2026 (UA)Regie:Leo Meier, Emil Borgeest

Leo Meier und Emil Borgeest gelingt mit „Wo sind denn alle?“ am Schlosstheater Moers ein mutiger Balanceakt zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Das Stück umkreist das Thema Einsamkeit mit Witz und Gefühl. Ein echter Seelsorger überrascht auf der Bühne.

Der Mann, der mitten in der Aufführung in Ritterrüstung durch den Zuschauerraum schreitet, ist kein Schauspieler. Und doch steuert er mit wippendem Federbusch auf die Bühne zu. Vorne angelangt, dreht er sich um und sagt: „Mein Name ist Olaf Meier, mich gibt es wirklich.“ Er trägt denselben Nachnamen wie Leo Meier, der das Stück „Wo sind denn alle?“ mit Emil Borgeest für das Schlosstheater Moers geschrieben hat. Das ist trotz der vielen Meiers in diesem Land kein Zufall. „Ich bin der Vater von Leo“, teilt der Ritter dem Publikum der Uraufführung mit. Warum sein Sohn ihm mit 68 die erste Schauspielpremiere seines Lebens beschert und mit Brustpanzer, Helm und Schild zum Teil der Inszenierung macht, das wird Olaf Meier gleich erklären.

Aber noch mal einen Schritt zurück, zum Anfang. Linus Ebner spielt ihn in karierter Schlaghose und T-Shirt mit Logo der Deutschen Bank. Seine Schultern hängen, die Hände nesteln an der Kleidung, eine Haarsträhne hängt störrisch im Gesicht. „Angenommen, es gäbe einen Fleck“, setzt er an und während er nach Worten ringt, findet sein fliehender Blick keinen Halt in der Dunkelheit des Saals. An diesem Wasserfleck und all dem, was er anrichten kann, wird sich die Geschichte in den nächsten eineinhalb Stunden abarbeiten.

Nicht nur der Typ in der Schlaghose hat einen Makel. Nach und nach tauchen Mitleidende auf. Der Nachbar, der Stiefeletten in Schlangenleder-Optik und ein Trikot des MSV Duisburg zum cremefarbenen Anzug kombiniert (wunderbar schräg: Matthias Heße), hat ein ähnliches Problem. Wie auch die Figur von Catherine Elsen, die in rosa Tüllkleid und Pelzjacke nebenan lebt. Emil Borgeest und Lex Hymer haben die Kostüme entworfen und das karge Ambiente des Mietshauses mit Wänden aus Sperrholz, drei Türen, Mäuerchen und Balkon angedeutet.

Symbolischer Wasserfleck für Einsamkeit

Der ominöse Wasserfleck, das kann man sich sehr bald denken, hat einen tieferen Sinn. Die Autoren haben ihn als Symbol für die Einsamkeit ersonnen. Viele sind betroffen, kaum einer spricht darüber. So wie die drei auf der Bühne. Sie schämen sich, dass sich das Gefühl des Alleinseins in ihren Single-Wohnungen wie ein feuchtes Übel ausbreitet.

Hier kommt Leos Papa Olaf ins Spiel, der so etwas wie die Keimzelle von „Wo sind denn alle?“ ist. Er hat im echten Leben fast 30 Jahre für die Telefonseelsorge Duisburg/Mülheim/Oberhausen gearbeitet und seinen Sohn zu diesem Text inspiriert. Nach dem Erfolgsstück „zwei herren von real madrid“ und den Anschlusstreffern „fünf minuten stille“ und „auf der suche nach dem verlorenen bagger“ hat Leo Meier diesmal Emil Borgeest mit ins Boot geholt. Weil das doch viel besser sei, als einsam übers Alleinsein zu schreiben. Sie führen auch gemeinsam Regie und haben sich die Ritterrüstung ausgedacht. Als Schutz vor Einsamkeit.

Eine Darstellerin vor einer dunklen Mauer, telefonierend

Catherine Elsen. Foto: Jakob Studnar

Nein, selbst ein Seelsorger ist nicht unverletzlich. „Auch ich bin manchmal einsam“, sagt Olaf Meier, bevor er einen Zettel mit Notizen zückt und seinen Erfahrungsschatz teilt. „Früher ging es bei der Seelsorge um schwierige, heute um fehlende Beziehungen.“

Aber wer nun denkt, dass auf der Moerser Bühne ein Trauerspiel seinen Lauf nimmt, der irrt. Es dauert keine Minute, bis im Publikum gekichert wird. Und das bleibt auch so. Abgesehen von den optisch und schauspielerisch aberwitzig gezeichneten Figuren, wird das ernste Thema auch in urkomische Dialoge verpackt. Aus dem Gemeinschaftswerk liest man die Handschrift von Leo Meier, der die Gabe hat, lakonische Sprache zwischen Witz und Trostlosigkeit changieren zu lassen. Offenbar ist er, was Stil, Sprachgefühl und Humor betrifft, mit Emil Borgeest auf einer Wellenlänge. Im Stück schwingt selbst dann ein fast zärtlicher Unterton und ein Hauch von Zuversicht mit, wenn sich Wut oder Traurigkeit voller Wucht entladen.

Liaison von Fiktion und Realität

Es ist ein Wechselbad: Erst lacht man über groteske Szenen wie die, als Matthias Heße als neugieriger Mieter mit gewieften Fragen etwas über das XXL-Paket seines Nachbarn erfahren möchte. Dann hört man Letzteren nach einer Gefühlsexplosion voller Schmerz „Wo ist ein guter Freund, der mich in den Arm nimmt?“ rufen. Wie Linus Ebner diesen zwischen Wahn und Schwermut Taumelnden spielt, ist grandios. Überhaupt: Das ganze Ensemble ist fantastisch. Sie alle haben ein so gutes Gespür für den Ton des Textes, dass die Gratwanderung zwischen Spaß und Ernst gelingt und es stets lustig, aber nicht albern ist.

Und dann ist da noch die ergreifende Szene, als im letzten Drittel überraschend Clara Pinheiro Walla als weitere Nachbarin auftaucht und das Trio der Einsamkeit auf der Suche nach Glück zum Kleeblatt wird. Ihr Wasserschaden hat lebensgefährliche Ausmaße angenommen. Das Elend stand ihr bis zum Hals und sie konnte im letzten Moment durch ein Fenster entkommen. Nun steht sie pitschnass da, Wasser rinnt aus ihrem tiefroten Rock und schwappt in den Gummistiefeln, während sich die junge Frau den vermeintlichen Makel mit den Tropfen vom Leib schüttelt und ein Plädoyer für Gemeinschaft hält.

Das Premierenpublikum würdigt die mutige Liaison von Fiktion und Realität mit heftigem Applaus. Faszinierend, wie harmonisch sich der berührende Auftritt von Olaf Meier in die Geschichte fügt. Es ist ein Glücksfall, dass „Wo sind denn alle?“ die Uraufführung im intimen Ambiente des Schlosstheaters erlebt, wo man der Einsamkeit allein schon durch die physische Nähe zu Sitznachbarn und Bühnenspiel ein Schnippchen schlägt. Man wünscht den Autoren, dass ihr Werk vom Niederrhein in die weite Theaterwelt zieht, Menschen zusammenbringt und den Blick füreinander schärft.