Foto: Peter steht mit seiner Frau vor einer Entscheidung. © Birgit Hupfeld
Text:Lea Nitsch, am 1. Februar 2026
Am Theater Dortmund inszeniert Jessica Weisskirchen die Uraufführung von „Pidor und der Wolf“. Das Stück des Autors Sam Max nutzt die Rahmenhandlung von Sergej Prokofjews beliebtem Musikmärchen als Grundlage, um auf die Verfolgung und Ermordung homosexueller Männer in Tschetschenien aufmerksam zu machen.
Peter steht in der Mitte der Bühne, an einem schattenhaften Tor. Unscheinbar, simpel. Ein Zaun, der alles bekannte drinnen und alles andere draußen halten soll. Ein Schutz vor der Kälte, die der unbändig von der Bühnendecke fallende Schnee auf die eingefrorenen Gesichter und in alle Ecken des Hauses kriechen lässt. Anders als in Sergej Prokofjews Musikmärchen „Peter und der Wolf“ symbolisiert das Eisentor hier keine vielversprechenden Abenteuer, die ein idyllisches Heim durcheinander bringen. In der daran angelehnten Uraufführung „Pidor und der Wolf“ des US-amerikanischen Autors Sam Max sickert die Grausamkeit der Welt durch die Zaunlatten hindurch. Sie ist nicht aufzuhalten. Egal, wie sehr sich die Protagonist:innen auch vor ihr verbergen mögen.
Verdeckte Realität
Peter (Luis Quintana) ist hier ein erwachsener Mann, hat Frau und Kind. Sie alle wohnen in einem gewächshausartigen Gerüstbau, der umgeben von schwarz aufragenden Tannen, fragil der andauernden Kälte und Dunkelheit Tschetscheniens zu trotzen scheint. Ein Zustand, der sich auch auf die kleine Familie übertragen lässt: Peter ist schwul. Seine Frau weiß davon. Und die daraus resultierende Stille aus ungelebten Gefühlen und unausgesprochenen Wahrheiten ist so gewaltig, dass sie den Figuren die Luft abzuschneiden droht. Bis Peter es am Abend vor dem achten Geburtstag seines Kindes nicht mehr aushält und nachts das Haus verlässt, um auf ein Sexdate zu gehen. Mit dem Wolf (Lukas Beeler), der Menschen wie ihn aufspürt und an den queerfeindlichen, menschenverachtenden Staat ausliefert. Im Gefangenenlager trifft Peter dann seinen Jugendfreund und heimlichen Crush Ilya (Ekkehard Freye) wieder.
Sam Max‘ Geschichte ist ein bitterböses Schauermärchen mit brutalem, realen Kontext. Das titelgebende Wortspiel Pidor stammt aus dem russischen Sprachraum und ist ein Schimpfwort, mit dem homosexuelle Männer beleidigt und gedemütigt werden. Im Programmheft finden sich drei anonymisierte Berichte von Menschen, die systematische, homophobe Verbrechen in Tschetschenien überlebt haben. Währenddessen hängt der Bericht des Berliner Klimaschutzaktivisten Quang Paasch über allen Köpfen. Anfang Januar hatten Männer ihn über eine App auf ein Date in Neukölln gelockt und dort brutal zusammengeschlagen.
Verbildlichte Gefühle
Regisseurin Jessica Weisskirchen inszeniert diese offen klaffende Gewalt mit viel bildlicher Durchschlagskraft. Wenn der Wolf Peter über eine Dating-App manipuliert, nimmt er auch körperlich die Verfolgung auf, folgt ihm schleichend auf der Drehbühne. Wenn Peter zu seinem Sexdate aufbricht und seine Familie zurücklässt, hat man durch eine optische Illusion im Publikum das Gefühl, mit dem Zuhause zu Boden zu fallen. Und wenn Peters Frau (Antje Prust) von ihren unerfüllten Bedürfnissen berichtet, stopft sie Peter gewaltsam Geburtstagskuchen in den Mund, den dieser ihr vor die Füße spukt. Währenddessen schafft Ausstatterin Wanda Traub eine düstere Symmetrie auf der Bühne, die dem Schrecken eine Art schaurige Ästhetik verleiht, aber auch die gesellschaftliche Starre und Gefühle der Darstellenden verdeutlicht.

Peter und Ilya in Gefangenenschaft. Foto: Birgit Hupfeld
Diese Verlagerung nach Außen ist ebenfalls in Sam Max‘ Stücktext so angelegt. Die Figuren sprechen häufig über sich selbst in der dritten Person, distanzieren sich durch den Perspektivwechsel von ihren Emotionen. Am deutlichsten wird das an Peters Sohn, der doppelt besetzt gleichzeitig als Kind (Leonie Schraven, Malik Aybey, Josua Rieger) und als sechzehnjähriger Junge (Viet Anh Alexander Tran) auf der Bühne steht. Als Kind spricht Tran das aus, was der Achtjährige noch nicht sagen kann. Als Sechzehnjähriger kommt das Kind zurück und lässt eingefrorene Emotionen an die Oberfläche brodeln.
Harter Cut
Wirklich sechzehn ist Peters Sohn erst nach der Pause. Dann sind acht Jahre vergangen, Peter acht Jahre verschwunden und auch die Inszenierung scheint wie ausgewechselt. Statt verbildlichter Gewalt folgen grafische Szenen mit Shock Value: Bei der Feier ihres Sohnes hat Peters nun Ex-Frau vor den Augen aller Gäste ausgelassenen Sex mit dem Wolf und pinkelt anschließend auf den Geburtstagstisch. Dabei grölt das Ensemble, schreit und trägt seinen Hass plakativ nach Außen.
Als Peter durch Umwege zu der Geburtstagsfeier stößt und entdeckt wird, schikaniert erst der Wolf, dann seine Ex-Frau und schließlich sein Sohn ihn offen und niederträchtig. Alle bekommen die Chance, einmal ihre eingelagerten Traumata auszugraben und Peter an den Kopf zu werfen. Der nimmt dies alles betroffen hin, lässt seinem Sohn mit bebender Stimme die Wahl, als er ihn erschießen soll.
„Pidor und der Wolf“ krönt keine Held:innen. Es gibt kein moralisch-gut und keine Hoffnung. Stattdessen konfrontiert das Stück sein Publikum mit der Ausweglosigkeit eines gesellschaftlichen Systems, das die Menschenrechte seiner Mitglieder massiv missachtet und sie zum Unterdrücken ihrer Emotionen und ihrer Lebensrealität verurteilt. So ist am Ende auch egal, wen Peters achtjähriger Sohn in Uniform erschießt als der Vorhang fällt.