"Next Wave - Masters of Dance - Visionen der Moderne" am Landestheater Eisenach. Choreografie: "The Hunt" (Robert Battle) | Paul Kenny, Andrea De Marzo, Davide Benigni, Luigi Cifone.

Wellen-Panorama

Jorge Pérez Martínez, Lucinda Childs, Ana Isabel Casquilho, Robert Battle: Next Wave

Theater:Landestheater Eisenach, Premiere:21.02.2026 (UA)

Unterschiedliche Stile und Handschriften durchfluten den vierteiligen Tanzabend „Next Wave“ in den Choreografien von Jorge Pérez Martínez, Lucinda Childs, Ana Isabel Casquilho und Robert Battle am Landestheater Eisenach: Das Experiment mit zeitgenössischen Formen des Tanzes glückt.

Zugegeben, es ist nicht der erste – das war zu Beginn der Spielzeit „Romeo und Julia“ –, sondern der zweite Abend, den Jorge Pérez Martínez, der neue Ballettdirektor am Landestheater Eisenach, präsentiert. Dennoch muss dieser vierteilige Tanzabend, der am Samstag in Eisenach zur Premiere kam, als sein wirklicher Einstand gelten. „Next Wave. Masters of Dance. Visionen der Moderne“, so der etwas sperrige Titel, bringt vier Choreografien ganz unterschiedlicher Handschriften und Stile zusammen. Pérez Martínez eröffnet damit ein Koordinatensystem, mit dem sich seine weitere Arbeit in Eisenach verorten lassen kann. Zugleich ist diese Zusammenstellung ein Wagnis, denn das klassische, in Eisenach gewohnte Ballett lässt diese Auswahl fast komplett hinter sich. Immerhin, so ließ sich mit einem ersten Blick durch die Reihen festhalten, es war nahezu ausverkauft.

Welle um Welle

Für die erste Bewegung dieser neuen Welle kommt eine Meisterin des modernen Tanzes zum Zuge. Lucinda Childs „Chairman Dances“, uraufgeführt 2000 mit dem Ballett de Monte Carlo, wird hier von sieben Damen und acht Herren getanzt. Zur Musik von John Adams bewegen sich die Tanzgruppen mit den leicht variierenden Bewegungsmustern über die Bühne. Ein Zirkeln und Wippen, sich wiederholende Bewegungen in bordeaux-farbenen Kostümen, bis Gaia Zanirato und Luigi Cifone als rotes Paar und mit großem Auftritt zum Pas de deux ansetzen. Das Tanzensemble setzt Childs Vorgaben minutiös wie eine perfekt eingestellte Maschine um. Dass sie überhaupt in Eisenach gezeigt werden kann, ist das große Pfund von Pérez Martínez. Er ist einer von drei Choreograf*innen in Europa, der als ehemaliger Assistent der Grande Dame ihre Werke einstudieren darf und setzt das vorbildhaft mit seiner eigenen Compagnie um.

Den zweiten Teil gestaltet Pérez Martínez selbst und schickt zum „Violin Concerti No.1, Esoconcerto“ Tim Thomas Hutsch und Ruxandra Martina in ein emotionales Duett. Es ist ein Wechselspiel von Anziehung und individueller Selbstbehauptung. Sie umkreisen sich, verschlingen sich in spektakulären Hebefiguren, reiben sich in starker Körperlichkeit aneinander, doch irgendwas treibt sie immer wieder auseinander. Nur selten kommt es zu den typischen, Harmonie vermittelnden, gespiegelten Bewegungen, zum Gleichklang zweier Menschen. Irgendjemand ist immer auf dem Absprung – ein Bild zeitgenössischer Beziehungen mit permanenter Bindungsangst. Kurz vor Ende steht Hutsch alleine am Bühnenrand, während Martina fast in der anderen Bühnenecke weilt. „Hör mir zu!“, ruft er laut in den Saal. Es bleibt also kompliziert. Da verwundert es wenig, dass es kein finales Schlussbild gibt, sondern beide zusammen ins Dunkel tanzen. Diese Geschichte hat kein Ende. Ein anrührendes Pas de deux im neoklassischen Stil mit starkem Körpereinsatz.

„Next Wave“: „Ephemerus“ von Ana Isabel Casquilho am Landestheater Eisenach. Neun Tänzerinnen und Tänzer beugen hintereinander aufgereiht ihre Arme nach Außen. Alle schauen nach links.

„Next Wave“: „Ephemerus“ von Ana Isabel Casquilho am Landestheater Eisenach. Foto: Lutz Edelhoff

Großer Flow

Der nächste Teil der Welle war in Eisenach nicht unbekannt. „Ephemerus“ wurde bereits im letzten Jahr im Zug der Nachwuchsreihe „Next Generation“ hier erarbeitet und war prompt für den FAUST-Preis nominiert. Grund genug, die Choreografin Ana Isabel Casquilho wieder ans Landestheater zu holen, um die Arbeit wieder auf die Bühne zu bringen. Die Musik von David Nigro setzt von Beginn an auf andere Akzente. Zu Klavier und Streichern mischen sich elektronische Beats, die 14 Tänzer*innen starten synchron im sanften Nebel, der über der Bühne steht. „Ephemerus“ setzt auf den großen Flow. Alles ist miteinander verbunden, organisch ergeben sich große Figuren und verschwinden. Gruppen bilden sich, kleine Soloparts entstehen und verschwinden wieder. Bisweilen fühlt man sich an moderne Sacre-Interpretationen erinnert. Manchmal an die Geburt eines Schmetterlings oder eine hinduistische vielarmige Gottheit, wenn die Tänzer*innen sich in ihren blau-pinken Kostümen formieren.

In der Mitte dann ein Bruch: Ein Pas de deux von Carolina Martins de Oliveira und Luigi Cifone, während aus den Lautsprechern Philosoph Alan Watts über das Göttliche in fernöstlichen Religionen spekuliert. Im Vergleich zum vorherigen Duett ist es hier verspielter, weniger intim, mehr nach außen gerichtet, gleichwohl Ähnlichkeiten durchaus zu erkennen sind. „Ephemerus“ ist zeitgenössischer Tanz auf Basis der Neoklassik auf der Höhe der Zeit. Das kleine Landestheater tut gut daran, dieses Stück wieder zu zeigen und es nicht im Archiv verschwinden zu lassen.

Archaische Trommeln

Zum Abschluss präsentiert die Compagnie dann noch eine ganz andere Farbe: „Hunt“ des amerikanischen Choreografen Robert Battle, der lange für das Alvin Ailey American Dance Theater gearbeitet hat. „Hunt“ wird von sechs Tänzern in schwarzen Röcken mit rotem Innenfutter und mit freiem Oberkörper getanzt. Die Percussions erinnern an archaische Stammestrommeln und dem ganzen Abend wohnen ritualhafte Anmutungen bei. Präzise Kraft, präzise Energie und klare Bilder donnern von der Bühne in den Zuschauerraum und weiten einmal mehr das Panorama des Tanzes, das hier präsentiert wird.

Am Ende Standing Ovations für das gesamte Team. All die Befürchtungen, die im Vorfeld geäußert wurden, dass es ein eher schwieriger Abend sei, sind verflogen. Das Experiment hat funktioniert, auch hier können solche zeitgenössischen Formen funktionieren und das Publikum begeistern. Jorge Pérez Martínez ist sein zweiter Start in Eisenach mehr als geglückt.