Sandra Hinz und Schirin Khodadadian

Kontinuität bei Göttinger Neustart

Das Deutsche Theater Göttingen wird ab der Spielzeit 2027/28 von Geschäftsführerin Sandra Hinz und der Regisseurin Schirin Khodadadian geleitet. Damit ist nach dem vorzeitigen Ausscheiden von Erich Sidler vor Ort Kontinuität gewährleistet. Der Wechsel dürfte exemplarisch für Veränderungen in der Theaterlandschaft stehen.

Vor drei Monaten hat Erich Sidler, der Intendant des Deutschen Theaters Göttingen, öffentlich gemacht, dass er das Theater zwei Jahre vor Ablauf seines Vertrags verlässt. Während Stadt und Landkreis schon im letzten Jahr beschlossen hatten, die Zuschüsse wieder zu erhöhen und damit die Tarifsteigerungen der Mitarbeitenden aufzufangen, ist die finanzielle Unterstützung des Landes seit Jahren, milde gesagt, fragil.

2019 war an kommunalen niedersächsischen Theatern wie dem Deutschen Theater das Aktionsbündnis #rettedeintheater entstanden, um die Tarifsteigerungen an den Theatern auszugleichen. Doch seit 2025 wurden nicht mehr nur die Tarifsteigerungen nicht finanziert, sondern auch Kürzungen von über 600.000 Euro im Etat des Hauses beschlossen. Allerdings steht das Haus vor einer Sanierung, vor Jahren, die – so Sidler im Oktober – „von Baumaßnahmen und Interimsspielstätten geprägt sein werden“. Laut Sidler wären bei einer weiteren Verweigerung des Landes gegenüber einer Übernahme der Tarifsteigerungen betriebsbedingte Kündigungen unausweichlich gewesen.

Starke Frauen an der Spitze

Laut Göttinger Tageblatt hat nun die Oberbürgermeisterin von der Landesregierung in Hannover signalisiert bekommen, „dass das Land eine Tür für einen langfristigen Vertrag“ öffne, der Fortbestand des Theaters also gesichert sei. Und sie präsentiert „zwei starke Frauen an der Spitze“. Verwaltungschefin Sandra Hinz ist seit 2015 Geschäftsführerin und Verwaltungsdirektorin des Theaters. Die Regisseurin Shirin Khodadadian ist seit 2024 künstlerische Co-Leiterin des Theaters. Die neue Doppelspitze ist also (in den Worten von Sandra Hinz) eine „Weiterentwicklung in der Leitungsstruktur“ des Hauses. Und für die Institution ein positives Zeichen für Kontinuität.

Dass die Geschäftsführerin zur Co-Intendantin aufsteigt, ist in wirtschaftlich prekären Zeiten eine nachvollziehbare Entscheidung. Das von Hinz formulierte Ziel eines Theaters, „das künstlerisch strahlt und organisatorisch agil aufgestellt ist“, klingt überzeugend. Und dass die Rolle des Stadttheaters sich vom unabhängigen Kunstbetrieb zum Anschluss an die Stadt suchenden Teil der Stadtgesellschaft wandelt, wird auch durch Äußerungen der künftigen Co-Intendantin Shirin Khodadadian deutlich. Sie will „partizipatorische Strukturen stärken“, lobt die Arbeit der Theaterpädagogik, erwähnt die Kooperationsschulen und 16 Spielclubs und sucht „solidarische Vernetzung mit der Göttinger Kulturszene“, einschließlich Universität.

Dabei ist Khodadadian eine renommierte Regisseurin, die hinsichtlich der gesellschaftlichen Verwerfungen an die Kraft der Theaterkunst glaubt: „Wir können mit künstlerischem Mitteln allem entgegenwirken“. Die Berufung eines Frauenduos, das sich und das Haus gut kennt, ist für das Deutsche Theater in Göttingen in schwierigem wirtschaftlichem und baulichem Umfeld eine gute Entscheidung. Und sie ist ein Hinweis auf einen zunehmenden Pragmatismus im Stadttheaterbetrieb. Nicht mehr spektakuläre Einzelkünstler:innen, die ihr Ding machen, sind an deren Spitze gesucht, sondern Teams, die eine integrative Rolle in der Stadtgesellschaft spielen wollen.